15. Februar 2005 Beides kennt der Berlinale-Rummel: viel Lärm um nichts und heimliche Gewinner. FAZ.NET begleitet die Filmfestspiele mit Kurzbewertungen der Filmkritiker von F.A.Z. und Sonntagszeitung.
Gespenster (Deutschland)
Regie: Christian Petzold. Mit Julia Hummer, Sabine Timoteo
Eine Französin glaubt, in einer Berliner Streunerin ihre einst entführte Tochter zu erkennen.
Michael Althen: Christian Petzold verwandelt die Gegend um den Potsdamer Platz in einen Märchenwald und fängt gleichzeitig mehr von der Gegenwart dieser Stadt ein als alle anderen.
Peter Körte: Je kühler Christian Petzold inszeniert, je klarer er seine Bilder baut, desto stärker die emotionale Wucht, die von den beiden wunderbaren Hauptdarstellerinnen ausgeht.
Andreas Kilb: Unter Christian Petzolds rigorosem Blick wird das Gespenstische des Berliner Sommers real.
Der späte Mitterrand (Frankreich)
Regie: Robert Guédiguian. Mit Michel Bouquet, Jalil Lespert und Philippe Fretun
Die letzten Tage François Mitterrands, in denen er seinem Vertrauten intimste Geheimnisse und persönliche Erinnerungen offenbart.
Peter Körte: Manchmal wird es zwar ein bißchen zäh und für deutsche Zuschauer mangels Kontext nur ansatzweise nachvollziehbar, aber dann braucht man sich wieder nur vorzustellen, über welchen deutschen Politiker ein solcher Film entstehen könnte - und schaut ins Leere. Und Michel Bouquet als Mitterrand ist wirklich unheimlich gut.
Michael Althen: Michel Bouquet spielt den späten Mitterrand, der Abschied von Macht und Leben nehmen muß. Robert Guédiguian inszeniert das so lebendig, wie das in der dünnen Luft um den Präsidenten eben möglich ist.
Man to Man (Frankreich)
Regie: Régis Wargnier. Mit Joseph Fiennes, Kristin Scott Thomas
Suche nach dem so genannten missing link - der in der Wissenschaft im 19. Jahrhundert diskutierten Verbindung zwischen Mensch und Affe.
Peter Körte: Wenn der Ausstatter wichtiger ist als die Schauspieler und wenn Kostüme wichtiger sind als Motive, wird der Regisseur zum Dekorateur und macht sich damit auch ein bißchen zum Affen.
Andreas Kilb: Ein Wissenschaftsdrama als Zoobesichtigung oder: 'Greystoke' auf Sauce Bearnaise.
Verena Lueken: Régis Wargnier macht leider nicht mehr daraus als einen Ausstattungsfilm, in dem die faszinierende Welt des Halbwissens, des Erkenntnisdrangs auf allen Abwegen und der Hybris nie lebendig werden.
Michael Althen: Ein paar große Namen, ein irgendwie ambitionierter Stoff, ein halbwegs bekannter Regisseur, und heraus kommt meistens ein Film, der es gut meint, aber alles falsch anpackt.
Paradise Now (Palästina)
Regie: Hany Abu-Assad. Mit Kais Nashef, Ali Suliman
Die letzten 48 Stunden im Leben zweier palästinensischer Selbstmordattentäter.
Verena Lueken: 'Paradise Now' zählt zu der Gruppe gelungener Spielfilme, die politisch Position beziehen, ohne daß sie eine Lösung anzubieten sich anmaßten, und die gleichzeitig deutlich machen, daß sie Fiktion sind, mit Wahrheitsanspruch.
Peter Körte: Eine Gratwanderung: die letzten 24 Stunden zweier Selbstmordattentäter. Mitunter schlingert der Film gefährlich, und die Konstruktion einer hübschen Frau, aus der die Stimme der Vernunft sprechen soll und die zudem Tochter eines heldenhaft verehrten Selbstmordattentäters ist, ist arg schematisch.
