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Rempeln lernen und “Raus aus der Kugel!“

Rempeln lernen und "Raus aus der Kugel!"

23. Mai 2006 Daß das Fernsehen an allem schuld ist, glauben mittlerweile zwar nur noch ein paar traurige Kommunarden, nur beim Fernsehen selbst ist die Erkenntnis offensichtlich noch nicht angekommen. Als gelte es, eine historische Schuld abzutragen, arbeitet es derzeit daran, die Probleme dieses Landes zu lösen, statt sie einfach einmal adäquat darzustellen.

Die Super-Nanny steht dabei Pate für eine Flut von Fernseh-Coaches, die längst nicht mehr nur den Dachstuben der Republik mit Schlagbohrern zu Leibe rücken, sondern so tun, als könnte man die Dinge ganz grundsätzlich mit dem psychologischen Werkzeugkasten reparieren. Da kann es schon passieren, daß man die eigenen Probleme nicht mehr wahrnimmt. Darum hier ein paar freundliche Ratschläge für ein besseres Fernsehen. Denn wer glaubt schon einem kranken Arzt?

Der Kreativität freien Lauf lassen

Bevor wir uns jetzt zusammensetzen und die konkreten Probleme miteinander lösen, ist es ganz wichtig, daß wir alle erst einmal erkennen, was wir überhaupt erreichen wollen: Was ist das wichtigste an unserem Job? Warum arbeiten wir beim Fernsehen und nicht beim Finanzamt? Richtig: Weil wir alle ganz tolle Ideen haben.

Manchmal hat man dabei Einfälle, die einem am Anfang absolut verrückt vorkommen, zum Beispiel einen Bericht über Motorradfahrer einmal nicht mit der Musik von „Easy Rider“ zu unterlegen oder das Schicksal eines Arbeitslosen zu schildern, ohne den Stapel an Bewerbungen zu zeigen, die er vergeblich abgeschickt hat. Dafür muß man sich nicht schämen. Nur Mut! Und wenn auch die Kollegen mal eine originelle Idee haben, wenn sie über Autobahnraser oder die Grillpolizei berichten oder über die Erfinderin der Currywurst - dann muß man sie ihnen nicht gleich wegnehmen. (stau)

Klappe halten (1)

So, die Dokusoap-Betexter kommen erst mal alle auf die Stille Treppe. Dieses endlose Zugetexte hat jetzt ein Ende. Kein Mensch kann heute im Fernsehen mehr, sagen wir, einfach einen Wutausbruch haben. Nein, vorher sagt ein Sprecher: „Bei Gisela löste die angespannte Situation einen Wutausbruch aus“, dann sagt Giselas Freund: „Ich hatte mir schon gedacht, daß Gisela einen Wutausbruch bekommen könnte“, dann sagt Gisela: „Menschmenschmensch, war ich wütend“, dann sehen wir kurz Giselas Wutausbruch, dann sagt Giselas Freund: „Und so kam es dann auch: Sie ist richtig ausgerastet“, dann sagt der Sprecher: „Gisela war ihr Wutausbruch hinterher ein wenig peinlich“, und dann sagt Gisela: „Ja, das war blöd mit dem Wutausbruch, ich habe mich hinterher schon ein bißchen geschämt.“

Am buntesten treibt es zur Zeit die verblüffend erfolgreiche Show „Das perfekte Dinner“ auf Vox, die man locker von 45 auf siebeneinhalb Minuten kürzen könnte, wenn man alle überflüssigen Kommentare wegließe, die beschreiben, was man eh gleich sehen wird oder im Moment gerade sieht oder soeben gesehen hat. Die einzige Regel notieren wir uns jetzt mal mit Edding auf eine schöne große Pappe, die wir im Schneideraum oder in der Redaktion aufhängen: „Dinge, die der Zuschauer sehen kann, werden ihm nicht noch einmal beschrieben.“ (nig)

Die Zuschauer ernst nehmen

Daß es heute Zuschauer gibt, die von einer Serie mehr Komplexität erwarten als einst von „Dallas“, hat sich mittlerweile auch bei den deutschen Sendern herumgesprochen. Sonst würden sie ja nicht für teures Geld diese vielschichtigen, komplexen Geschichten einkaufen, die deshalb so beliebt sind, weil sie mehrere Perspektiven nebeneinander bedienen, Serien wie „Buffy“, „Lost“, „24“ oder „Grey's Anatomy“.

Man würde auch nicht auf die Idee kommen, die amerikanische Serie „Veronica Mars“, die man nicht nur als Film-Noir-Adaption sehen kann, sondern auch als Krimi, als Beitrag zu real-existierenden Klassengegensätzen oder als Coming-of-Age-Film über eine junge Frau, dessen Thematisierung von Mobbing in der Highschool es mit jeder Rütli-Doku aufnehmen könnte, man würde also diese Serie nicht auf einen Sendeplatz für Grundschüler setzen, etwa auf den Samstagnachmittag um 14 Uhr, oder der Hauptfigur Veronica Mars eine zuckersüße Synchronisationsstimme verpassen und sie als „pfiffige Nachwuchsdetektivin“ präsentieren.

