Schleichwerbung

Die Maßnahmen der ARD

Von Judith Lembke und Michael Hanfeld

Strikte Linie: Gruber (r.) und Voß

Strikte Linie: Gruber (r.) und Voß

13. September 2005 Die Intendanten der ARD haben auf ihrer gestrigen Sitzung in Stuttgart umfangreiche Maßnahmen gegen Schleichwerbung beschlossen. Sie wollen durch entsprechende Passagen in Produktionsverträgen verstecktes Product Placement künftig grundsätzlich ausschließen. Andernfalls drohen den Produzenten empfindliche Vertragsstrafen. Darüber hinaus wollen die Sender künftig auf direkte finanzielle Produktionskostenzuschüsse Dritter ganz verzichten.

Die verbilligte oder kostenlose „Entgegennahme von Produktionsmitteln“ sei, so die ARD, weiterhin statthaft, wenn die journalistische Unahängigkeit gewahrt werde. Auf Musik-Placements werde man ebenfalls ganz verzichten. Eine Programmbeobachtungsstelle soll fortan alle Vorabendsendungen nach Schleichwerbung durchsuchen und die zuständigen Redaktionen über Verdachtsmomente informieren. Von der Vorabendserie „Marienhof“ war der Schleichwerbeskandal um die von vier ARD-Sendern getragene Produktionsgesellschaft Bavaria ausgegangen.

Schleichwerbung nur bei Auftragsproduktionen

Die ARD hat jedoch nicht nur Maßnahmen für die Zukunft beschlossen, sie hat auch die Dokumentation einer sogenannten „Clearing-Stelle“ vorgelegt, die unter dem Vorsitz des SWR-Justitiars Hermann Eicher den zahlreichen Schleichwerbevorwürfen gegen die Serien „Marienhof“, „In aller Freundschaft“ und verschiedenen „Tatort“-Produktionen nachgegangen ist. Es sei festzuhalten, so die ARD, daß im Ersten ARD-Programm Schleichwerbung nur bei Auftragsproduktionen festgestellt werden konnte.

Insgesamt haben die Rechercheure der ARD bei der Produktionsfirma Bavaria im Zeitraum 2002 bis 2005 neunzehn Verträge über insgesamt 193 sogenannte „Placements“ gefunden, davon seien sechzehn Verträge mit insgesamt 117 Einzelplacments umgesetzt worden. Bei der Serie „In aller Freundschaft“, welche die Bavaria-Tochter Saxonia (MDR) herstellt, fand man vier Verträge über Product Placement, von denen drei umgesetzt worden seien.

Apothekenverbände investierten in „Marienhof“

Bei der Maran Film, einer gemeinsamen Tochter von bavaria und SWR, sind von Schleichwerbung laut ARD drei „Tatorte“ betroffen, die Jugendserie „favixx“ in einem weiteren Fall, der fernsehfilm „Ich will laufen - Der Fall Dieter Baumann“ ebenfalls. Zu der Firma Colonia Media, welche die Bavaria gemeinsam mit dem WDR gegründet hat, hatte der Sender bereits Rechercheergebnisse zu verschiedenen „Tatorten“ und Filmen der „Schimanski“-Reihe veröffentlicht. Scheichgeworben wurde für ganz unterschiedliche Summen.

Den höchsten Einzelposten benennt die ARD-Bilanz mit 208.607 Euro. Für diese Summe soll der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft im „Marienhof“ Product Placement getrieben haben. Der Bundesverband der Arzneimittelhersteller und die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände sollen gemeinsam im Jahr 2002 173.839 Euro im „Marienhof“ investiert haben. Für die Serien und Reihen wie „Der Fahnder“, „Schimanski“ und „Tatort“ wurden bei der Colonia Media den Angaben zufolge in den Jahren 1997 bis 2005 insgesamt 333.000 Euro an Einnahmen durch Product Placement erzielt.

ARD will ihre Glaubwürdigkeit sicherstellen

Die ARD, sagte der Intendant des Südwestrundfunks, Peter Voß, zur Bilanz der ARD sei ist nicht Täter, sondern Opfer der Schleichwerbeaffäre. Der Programmdirektor der Ersten, Günter Struve, ergänzte, man sei mit den jetzt beschlossenen Maßnahmen „gegen den Virus Schleichwerbung gut gewappnet“. Zu den Vorwürfen des gekündigten Bavaria-Chefs Thilo Kleine, sie bezeugten „sachliche Fehler der Sonderklasse“, ein Mitarbeiter der ARD werde gegen den Vorwurf juristisch vorgehen, er habe darauf hingedeutet, daß die Programmdirektion der ARD Produktionskostenzuschüsse erwarte.

Der ARD-Vorsitzende Thomas Gruber sagte, man habe „die richtigen Schlüsse aus den Vorfällen bei der Bavaria und ihren Tochterunternehmen gezogen. Wir haben aufgeklärt und konsequent gehandelt. Oberstes Ziel der ARD ist es, Unabhängigkeit und Glaubwürdigkeit ihres Programms unter allen Umständen sicherzustellen.“ Ihre bereits angekündigte Verfassungsklage gegen die jüngste Gebührenerhöhung, teilten die Intendanten zudem mit, will die ARD bis auf weiteres verschieben. Der Leiter der Mainzer Staatskanzlei, Martin Stadelmaier, hatte dies in der vergangenen Woche von den Sendern gefordert.

Text: F.A.Z., 14.09.2005, Nr. 214 / Seite 40
Bildmaterial: dpa/dpaweb

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