One Day in Europe (Deutschland)
Regie: Hannes Stöhr. Mit Megan Gay, Ludmila Tsvetkova
Vor dem Hintergrund eines Champions-League-Finales werden Touristen in Moskau, Istanbul, Santiago de Compostela und Berlin in Diebstähle verwickelt.
Andreas Kilb: Hannes Stöhrs Episodenfilm hat viele hübsche Momente, aber keine schlüssige Idee.
Peter Körte: Das Konzept ist charmant, doch es bleibt bloß ein Konzept, weil die vier Geschichten nur sehr oberflächlich aufeinander verweisen und ein bißchen additiv aneinandergereiht sind. Und was der Film einem denn nun über Europa erzählen will, bleibt im Vagen.
Asylum (Großbritannien)
Regie: David Mackenzie. Mit Natasha Richardson, Ian McKellen
Ein Blick in die selbstzerstörerischen Abgründe einer obsessiven Liebe im prüden Großbritannien der fünfziger Jahre.
Andreas Kilb: Beinahe ein gutes Melodram. Aber nur beinahe, also fast gar nicht.
Peter Körte: Immer wenn das düstere Psychodrama von seinen gediegenen Kulissen und seiner phasenweisen Behäbigkeit erdrückt zu werden droht, retten die drei Hauptdarsteller es vor der dem Stillstand.
Thumbsucker (Vereinigte Staaten)
Regie: Mike Mills. Mit Keanu Reeves, Tilda Swinton
Skurrile und dramatische Odyssee eines jungen Teenagers in die Drogensucht.
Peter Körte: Die Kraft eines Films wie 'Der Eissturm' hat 'Thumbsucker' zwar nicht, aber es gelingt ihm, in seiner Coming-of-Age-Geschichte aus der amerikanischen Provinz, auch komisch zu sein, ohne sich dabei über seine Charaktere zu erheben.
Michael Althen: Mike Mills inszeniert die Odyssee des Jugendlichen mit jenem feinen Sinn fürs Absurde, welcher Wahrnehmung und Wirklichkeit trennt.
Sophie Scholl - Die letzten Tage (Deutschland)
Regie: Marc Rothemund. Mit Julia Jentsch, Fabian Hinrichs
Drama über die 1943 hingerichtete Widerstandskämpferin und Mitbegründerin der Weißen Rose.
Peter Körte: Man kann nicht viel gegen den Film sagen, schon gar nicht gegen Julia Jentsch in der Titelrolle - allzuviel spricht aber auch nicht für seine brave Adaption eines Stoffes, der bereits mehrfach verfilmt wurde.
Andreas Kilb: Ein sehenswertes Kammerspiel, mit dem Julia Jentsch zum Star des deutschen Films aufsteigt.
Les temps qui changent (Frankreich)
Regie: André Téchiné. Mit Catherine Deneueve, Gérard Depardieu
Ein Liebespaar begegnet sich nach dreißigjähriger Trennung in Tanger wieder.
Peter Körte: Eine Familiengeschichte, auch eine Liebesgeschichte, ruppig montiert, ohne jede Sentimentalität erzählt und mit einer Catherine Deneuve, die den mindestens dreimal so breiten Gérard Depardieu verdrängt.
Verena Lueken: Der Plot bläht sich gewaltig, was schade ist, weil man bei Techine wunderbarerweise gleichsam nebenbei sowieso so viel zu schauen bekommt.
Provincia Meccanica (Italien)
Regie: Stefano Mordini, mit Stefano Accorsi und Valentina Cervi
Eine junge, unkoventionelle Familie droht an den gesellschaftlichen Normen zu zerbrechen.
Verena Lueken: Eine Familiengeschichte aus der italienischen Provinz, in der nichts zusammenpaßt, die Darsteller nicht zu ihren Rollen, die Geschichte nicht zum gesunden Menschenverstand, und das alles noch mit Kindern.
