Filmfestspiele Cannes

"Fanfan le tulipe" zur Eröffnung des Festivals

Von Michael Althen, Cannes

14. Mai 2003 Bevor es losgeht, ist Cannes ein austauschbares, nicht mal sonderlich schönes Städtchen an der Cote d'Azur. Die örtliche Zeitung meldet ein Treffen des Scrabble-Clubs, gibt Tips, wie man den Stau auf dem Boulevard Carnot umfahren kann, und schmückt die Aufschlagseite mit einem Foto von Monica Belucci, die durch die Eröffnung führen wird und in "Matrix Reloaded" mitspielt. Ansonsten hat Cannes aber erst mal andere Sorgen. Ein paar Meilen vor der Küste schwimmt zwischen dem Cap d'Antibes und den Iles de Lerins ein sieben Kilometer langer Ölteppich, der die Croisette von Meeresseite bedroht. Der Ansturm von der Landseite hat sich indes um einen Tag verzögert, weil der Generalstreik Flüge, Züge und Busse im ganzen Land lahmgelegt hat.

Business as usual, auch was den Eröffnungsfilm angeht, eine französische Großproduktion, die vor allem deswegen an der Croisette gelandet ist, damit zur Gala Stars wie Penelope Cruz und Vincent Perez präsentiert werden können. Luc Besson hat produziert, Gerard Krawczyk Regie geführt, und das Rezept stammt natürlich aus Hollywood: die Runderneuerung eines Films, den die meisten nur noch aus dem Fernsehen kennen, mit dem sich aber allerlei warme Erinnerungen an verregnete Jugendnachmittage verbinden. Vor fünfzig Jahren haben in "Fanfan la tulipe" Gerard Philipe und Gina Lollobrigida die Hauptrollen gespielt, und was dem europäischen Mantel-und-Degen-Kino an Geld fehlte, wurde durch Nonchalance wettgemacht: In Hollywood wurde auch nicht besser gefochten.

Wie man an "Matrix" sehen kann, haben jedoch mittlerweile die fernöstlichen Kampfkünste im Weltkino Einzug gehalten, so daß die Actionszenen von Vincent Perez etwas hausbacken wirken, zumal er als Schauspieler stets etwas zu intelligent wirkt, als daß er wirklich aufrichtige Freude am Draufgängertum verkörpern könnte. Aber natürlich macht der bezaubernde spanische Akzent, mit dem Penelope Cruz seinen Namen Fanfan ausspricht, einiges wett. Der Regie fehlt allerdings jegliches Interesse, die Geschichte von der Zigeunerin und dem Hallodri, dem sie die Hand der Königstochter weissagte, in irgendeiner Weise ernstzunehmen. Was anfangs noch Programm ist, weil im Frankreich von Louis XV. nicht einmal der König selbst weiß, wer warum gegen wen Krieg führt, erstreckt sich bald aufs ganze Geschehen: Nicht einmal die Filmemacher scheinen zu wissen, wer mit wem und warum. "Fanfan la tulipe" spielt im Herzen dessen, was die Amerikaner für Old Europe halten, und läßt Europa tatsächlich ziemlich alt aussehen. Wie alt, das wird man in Cannes anderntags bei "Matrix Reloaded" erfahren.

Das Festival hat unterdessen einen Schritt auf Europa zugemacht, indem es als Hommage an Fellini auf dem diesjährigen Plakat dessen Spruch "Viva il cinema!" zitiert - auf Italienisch. Das will in Frankreich schon was heißen. Zumal sich der alte Festivalchef Gilles Jacob in seiner halbstündigen Kompilation "Les marches etc.", deren erster Teil letztes Jahr zu sehen war, über die diversen Versuche der Stars, Französisch zu sprechen, eher lustig macht. Man darf also noch mal zusehen, wie Woody Allen sich mit den Worten abmüht, "I declare the festival ouvert", ehe Jacob ihn aus dem Off gönnerhaft zurechtweist: "Pas si vite, mon cher Woody!" So schneidet der Übervater des Festivals zu Chansons Fernsehbilder des Festivals, und wer je geglaubt hat, daß irgendein erzählerisches Talent oder auch nur filmisches Gespür von den Filmemachern auf ihren Gastgeber abgefärbt haben könnte, bekommt das Gegenteil bewiesen.

Aber natürlich setzt sich das Material aus sechsundfünfzig Jahren Cannes selbst gegen einen eitlen Arrangeur wie Jacob durch. Wenn man sie alle noch mal sieht, von Hitchcock bis Lang, von Cocteau bis Polanski, die Stars, die Zuschauer, den ganzen Wahnsinn, dann weiß man, warum man nach Cannes gekommen ist - und sich auch vom Streik nicht aufhalten läßt.



Bildmaterial: AP

 
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