Oder, ZDF? Auch die privaten Sender, die es mittlerweile schon etwas besser begriffen haben, haben mit der neuen Intelligenz des Fernsehens so ihre Probleme. Gleich reihenweise werden Serien von Programmplanern per schlechter Übersetzung ins Abseits getrieben. Da wird „Grey's Anatomy“ mit dem Untertitel „Die jungen Ärzte“ aufgepeppt, während eine solide Detektivserie wie „Monk“ mit dem Slogan „Reif für die Couch, überführt aber jeden“ lächerlich gemacht wird. Und selbst eine mittelmäßige Mystery-Action-Serie wie „Tru Calling“ hat seine Übersetzung in „Schicksal Reloaded“ nicht verdient. (bnz)

Haltung bewahren

Och, Herr Boetzkes. Worauf hatten wir uns im vergangenen Jahr geeinigt? Daß wir die „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ im Stehen moderieren wollen. Doch, das hatten wir ausführlich diskutiert, das stand sogar in allen Zeitungen, Sie erinnern sich? Doch, das gilt auch am Nachmittag, wenn Sie moderieren. Nein, Sie haben eben nicht frei gestanden, sondern wieder so vornübergebeugt gesessen und ihren Oberkörper auf ihre Ellenbogen gestützt, was wirklich merkwürdig wirkt, wir können uns gerne mal das Band zusammen ansehen, Herr Boetzkes! Schauen Sie mal: Wenn Sie Ihre Hände bewegen, sieht es so aus, als ob die Ellenbogen am Schreibtisch festgeschraubt wären.

Oder als wenn jemand anders von unten ihre Hände bewegen würde, wie bei einer Muppet-Figur. Ja, Herr Boetzkes, ich weiß, daß der Claus Kleber im „Heute Journal“ auch nicht richtig frei steht, obwohl er's soll, sondern sich komisch aufstützt, wie ein Wirt hinterm Tresen. Nein, das sieht auch nicht gut aus, da haben Sie recht, Herr Boetzkes, aber hier geht es heute nicht um Herrn Kleber, sondern um Sie. Nein, ich möchte das jetzt nicht mehr mit Ihnen diskutieren. Ab morgen nachmittag stehen Sie schön frei hinter dem Pult, mit luftigen Ellenbogen und allem, sonst kommt der Schreibtisch ganz weg, schauen Sie sich das mal bei Gabi Bauer im „Nachtmagazin“ an und überlegen Sie sich, wie Sie dann dastehen, Herr Boetzkes! (nig)

Klappe halten (2)

Daß sich Fußballkommentatoren für den Mittelpunkt der Welt halten, ist nichts Neues. Wer nicht schwadroniert wie Werner Hansch, ist leider eitel wie Marcel Reif oder Bela Rethy. Oder beides, wie Wolf-Dieter Poschmann. Überhaupt haben einem Sportmoderatoren die peinlichsten Augenblicke der Fernsehgeschichte beschert. Zum Beispiel Jürgen Emig, der 1997 bei der Zieleinfahrt der Tour de France in Paris Jan Ullrichs Mutter mit „Mama Becker“ anredete. Und als neulich Katrin Müller-Hohenstein im ZDF-“Sportstudio“ den Bundestrainer Klinsmann unwidersprochen davonkommen ließ, als der den - noch völlig ungewissen - Rücktritt Oliver Kahns als Nationaltorwart schon wie eine ausgemachte Sache behandelte, war das nicht weniger schmerzhaft mitanzusehen.

Natürlich muß ein Opernkritiker keine Arien singen können. Aber eigentlich wünschte man sich schon, daß Fußballkommentatoren gelegentlich wieder auf den Platz müssen. Um sich daran zu erinnern, wie das ist. Und daß sie die Regeln verstehen, daß sie bei einem Rempler nicht von „Sperren“ reden wie Kerner nach dem Pokalfinale zwischen den Bayern und Frankfurt (wo ihm alle anwesenden „Experten“ im Studio einschließlich Beckenbauer über den Mund fuhren, eine Sternstunde). Aber letztlich wünscht man sich von Fußballkommentatoren nur eins: daß sie endlich die Klappe halten. Damit man sich selbst besser reden hört. (tob)

Nicht alle auf einmal reden

Es ist ja prinzipiell ein gutes Zeichen, wenn sich die Globalisierung allmählich nicht nur thematisch im Fernsehen niederschlägt, sondern wenn man die kulturelle Vielfalt der Welt auch gelegentlich zu hören bekommt. Obwohl man sich nicht unbedingt zum Lesen vor den Fernseher setzt, sind Untertitel meistens die bessere Idee als deutsche Sprecher, die über die Originalstimme gelegt werden, was im schlimmsten Fall zu Zuständen wie im polnischen Kino führt, wo ein einziger Sprecher alle Figuren spricht, während im Hintergrund leise der Originalton läuft. Und, liebe Arte-Redakteure: Eure Reihe „Zapping International“, in der ihr das Fernsehen fremder Länder vorstellt, ist absolut wunderbar.