Die Tiefseetaucher (Vereinigte Staaten)
Regie: Wes Anderson. Mit Bill Murray, Willem Dafoe, Anjelica Huston, Cate Blanchett
Unterwasser-Komödie über eine exzentrische Familie auf der Jagd nach einem mörderischen Hai.
Andreas Kilb: Eine amerikanische Wertmüllerei: Wes Anderson versucht den Independent-Film durch eine Tauchkur wiederzubeleben - und landet im flachen Wasser des Klamauks.
Peter Körte: Man muß es ja sofort zugeben: Es ist kein guter Film, keiner der wirklich funktioniert, aber was an Irrwitz, Idiosynkrasie und Liebe zum absurden Detail in ihm steckt, ist dann doch wieder sehr, sehr charmant.
Sometimes in April (Vereinigte Staaten)
Regie: Raoul Peck. Mit Debra Winger, Idris Elba
Zwei Brüder vom Stamm der Hutu in Ruanda müssen sich der Vergangenheit stellen.
Michael Althen: Der Film zeigt die Greuel in aller Ausführlichkeit, eine Methode, deren Fragwürdigkeit durch die Begleitmusik verstärkt wird.
Reine Chefsache (Vereinigte Staaten)
Regie: Paul Weitz. Mit Dennis Quaid, Scarlett Johansson
Der Anzeigenleiter einer Sportillustrierten muß seinen Job an einen jungen Überflieger abtreten.
Verena Lueken: Ein Film, der demnächst in die deutschen Kinos kommt und mit seiner routinierten Komik, seinen sarkastischen, aber nicht zu bösartigen Beobachtungen aus der Welt globaler Konzerne und mit seiner Besetzung - Dennis Quaid, Topher Grace und Scarlett Johansson - ohne jede Festivalunterstützung den Weg zum Publikum finden dürfte.
Michael Althen: Diese Feelgood-Komödie um Globalisierung und ihre Opfer ist eigentlich ganz unterhaltsam - aber im Wettbewerb eines A-Festivals hat sie nichts verloren.
Peacock (China)
Regie: Gu Changwei. Mit Zhang Jingchu, Feng Li
Von den Siebzigern bis 1984: Alltag einer Familie in einer kleinen Stadt in der Provinz Henan.
Peter Körte: Sehr sorgfältig, ein bißchen elegisch und auch ein bißchen belanglos.
Angeklagt (Dänemark)
Regie: Jacob Thuesen. Mit Troels Lyby, Sofie Grabol
Das Leben eines Familienvaters nimmt eine dramatische Wendung, als ihn seine Tochter eines schwerwiegenden Verbrechens bezichtigt.
Peter Körte: Das Modethema Mißbrauch im Fernsehproblemfilmformat, mit ein paar steilen Kamerapositionen und vielen Großaufnahmen cineastisch aufgebrezelt.
Worte in Blau (Frankreich)
Regie: Alain Corneau. Mit Sylvie Testud, Sergi Lopez
Ein Lehrer versucht, die Hintergründe der Kommunikationslosigkeit eines kleinen Mädchens aufzudecken.
Peter Körte: Allenfalls blaßblau, diese Geschichte von analphabetischer Mutter, sprechunwilliger Tochter und dem guten Lehrer, der es richten muß.
Der Schlag, der mein Herz verspielte (Frankreich)
Regie: Jacques Audiard. Mit Romain Duris, Aure Atika
Ein junger Mann, der eine Existenz am Rande der Legalität führt, will seinem Leben einen neuen Sinn geben.
Peter Körte: Mag er auch an seine Vorlage, den amerikanischen Film 'Fingers' (1977) nicht ganz heranreichen, so hat er doch eine Intensität und Dringlichkeit, von der viele im Wettbewerb nur träumen konnten.
Carmen in Khayelitsha (Südafrika)
Regie: Mark Dornford-May. Mit Pauline Malefane, Andile Tshoni
Filmadaption der Bizet-Oper Carmen, die in den südafrikanischen Townships spielt.
Verena Lueken: Was Téchiné, der Regisseur von 'Les temps qui changent', uns alles bietet, wenn man an seiner Geschichte sozusagen vorbeischaut, wird noch einmal wertvoller, wenn man diesen Film sieht, der uns gar nichts zeigt.
