Berlinale-Bilanz

Im Großen und Ganzen so là là

Von Verena Lueken

Wie die Berlinale nun eigentlich war in diesem Jahr, erfolgreich, vergnüglich, misslungen oder so là là, das lässt sich nicht so leicht sagen. Es gibt eine ganze Reihe von Berlinale-Paralleluniversen, und in jedem einzelnen stellte sich das Ganze anders dar.

Der Europäische Filmmarkt (EFM) im Gropius Bau ist wieder gewachsen, und obwohl das Marktgeschehen ziemlich ruhig verlief, waren die Geschäfte offenbar zufriedenstellend. Das ist wichtig für den Wettbewerb mit Cannes; einhellig wird die Meinung vertreten, dass dieser EFM sich als drittes wichtiges Datum, das niemand verpassen darf, im Filmgeschäft neben Cannes und dem American Filmmarket etabliert hat. In diese Erfolgsgeschichte gehört auch eine neue Reihe mit „Keynotes“ für Branchenvertreter und ihre Zukunftssorgen. All dies ist Grund zum Feiern, auch für Festivaldirektor Dieter Kosslick, für den das Wachsen des Filmmarkts immer eines seiner Ziele gewesen ist.

Ware außer Reichweite

Mit dem, was wir, die Kritiker und die Zuschauer, in den vergangenen zehn Tagen auf den Leinwänden gesehen haben, hat das allerdings nur teilweise zu tun; gekauft und verkauft wurde häufig Ware, die für uns überhaupt noch nicht in Reichweite ist. Und was kümmert uns die Zukunft der Branche, solange sie uns jährlich noch mit Hunderten Filmen überschüttet, die wir auch während des Festivals nur ausschnittsweise sichten können?

Mit dem Abzug der Verkäufer und Käufer am Donnerstag trocknete ein wenig auch das Partyleben aus, auf das Berlin so immens stolz ist und an dem vor allem die Leute teilhaben, die nicht ins Kino gehen. Die Sponsoren wiederum, die ihrerseits ihr Engagement im Filmgeschäft feiern, blieben mit ihren Kunden unter sich; welche Erlebnisse sie von diesen Filmfestspielen mit nach Hause nehmen, ist nicht überliefert, wird sich aber daran zeigen, ob sie im nächsten Jahr wieder Geld und Naturalien spenden werden.

Ein phantastisches Publikum

Neben den Welten der auch in diesem Jahr hochkarätig besetzten Seminare und Nachwuchsförderungen sind da also noch die Universen der Kinobesucher und der Kritiker. Sie überschneiden sich teilweise, wenn auch beide Gruppen unterschiedliche Erfahrungen in ihnen machen. Jahr für Jahr stellen die Berliner ein phantastisches Publikum, interessiert und offen für nahezu alles, was ihm in den verschiedenen Sektionen des Festivals geboten wird, geduldig auch mit schwierigeren oder rundheraus missratenen Werken und mit einigem Ehrgeiz erpicht darauf, dabei zu sein, wie die Schlangen an den Verkaufsstellen schon Stunden vor Beginn deren Geschäftszeiten zeigen. Wieder einmal wurden mehr Eintrittskarten verkauft als im vergangenen Jahr, die Kinosäle platzten aus den Nähten - auch das ist ein Erfolg für das Festival, bevor überhaupt die Rede auf einen einzigen Film gekommen ist.

Vierhundert Filme in sechs Sektionen und Seitenreihen wurden in diesem Jahr gezeigt, die besten davon weit jenseits des Wettbewerbs, in dem immerhin die Bären vergeben werden, die an diesem Samstag Abend wieder zum Wichtigsten werden, was das Festival zu bieten hat. Und dieser Wettbewerb war in diesem Jahr die Achillesferse der Berlinale. Es gab zu wenige lohnenswerte Filme für zweiundzwanzig Programmplätze plus der „Berlinale Specials“. Gute Filme fanden sich offenbar gerade einmal für die Hälfte des Programms, der Rest war Füllmenge, teilweise von äußerst minderer Qualität.

Kein sehr guter Jahrgang

Das ist vermutlich nicht die Schuld der Festivalmacher, vielleicht hat Cannes, wo in diesem Jahr wahrscheinlich mit einigem Pomp der sechzigste Geburtstag gefeiert werden wird, schon frühzeitig Filme akquiriert, oder vielleicht war der Jahrgang einfach nicht besonders gut. Ein riesiger Apparat wie die Berlinale ist überdies nicht darauf eingestellt, das ganze Festival kurzfristig derart umzumodeln, dass es dieser prekären Lage, für zu viele Programmplätze zu wenige gute Filme zu finden, gerecht werden könnte. Jedenfalls liefen gerade in jener Programmschiene, die das Aushängeschild eines jeden Festivals ist und die in diesem Jahr mit einer kaum endenden Promenade von Stars auf dem roten Teppich aufwartete, diejenigen Filme, die man am wenigstens gesehen haben muss.

Oder unterschätzt Dieter Kosslick vielleicht sein Publikum? Könnte er nicht etwas mehr Mut zeigen und einige jener Filme - teilweise von renommierten Filmemachern -, die etwas experimenteller, etwas abseitiger, aber so viel interessanter waren als sein Wettbewerbsprogramm und die in den Nebenreihen des Festivals zu sehen waren, in den Wettbewerb nehmen? Müssen es immer nur die alten, können es nicht auch einmal ein paar neue Meister sein, die uns vielleicht einen von zwei Filmen aus der Mongolei ersparen, in denen wenig geschieht und Volkslieder gesungen werden? Kann man uns nicht einmal einen Split-Screen zumuten, einen Hongkong-Thriller oder auch einen ambitionierten Dokumentarfilm statt noch einmal einen unambitionierten Bille August?

Das deutsche Kino allerdings präsentierte sich in einer Vielfalt, die den Trend der vergangenen Jahre bestätigt, und dass der beste deutsche Film, Christian Petzolds „Yella“, gleichzeitig auch einer der besten Filme des gesamten Festivals war, ist eine schöne Pointe. In seiner formalen Strenge und eisigen Klugheit setzt der Film einen Maßstab, an dem Kosslick in Zukunft seine Auswahl messen könnte. Vielleicht liegt die Rettung vor den Problemen, die in diesem Jahr den Wettbewerb begleiteten, einfach in der Reduktion.

Die Berlinale in diesem Jahr war also wieder einmal erfolgreich. Teilweise vergnüglich, teilweise misslungen. Und im Großen und Ganzen so là là.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa, REUTERS

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