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Senta Berger im Jahr 1965
Senta Berger
Als Hollywood noch nach Minze roch

16. April 2006 Fast wäre sie ein Weltstar geworden, doch sie wollte lieber ein glücklicher Mensch sein: Senta Berger über ihre Autobiographie, seltsame Avancen von Männern und die Gepflogenheiten der Boulevardpresse.


F.A.S.: Viele Schauspieler schreiben irgendwann ihre Autobiographie - Ihr Buch könnte auch bestehen, wenn Sie nicht berühmt wären. Wußten Sie vorher schon, daß Sie schreiben können?

Als "Die schnelle Gerdi" (2003)


Das habe ich eigentlich schon gewußt. Ich habe immer schon an den Drehbüchern mit Michael mitgearbeitet, ganz konstruktiv bei der „Gerdi”, auch bei meiner Krimiserie „Unter Verdacht”. Ich hab' auch als Mädchen schon gerne geschrieben. Also, davon bin ich eigentlich nicht überrascht, daß ich es kann. Überrascht bin ich von meiner Disziplin und Geduld, weil es meinem Wesen wirklich entgegengesetzt ist, lange konzentriert still zu sitzen.


Ihr Sohn Simon hat Ihnen einen Laptop geschenkt. Damit fing es an.


Ich kann immer sehr gut ablehnen, indem ich sehr höflich sage, das ist ja wunderbar, ich danke euch, großartig, wirklich, danke euch sehr - und so habe ich das gemacht und dabei natürlich gedacht, so, und den Computer tu ich jetzt in eine Schublade, und da bleibt er auch. Aber mein Sohn Simon kann unerbittlich sein, er war aber auch sehr geduldig, und mein Sohn Luca auch, die haben mir das dann beigebracht. Zu dieser Zeit war ich gerade in einer Reha-Klinik, weil ich eine neue Hüfte bekommen hatte, und in der Klinik habe ich dann begonnen zu schreiben. Das war eine sehr schöne Zeit, ich war nur konzentriert darauf, es gab auch kaum Telefonate - nur der Text war immer wieder mal weg.


Versehentlich gelöscht.

1977 mit Curd Jürgens im "Jedermann" der Salzburger Festspiele


Da bricht dir ja der Schweiß aus. Du hast gerade etwas gefunden und denkst, es ist eigentlich ganz gut jetzt, und dann machst du irgendwas, und du weißt gar nicht was, und der Text ist weg. Zum Glück kann man den Simon auch um halb zwei in der Nacht gut anrufen, und er war sehr lieb und hat immer gefragt, hast du den Text markiert? Markiert, bitte was? War er blau eingefärbt? Das weiß ich nicht. Hast du die Delete-Taste gedrückt? Welche Taste soll das sein? Das ist die rechts oben. Das kann sein, ja. Mach mal „undo”. Wo ist „undo”? So ist das gegangen.


Ihr Buch erzählt von Ihrer Kindheit in Wien, Ihrer Jugend, Ihren Anfängen beim Film - und endet vor Ihren großen Fernseherfolgen, vor „Kir Royal”, vor der „Schnellen Gerdi”. Warum so früh?

Publicity-Foto von 1962


Ich hatte eigentlich vorgehabt, in der Gegenwart zu landen und auch meine Arbeit der letzten Jahre zu beschreiben, aber ich habe schon nach den ersten Seiten gemerkt, daß ich, so wie ich schreibe, da niemals hinkommen werde. Und so habe ich eben all das erzählt, was man nicht in Büchern oder im Internet über mich findet.


Durch die Geschichten zieht sich eine zarte Wehmut darüber, daß Zeit vergeht. Wenn Sie das Nachkriegswien beschreiben oder erzählen, daß die Hügel um die Hollywood-Buchstaben in den sechziger Jahren noch nicht verbaut waren und nach Minze und Thymian rochen.

1962 mit Joachim Hansen bei Dreharbeiten zu "Ramona"


Ja, ich habe jetzt schon Heimweh nach Wien, wenn ich in Wien bin. Ich habe Heimweh nach der Stadt von früher. Oder auch nach der Senta von früher, das ist das gleiche. Man kann es nur wehmütig betrachten, daß alles vergeht, wirklich begreifen kann man's ja nicht.


Finden Sie, daß es früher schöner war?


Man sagt ja, die Poesie verschwindet langsam. Ich glaube das eigentlich nicht unbedingt, weil ich glaube, daß auch die bauchfreien Schulmädchen mit ihren klobigen Schuhen die gleichen Sehnsüchte haben, wie ich sie damals gehabt habe. Aber wir haben uns schon eingerichtet in den letzten zwanzig Jahren in einer zunehmend materialistischen und pragmatischen Welt.

"Kindheit, Berufung und erste Erlebnisse des Venezianers Giacomo Casanova" (1969)


Von Alfred Polgar gibt es den Satz, daß nicht so sehr Häuser eine Stadt formen, sondern die Menschen, die darin wohnen. Was ist an Ihnen wienerisch?