Aber muß man wirklich albanische oder taiwanesische Beiträge zuerst mit einer etwas lauteren französischen Stimme überlagern und dann noch mal mit deutschem Geschrei? Andererseits muß man natürlich grundsätzlich erst einmal loben, wenn sich überhaupt jemand gegen den in Deutschland herrschenden Synchronisierungswahn wehrt. Wenn man aber schon synchronisiert, sollte man sich an folgende Regel halten: Man darf auch amerikanische Fachbegriffe übersetzen, wie das mysteriöse Gerät aus der Serie „24“, das auch in der deutschen Version immer nur „Override“ hieß; man muß aber nicht. Vorsicht ist vor allem bei Ortsbezeichnungen angebracht: Sowenig wie es üblich ist, etwa „Neu York“ zu sagen, sollte man die „Hollywood Hills“ mit „Hollywood Hügel“ übersetzen; am allerwenigsten aber, wie es demnächst in der neuen Pro-Sieben-Serie „The L-Word“ zu hören sein wird, mit „Hollywood Hügels“. (stau)

Haare anders tragen

Ja, und dann muß man doch auch mal eins sagen, liebe Frau Christiansen, liebe Frau Gerster, liebe Frau Bauer, liebe Frau Holst. Haben Sie sich schon mal Gedanken darüber gemacht, daß Sie eigentlich alle gleich aussehen? Daß Sie alle diesen mit blonden Strähnchen akkurat eingefärbten und mittels Haarspray zurechtgezupften deutschen Ponyfransen-Polit-Kurzhaarschnitt tragen und man, wo immer man einschaltet, denselben genormten Haartyp moderieren sieht?

Wie soll das wirken? Kühl, sachlich oder womöglich staatstragend wie Hillary Clinton? Halten Sie doch mal wieder Rücksprache mit Ihren sogenannten Promi-Friseuren. Da muß doch etwas zu machen sein. Nehmen Sie sich etwa ein Beispiel an Anne Will, die auch wie Anne Will aussieht. Lenken Sie ein bißchen ab von der Nachricht. Wir halten das aus. Wir vertragen noch ganz andere Sachen als die Norm. (jia)

Richtiges Deutsch schreiben

Vermutlich müßte man erst einmal damit anfangen, am Selbstbewußtsein zu arbeiten. Daß man den Leuten das Gefühl gibt: Doch, das ist ein wichtiger Job, den ihr hier macht, die Buchstaben in die Laufbänder füllen, die unten bei den Nachrichtensendern durchs Bild laufen und so einen trügerischen Eindruck von Aktualität vermitteln. Und daß sie diesen Job nicht als Strafe machen müssen, sondern weil es, nun ja, auch Leute geben muß, die diesen Job machen, und das ja immer noch besser ist als . . . ähm . . . Jedenfalls könnte man dann ans Eingemachte gehen und pauken: Deutsch.

Schon klar: Englisch ist viel eher für Laufbänder gemacht. Da sind die Wörter nicht so lang, und das Prädikat versteckt sich nicht regelmäßig bis ganz zum Schluß. Aber mit ein bißchen gutem Willen kann man auch aus der Sprache Kants Sätze formen, die man schon beim Lesen versteht und nicht erst beim Nachlesen, das in so Fernsehlaufbändern ein erstaunlich mühsamer Vorgang ist. Und wer dann noch textet: „Einen Sturm der Entrüstung hat der amerikanische Präsident George Bush bei einem Besuch in der britischen Hauptstadt London ausgelöst, als er nach übereinstimmenden Agenturberichten . . .“, der muß zur Strafe zu MTV. Dort ist das Laufband (unter dem Logo) so kurz, daß überhaupt kaum mehr als drei „W“ und vielleicht fünf „I“ reinpassen. Dafür ist dort auch völlig egal, was drinsteht. Endlos liefen vergangene Woche dort die Worte „Popetown“ und „Drawn Together“ durchs Bild. (nig)

An die frische Luft gehen

Seit den neunziger Jahren sitzt die Christiansen-Runde in einer Glaskugel zusammen, als hätte eine böse Fee sie dort hineinverbannt, und beklagt ihr Schicksal. Neurologen und Glücksforscher wissen aber, daß Sonne, frische Luft und leichte körperliche Tätigkeit, wie zum Beispiel Gartenarbeit, gegen solche Dauerdepressionen Wunder wirken. Um die Ecke vom Studio ist doch der schöne Berliner Zoo. Warum fassen sich Hans-Olaf, Guido und Sabine nicht mal an der Hand, atmen tief durch und gehen Pandas angucken? Von wegen Modell China. Oder fragen die munteren Senioren, die dort schon vormittags mit den Tigern sprechen, ob das mit der Rente wirklich so schlimm ist. Dann noch ein Eis, und die Welt sieht schon wieder anders aus. (mink)

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 21.05.2006
Bildmaterial: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa/dpaweb, picture-alliance/ dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb

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