11. September

Das wahre Mahnmal: „United 93“

Von Jordan Mejias, New York

26. April 2006 Bevor die Maschine zerschellt, zersplittert der Film. In immer kleineren, immer wilder durcheinandergeworfenen, immer unerträglicheren Bildfragmenten zeigt er Menschen im Angesicht des Todes.

Menschen, die sich im engen Kabinengang verknoten. Einen Servierwagen, den sie als Waffe einsetzen. Dellen, dann Löcher in der Tür des Cockpits. Einer der Flugzeugentführer geht zu Boden. Blut, verwischte Bewegungen, irre Schatten, dazu Rufe, die in einen einzigen unendlichen Notschrei übergehen. Schließlich die offene Tür. Der aufgerissene Mund des Terroristen auf dem Pilotensitz. Hände, Arme, die nach dem Steuer greifen, ins Leere peitschen. Durchs Fenster des Cockpits sich vergrößernde, näherrasende Landschaftswirbel. Ein grüner Acker bläst sich auf. Blackout. Der Film ist zu Ende.

Niemand wird je wissen, ob es so war

War es so? Niemand weiß es, niemand wird es je wissen, obwohl jeder die groben Umrisse dieses Morgens und dieser Flugzeugentführung kennt. Und auch nachdem vorletzte Woche durch einen Gerichtssaal in Virginia die Tonaufzeichnungen aus der Maschine schallten, die als vierte Mordwaffe des 11. September 2001 ihr Ziel verfehlte und auf dem Weg nach Washington über Pennsylvania abstürzte, kann es lediglich Vermutungen darüber gehen, was an Bord wirklich geschah. Mit „United 93“ hat der englische Regisseur Paul Greengrass aus soviel ungewisser Gewißheit einen überwältigenden Film gemacht.

Alle Vorberichterstattung über eine unangemessene Sensationsmache, über den verfrühten Umgang mit einer noch schwärenden Vergangenheit, über Voyeurismus und die geschäftstüchtige Taktlosigkeit Hollywoods löst sich in nichts auf. Mit seinem dokumentarischen Ansatz schafft „United 93“ sich seine eigene Wirklichkeit, fern jeder politischen oder patriotischen Vereinnahmung und völlig ohne Stars, dafür mit unbekannten Schauspielern und einer Reihe von Darstellern, die sich im angeblich wirklichen Leben als Flugbegleiter, Luftlotsen und Piloten durchschlagen.

Morgendliches Gebetsmurmel

Der Film, der sich während der letzten halben Stunde unerbittlich auf Echtzeit verlangsamt, beginnt mit dem morgendlichen Gebetsgemurmel der vier Terroristen. Wiederzufinden sind sie in der Alltagsroutine eines amerikanischen Flughafens, und nebenbei dürfen wir ausführliche Blicke in die reibungslos schnurrende Mechanik der zivilen und militärischen Flugsicherung werfen. Flugbegleiter trudeln ein, Passagiere reiben sich die Müdigkeit aus den Augen, Fluglotsen richten sich auf einen ereignisfreien Spätsommertag ein. Auch da verläßt Greengrass sich schon aufs Fragment, vertieft keine Charaktere und macht uns mit keinem potentiellen Helden bekannt. Kein reisender Geschäftsmann verabschiedet sich am Frühstückstisch von seinem blonden Töchterchen, kein Ehekrach wird inszeniert, der später im tränenreichen Telefongespräch von Bord aus gekittet werden könnte. Der Terrorist, der die Maschine steuern wird, flüstert „Ich liebe dich, ich liebe dich“ ins Handy. Auf deutsch.

Das pointillistische Stimmungsbild ist die erste Verweigerung von Greengrass gegenüber dem Diktat des großen Gefühlskinos, das die Identifikation mit dem Individuum voraussetzt. Ganz nah rückt die Kamera dem zahlreichen Filmpersonal auf dem Boden und in der Luft, sie ist mittendrin, und wir sind es mit ihr, aber zugleich wahrt sie Distanz. Die nur im Nachspann namentlich genannten Personen behalten ihre Geheimnisse, Horror und Gewalt werden in virtuosen Schnitten und dank Barry Ackroyds Kamerahexerei heraufbeschworen, nicht ausgekostet.