Oh, da gibt's vieles, was anderen Menschen als unangenehm auffällt. Sicherlich eine gewisse vorsichtige Skepsis. Polgar hatte ja sehr viel davon. Dieser wunderbare Satz: Ich glaube an das Gute im Menschen, verlasse mich aber lieber auf das Schlechte in ihm. Ein absolut wienerischer Satz. Ich hab' aber soviel Lebensoptimismus von meiner Mutter zu den Genen meines Vaters, der in eine gewisse Melancholie tief eingetaucht war, noch dazubekommen, daß ich einigermaßen im Gleichgewicht bin.

Ausgewogene Ernährung: Dreharbeiten zu "Die schnelle Gerdi" (2004)


Wenn man Ihr Buch liest, fällt auf, daß sich auffallend viele Männer auf Sie gestürzt haben. Buchstäblich. Haben sich auf Sie geschmissen, ohne Vorankündigung, in der Absicht, Sie mindestens zu küssen. War das üblich in den sechziger Jahren?


Ich glaube schon, daß das Verhältnis zwischen Männern und Frauen damals ein anderes war. Aber ich hatte das Gefühl, daß sich speziell die beiden großen Stars, mit denen mir das passiert ist, Charlton Heston und O. W. Fischer, selbstverständlich für unwiderstehlich gehalten haben. Es kam aus einer männlichen Eitelkeit. Dieses Gerangel mit dem O. W. Fischer ist auch aus seinem Erstaunen entstanden.

Mit Alain Delon in "Mit teuflischen Grüßen" (1967)


Er hat sich, als Sie gerade dabei waren, mit ihm Text durchzugehen, plötzlich auf Sie geworfen.


Er war ein intelligenter, sensibler Mann - mit etwas weniger Eitelkeit hätte er vermutlich auch weniger gestaunt und mich gelassen und vielleicht noch gesagt, also bitte, ich kann dich nicht verstehen, weil ich finde mich unwiderstehlich. Aber er konnte es einfach nicht fassen, daß sich da ein zwanzigjähriges Mädchen nicht geehrt fühlt von seinen Avancen. Und dadurch wurde das auch eine sehr unangenehme Episode, die eben auch mit einer Kraftanstrengung von seiner Seite, mit einer Art von Überwältigung zu tun hatte.

Mit Peter Lohmeyer in "Mammamia" (1997)


Am groteskesten fand ich die Episode mit Darryl Zanuck, dem berühmten Filmproduzenten, Gründer der Twentieth Century Fox. Er empfing Sie in seiner Hotelsuite in New York, trug nichts außer einem seidenen Schlafrock, der weit offen stand, und fragte, ob Ihr Vater Nazi gewesen sei. Nein. Ob er in der Partei war. Ja, Herr Zanuck. Und dann forderte er Sie auf, mit ihm zu schlafen, auf daß er Ihnen die Greueltaten der Nazis vergebe.


Ja, aber wenn Sie mal mit Maxim Biller sprechen, dann wird der Ihnen sagen, daß das eine oft geübte Verhaltensweise war von Juden, nicht Israelis, von Juden, deutschen Frauen gegenüber. Diese versuchte Demütigung, Erniedrigung, ich hab' das öfters erlebt.


In Amerika?

Aufnahme von 1961


Ja. Am Set von „Major Dundee” hab' ich am ersten Drehtag, als ich in meinem Stühlchen saß, plötzlich hinter mir gehört „you german pig”. Als ich mich umdrehte, war ich nicht ganz sicher, wer das jetzt zu mir gesagt hat. Und als das ein paar Tage später wieder passierte, hab' ich gesehen, das ist der Oberbeleuchter, ein riesiger Kerl. Da bin ich zu ihm hingegangen und hab' ihn zur Rede gestellt, und er hat gesagt, die Familie seiner Frau ist in Auschwitz umgekommen, und er wird mir das nicht vergeben. Ich war 22 Jahre, und ich war the german pig für ihn, also das ist schon schwierig im Kopf zusammenzubringen. Bei Zanuck kam die Lust dazu, die ja bisweilen mit dieser Art von Erniedrigung einhergeht. Das Ganze war wirklich absurd.


Die „Bild”-Zeitung hat aus der O.-W.-Fischer-Episode große Schlagzeilen gemacht - ich hatte beim Lesen den Eindruck, Ihr Buch ist eigentlich sehr diskret.

In Sam Peckinpahs "Sierra Charriba" (1965)


Ich glaube, daß man sehr aufrichtig sein muß, wenn man autobiographisch schreibt - und gleichzeitig sehr diskret. Auch über Sexualität kann man natürlich schreiben - in der Literatur kann man alles -, man muß nur die Form finden. Und wenn es dann ein pornographischer Schulaufsatz wird, ist es halt nur noch privat und banal.


Die Autobiographie von Heiner Lauterbach habe ich nicht gelesen.


Ich auch nicht. Ich lasse mich einfach als Leser so ungern zum Voyeur machen. Insoweit hat mich diese Reduzierung der „Bild”-Zeitung gekränkt. Das Ganze hat eine Vorgeschichte, eine dumme.


