Von Heinrich Wefing
28. Juli 2004 Mit Lila Lipscomb läßt sich Michael Moore viel Zeit. Er steht in ihrer schmalen Küche, die er mit seinem massigen Körper fast ausfüllt, und läßt sie erzählen von den Dingen, die ihr wichtig sind: Familie, Gott, Vaterland.
Er folgt ihr durch die Haustür in den Vorgarten, wo sie jeden Morgen die Flagge aufsteckt, ängstlich darauf bedacht, daß das Tuch nicht den Boden berührt. Sie redet von den gelben Bändern, den "yellow ribbons", die in Amerika traditionell an Türen und Laternenpfählen angebracht werden, um an die Soldaten im Feld zu gemahnen. Sie spricht von ihrer Tochter, die am Feldzug zur Befreiung Kuweits teilgenommen hat und unversehrt nach Hause zurückgekommen ist.
Stets läßt Moore seine Kamera laufen, ohne selbst viel zu sagen, ohne die Aufnahmen von Mrs. Lipscomb so hektisch, dramatisch, suggestiv zu schneiden wie den Rest seines Films. Die Sequenzen über die Fünfzigjährige aus Flint, Michigan, haben derlei Einrichtung nicht nötig. Was sie sagt, formuliert jenseits aller Polemik, aller wüsten Witze die Essenz von Moores "Fahrenheit 9/11". Lila Lipscomb, Mutter, Patriotin, ist dessen Zentrum.
Er hätte sie erfinden müssen
Sie erzählt, während sie mit den Tränen kämpft, wie sie die Nachricht vom Tod ihres Ältesten erhalten hat, der zwei Wochen nach Beginn des Irak-Krieges mit seinem Black-Hawk-Hubschrauber abgeschossen wurde. Sie liest laut vor aus dem letzten Brief ihres Sohnes, der keinen Zweifel daran läßt, daß er den Einmarsch für einen Fehler hält. Und sie macht sich auf den Weg nach Washington, um wenigstens einen Blick auf die Rückseite des Weißen Hauses zu werfen, in dem der Mann sitzt, der, wie sie glaubt, ihren Erstgeborenen auf dem Gewissen hat. Hätte Moore diese Frau nicht über eine Notiz in "Newsweek" gefunden, er hätte sie erfinden müssen. Denn sie vollzieht vor den Augen des Zuschauers exakt die Kehrtwende, zu der "Fahrenheit 9/11" Amerika bewegen soll.
Moore hat nie einen Zweifel daran gelassen, daß er parteiisch ist. Er tritt diese Woche am Rande der Versammlung der Demokraten in Boston auf, und er hat häufig genug erklärt, daß er mit seinem Film helfen wolle, Präsident Bush aus dem Amt zu jagen. Tatsächlich ist "Fahrenheit 9/11" der emotional wuchtigste, polemischste und längste Werbespot in der Geschichte amerikanischer Wahlkämpfe. Und weil er Wirkung entfalten soll, hat er, wie jeder professionell gemachte Wahlspot, eine genau definierte Adressatengruppe.
Entscheidend für die Wahl
Er zielt nicht, jedenfalls nicht vornehmlich, auf die Bush-Hasser in den großen Städten, auf die liberalen Intellektuellen, die "New York Times"-Leser, auf Studenten und College-Professoren, die den Republikanern nie ihre Stimme geben würden; und schon gar nicht richtet er sich an das europäische Publikum, das Bush und den Seinen ohnehin jede denkbare Schlechtigkeit zutraut. Moores Zielgruppe ist relativ klein, von Wahlforschern präzise beschrieben und nach allen Prognosen entscheidend für die Wahl im November.
Die "New York Times" hat dieses Wählersegment jüngst die "Nascar Dads" genannt: weiße Familienväter ohne höhere Schulbildung, die am Wochenende zu Autorennen gehen.
Howard Dean, der damals noch wie der sichere Sieger im Vorwahlkampf der Demokraten aussah, sprach vor einem Jahr von "den weißen Burschen mit den Pick-ups und der Südstaatenflagge". Solange die für Bush stimmten, werde es nicht gelingen, das Weiße Haus zurückzuerobern. Der Satz hat Dean seinerzeit viel Ärger eingebracht, schließlich gilt die Konföderiertenflagge in den Vereinigten Staaten immer noch als Symbol von Sklaverei und Rassismus. Der Kandidat mußte sich denn auch eilig bei seinen farbigen Parteifreunden entschuldigen und ist mittlerweile längst wieder in der Vergessenheit von Vermont verschwunden.
Die geborenen Wähler
Der Hinweis freilich bleibt richtig: Von Wahl zu Wahl ist es den Demokraten schwerer gefallen, die einfachen Leute im Süden an sich zu binden, weiße Männer zumal. Dabei wären die eigentlich die geborenen Wähler der Linken (und waren es lange): Die Forderungen der Demokraten nach einer allgemeinen Krankenversicherung, nach mehr Hochschulstipendien und billigeren Medikamenten liegen im ökonomischen Interesse auch der weißen Unterschicht.
Weil in Amerika aber nicht zuerst nach wirtschaftlichen Vorteilen abgestimmt wird, sondern nach dem, was so irreführend "cultural values" heißt, nach moralischen Grundüberzeugungen also, waren die Pick-up-Fahrer zuletzt getreue Bush-Wähler. Gerade dessen sorgsam inszeniertes Image als Kumpel in Cowboystiefeln, das in Europa als peinlich und provozierend empfunden wird, zog sie an. Sie sind ganz selbstverständlich für Waffenbesitz und die Todesstrafe, gegen Abtreibungen - und halten sich selbst für die besten Patrioten. Um sie nachdenklich zu machen (so das überhaupt möglich ist), ist Lila Lipscomb für "Fahrenheit 9/11" so wichtig.
Gequälte Soldaten
Nicht sie allein natürlich: Moore bietet auch andere Belastungszeugen gegen Bush auf, deren Wort die "Nascar Dads" nicht leicht ignorieren können, Soldaten in Bagdad etwa, die sichtlich gequält von toten und verstümmelten Kindern erzählen. Oder einen Irak-Veteranen, der im Lazarett kundtut, früher habe er immer die Republikaner gewählt, in Zukunft aber, nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, werde er sich heftig bei den Demokraten engagieren, um den Krieg so schnell wie möglich zu beenden. Die Soldaten sind Männer ganz wie die, die Moore erreichen will. Vielleicht fahren auch sie Pick-ups. Jedenfalls lassen sie sich nicht als Weicheier und Schlappschwänze abtun. Und sie widersprechen den Feindbildern der amerikanischen Rechten, die alle Kriegsgegner grölend als Kommunisten, Schwuchteln oder Hollywood-Schauspieler denunziert.
Bei Lila Lipscomb versagt diese Routine. Niemand kann ernstlich die Vaterlandsliebe einer Mutter in Zweifel ziehen, die einen Sohn für Amerika geopfert hat. Mehr noch, Mrs. Lipscomb nimmt keine Drogen, sie betet regelmäßig und hält ihr kleines Haus in Ordnung. Ihr ganzes Leben ist Beweis dafür, daß man glühender Patriot sein kann und doch gegen Bush und den Krieg. In Europa klingt diese Erkenntnis wie eine Banalität. Die weißen Burschen in ihren wuchtigen Autos aber müssen sie erst einmal schlucken.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2004, Nr. 173 / Seite 29
Bildmaterial: Publics PR