Die gleiche Distanz

Haben die Terroristen, wie Robert Altman unvergeßlich behauptete, Hollywood kopiert, so weigert Greengrass sich nun, den Kreis zu schließen und den hollywoodesken Terror nach den Regeln Hollywoods nach Hollywood zurückzuholen. Das überläßt er dem Fernsehen, das mit „Flight 93“ in die offensichtliche Falle gegangen ist. Die gleiche Distanz aber, die Greengrass zu den Passagieren beibehält, gewährt er auch den Terroristen. Oder, anders gesagt, sie kommt ihnen zugute.

Im Gegensatz zu Steven Spielberg jedoch, der in „München“ auch den Terroristen nicht die Menschlichkeit absprach, schaut die endlos bewegliche Kamera in „United 93“ den Terroristen und Passagieren unbewegt zu. Das ist natürlich nur ein Kunstgriff, aber er gelingt und überzeugt in seiner Folgerichtigkeit. Der Film meidet jegliche Botschaft. Selbst einige kritische Schlaglichter auf den verzögerten Einsatz der Militärs, die sich auf CNN verlassen müssen, und die Unmöglichkeit, jemanden in der Regierung zu erreichen, gehen nicht über die bekannten Fakten hinaus. Angesichts des umfassenden Sakralisierungsprozesses, den Amerika sich beim Thema 11. September auferlegt hat, ist darin freilich schon eine zersetzende Haltung zu erkennen. Denn wo die Terroristen nicht mit den üblichen Kennzeichen der Bösen ausgestattet sind, stoßen auch die Helden, die sich für amerikanische Patrioten in allen Passagieren offenbaren, an ihre Evidenzgrenzen. Der Blick aufs Kollektiv läßt die Heldenfrage unbeantwortet.

Gesprächsfetzen am Bordtelefon

Dennoch gewinnt der Film von Greengrass allmählich an emotionaler Intensität und steigert sich in ein Delirium, das nicht allein den Bildern, sondern auch einer collagenhaft überlagerten, vom Chaos des Morgens angesteckten Tonspur zuzuschreiben ist. Ein paar Gesprächsfetzen, ein paar Sekunden am Bordtelefon, ein paar Worte an den Nebenmann genügen, um einer kaum angerissenen Figur doch Gestalt zu geben. Die Fragmente bündeln sich im Schlußcrescendo mit einer Wucht, über die sich allerdings auch wieder das alte Hollywood begeistern müßte.

„United 93“ wurde zur Eröffnung des Tribeca Film Festivals gezeigt, das vor vier Jahren als Antwort auf die Terroranschlage in Downtown Manhattan ins Leben gerufen wurde. Der Film ist der „Erinnerung an all jene gewidmet, die ihr Leben am 11. September verloren haben“. Er spielt in jener menschlichen Extremregion, wo Politik keine Rolle mehr spielt. Greengrass schneidet am Ende islamische und christliche Gebete gegeneinander. Die Absurdität, die Katastrophe patriotisch umzudeuten, war nie klarer zu erkennen. Ihr Überlebensinstinkt, nicht ihre Liebe zum Vaterland, treibt die Passagiere zu Tat. So wird „United 93“ durch seine politische Enthaltsamkeit zum politischen Phänomen. Klangtechnisch erst vielschichtig, dann gewaltig unterfüttert, trifft der Terror Amerika wie ein Schicksalsschlag.

Greengrass hat mit „United 93“ ein filmisches Mahnmal geschaffen. Wie das offzielle für Ground Zero geplante fordert es Streit heraus. Wozu der Film mahnt, ist nämlich alles andere als klar. Im Grunde darf sich jeder seinen eigenen Mahnentwurf zusammenbasteln. Greengrass bietet leere Projektionsflächen. Er ist der Peter Eisenman des Films.



Text: F.A.Z., 27.04.2006, Nr. 98 / Seite 35
Bildmaterial: 2005 United Pictures International, AP, dpa/dpaweb, picture-alliance / dpa, picture-alliance/ dpa, REUTERS

 
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