Wie war die?

Mit Berta Drews in "Frauenarzt Dr. Sibelius"


Wir hatten in der „Bild am Sonntag” ein Interview, und dieses Gespräch war sehr reich und hat auch sehr lange gedauert, und als es mir dann zugesandt wurde, habe ich schon erkannt, in welche Richtung dieses Gespräch reduziert werden soll. Nachdem wir ausgemacht hatten, daß ich es korrigieren darf, habe ich das getan, ich habe die Themen nicht geändert, aber die Wortwahl vorsichtiger gemacht. Sie haben dann aber das unkorrigierte Interview abgedruckt und haben, als ich mich dann am Montag gewehrt habe, gesagt, ich hätte ihnen die E-Mail zu spät geschickt, was einfach eine Lüge war. Daraufhin hat mein Verlag den Vorabdruck gestoppt. Und dann, quasi als kleine Retourkutsche, kam dieser Aufmacher „Vergewaltigung von O. W. Fischer” und so. Es hat mich gekränkt, weil ich die Vorgeschichte kenne und weil mir der zuständige Redakteur Blumen geschickt hatte im Vorfeld und sich dann hat aber doch seinen Regeln unterwerfen müssen. Ich glaube, daß die Zwänge dort unglaublich sind.


Hatten Sie während des Schreibens den Boulevardjournalismus mit im Kopf?


Nein, ich habe da überhaupt nicht dran gedacht.


Die können ja immer nur mit einem arbeiten, wenn man etwas gibt.


Ich habe gar nicht gedacht, daß das interessant sein könnte. Und wenn, hab' ich gedacht, die würden eventuell aus dem Buch zitieren, und dann würde man schon verstehen, wie ich das erzähle. Aber wenn man dann darüber spricht, und auch in dieser Art und Weise, dann ist es einfach plump. Und plump möchte die „Bild”-Zeitung sein.

"Wenn Killer auf der Lauer liegen" (1967)


Irgendwie haben Sie es geschafft, Ihr Privatleben ziemlich aus der Öffentlichkeit herauszuhalten.


Ich habe früh gelernt, viel weniger preiszugeben, als erwartet wird. Trotzdem habe ich viele Leute in mein Privatleben gelassen, was mir heute leid tut. Meine Söhne haben das gut weggesteckt, aber sicherlich war es auch schwierig, immer die „Söhne von” zu sein. Zu uns kamen Kinder nach Hause, um mit Simon und Luca im Garten Fußball zu spielen, die haben zu mir immer gesagt, Sentaberger, kannst du mir einen Kakao machen, Sentaberger, wo ist das Klo? Die haben gedacht, ich heiße Sentaberger, weil wohl die Eltern immer gesagt haben, du gehst heute zur Senta Berger.

Porträt aus den siebziger Jahren

Und der Simon hatte eine Schwierigkeit in der Schule, im Pestalozzi-Gymnasium, weil ich in „Kir Royal” zum ersten Mal überhaupt im deutschen Fernsehen, glaube ich, das Wort „ficken” sagen mußte. Ich habe zum Helmut Dietl gesagt, bitte, laß es mich nicht sagen, weil ich habe dann wieder Elternabend im Pestalozzi, und ich weiß schon ganz genau, was dann los sein wird. Und er hat gesagt, also bitte, entschuldige, was bist du jetzt, bist du jetzt Schauspielerin, oder was bist du jetzt? Das war so eine gute Szene, das ist die Szene, wo der Dieter Hildebrandt lügt und sagt, er weiß nicht, wo der Baby ist, und die Mona sitzt vollkommen verzweifelt da und hat die letzten Stunden nur geheult und Schlaftabletten genommen und sieht wirklich furchtbar aus, und sie sagt, du weißt doch ganz genau, wo der ist, der sitzt wieder irgendwo in seinem Auto und fickt. Ich hab's dann auch gesagt, weil es einfach richtig war für diese Situation. Aber einer hat das in der Schule dem Simon vorgeworfen, der Simon hat dem eine reingehauen, und daraufhin mußte ich in die Schule. Aber gut, das sind ja alles kleine Geschichten.

Senta Berger, 1941 in Wien geboren, spielte mit Charlton Heston, Frank Sinatra, Alain Delon - fast wäre sie ein Weltstar geworden, aber sie zog es vor, ein glücklicher Mensch zu sein. Heute ist sie die beliebteste Schauspielerin Deutschlands.

Interview Johanna Adorján

Senta Berger: „Ich habe ja gewußt, daß ich fliegen kann”. Kiepenheuer & Witsch. 333 Seiten, 19,90 Euro.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.04.2006, Nr. 15 / Seite 27
Bildmaterial: CINETEXT, picture-alliance / dpa/dpaweb, AP, Cinetext Bildarchiv, Cinetext/Quade, picture-alliance / dpa, Cinetext/Henschel Theater-Archiv, picture-alliance/ dpa/dpaweb, Cinetext/RR
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„Ich habe ja gewußt, daß ich fliegen kann” von Berger, Senta

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