Die Sonne (Rußland)
Regie: Aleksandr Sokurov. Mit Issey Ogata, Kaori Momoi
Dritter Teil einer Trilogie über die Psychologie der Macht. Im Zentrum der Handlung steht der japanische Kaiser Hirohito.
The Wayward Cloud (Taiwan/China/Frankreich)
Regie: Tsai Ming-Liang. Mit Chen Shiang Chyi, Lee Kang Sheng
Musicalfilm um Entfremdung, Isolation und Pornografie.
Andreas Kilb: Eine taiwanische Liebesgeschichte, die nur daran krankt, daß ihr Romeo eben Sexfilmdarsteller und ihr Regisseur Tsai Ming-Liang leider auch kein richtiger Liebesgeschichtenerzähler ist.
The Hidden Blade (Japan)
Regie: Yoji Yamada. Mit Masatoshi Nagase, Takako Matsu
Geschichte eines Samurai, der Mitte des 19. Jahrhunderts in einer Zeit gesellschaftlichen Umbruchs seinen Platz in der Welt sucht.
Peter Körte: Sehr gediegen, gut gemacht - und es läßt einen doch ziemlich kalt.
Andreas Kilb: Yoji Yamada erzählt vom Zusammenbruch der Samurai-Kultur im neunzehnten Jahrhundert ohne unnötige Ballereien und Gemetzel.
Fateless (Ungarn/Deutschland/Großbritannien)
Regie: Lájos Koltai. Mit Marcell Nagy, Áron Dimény und András M. Kecskés
Verfilmung eines Romans von Imre Kertész, die vom Schicksal der jüdischen Bevölkerung Budapests unter der Nazi-Herrschaft erzählt.
Peter Körte: Eine seltsame Mischung aus Pietät und Obszönität ist das, wenn die Kamera die Reihen der Häftlinge im Konzentrationslager abschreitet und dazu eine elegische Ennio-Morricone-Melodie spielt.
Michael Althen: Regisseur Lajos Koltai ist eigentlich Kameramann und glaubt deshalb, alles müsse gut aussehen. Dadurch wirkt die Hölle des KZ Buchenwald irgendwann nur noch pittoresk, und Ennio Morricone tunkt das ganze noch in eine musikalisch süßliche Soße.
AUSSER KONKURRENZ:
Hotel Rwanda (Großbritannien)
Regie: Terry George. Mit Don Cheadle, Sophie Okonedo
Die wahre Geschichte des Hotelmanagers Paul Rusesabagina, der während des Bürgerkriegs in Ruanda über tausend Tutsi-Flüchtlingen Unterschlupf vor der Hutu-Miliz gewährte.
Peter Körte: Es ist mutig, über den Genozid in Ruanda einen Spielfilm zu machen und dabei eben nicht aus der Perspektive des gutwilligen Weißen zu erzählen, aber weder Mut und Redlichkeit allein noch ein überzeugender Don Cheadle in der Hauptrolle machen schon einen großen Film.
Andreas Kilb: Massenmord als Spannungsheber: das alte Dilemma des politischen Kinos.
Tickets (Italien/Großbritannien)
Regie: Ermanno Olmi, Abbas Kiarostami, Ken Loach. Mit Carlo Delle Piane, Valeria Bruni Tedeschi
Episodenfilm um Liebe und Hingabe. Schauplatz ist ein Zug nach Rom.
Hitch - Der Date-Doktor (Vereinigte Staaten)
Regie: Andy Tennant. Mit Will Smith, Kevin James, Amber Valletta
Ein Dating-Berater wird mit den Schwierigkeiten des Liebeslebens konfrontiert, als er sich selbst verliebt.
Kinsey (Vereinigte Staaten)
Regie: Bill Condon. Mit Liam Neeson, Laura Linney
Biographie des amerikanischen Sexualforschers Alfred C. Kinsey.
Text: @kue/jöt