100 Jahre John Huston

Er war ein blutrünstiger Charmeur

Von Verena Lueken

Clint Eastwood dreht einen Film über John Huston und spielt gleich selbst die Hauptrolle: “White Hunter, Black Heart“ (1990)

Clint Eastwood dreht einen Film über John Huston und spielt gleich selbst die Hauptrolle: "White Hunter, Black Heart" (1990)

04. August 2006 Peter Viertel ist ein bescheidener Mann. Er nannte seine Memoiren, die 1992 in den Vereinigten Staaten erschienen und jetzt endlich ins Deutsche übersetzt wurden, „Dangerous Friends. At large with Huston and Hemingway in the Fifties“ und zeigte damit an, daß er keineswegs sich selbst in den Mittelpunkt zu stellen gedachte. Das ist angesichts der Superegos, die dieses Buch bevölkern, ein wahrlich sympathischer Zug.

An keiner Stelle anmaßend, eher manchmal ein wenig zu zurückhaltend schildert Viertel seine Teilnahme an einem Leben, an Reisen und gemeinsamer Arbeit, deren Richtung andere vorgaben: „Papa“ Hemingway, der ihn vom Schreibtisch weg zum Fischen lockte, Anatole Litvak, der vor allem Dinge tat, für die er kein Talent hatte, der Stierkämpfer Luis Dominguin, den er auf einer gefährlichen letzten Tournee begleitet, und John Huston, für und mit dem Viertel einige Drehbücher schrieb und der der zwielichtige Held seines bekanntesten Buchs wurde: „White Hunter, Black Heart“. Clint Eastwood verfilmte den nahezu unverschlüsselten Schlüsselroman über die Dreharbeiten an „The African Queen“ von 1955 im Jahr 1990.

Da kam Huston gerade recht

Viertel wurde 1920 in Dresden als Sohn eines Schauspielers und einer Schauspielerin und Autorin geboren, die mit ihm sechs Jahre später nach Hollywood umzogen. Der Vater arbeitete dort unter anderem mit Friedrich Wilhelm Murnau, die Mutter schrieb die Drehbücher zu einigen Garbo-Filmen. Sie war außerdem eine vorzügliche Köchin und Gastgeberin, was dazu führte, daß Peter Viertel schon früh mit Hollywoods erster Prominentengarde in Berührung kam: Die Garbo ging bei den Viertels ein und aus, die Chaplins kamen zum Dinner. Die emigrierte deutsche Geisteselite, die ebenfalls regelmäßig zu Gast im Elternhaus war, imponierte dem jungen Viertel überhaupt nicht. Bertolt Brecht, Thomas Mann und Katja, sie langweilten ihn, der vor allem eines sein wollte: ein richtiger Amerikaner.

Da kam John Huston gerade recht. Viertel war fünfzehn, als er dem Regisseur zum ersten Mal begegnete. Während eines der zahlreichen Abendessen zu Hause zogen sie sich in die Garage zurück und boxten. Seitdem hatte Huston den Eindruck, Peter Viertel sei wie er - draufgängerisch, risikoversessen, furchtlos, verschwenderisch und ein bißchen blutrünstig. Doch all dies war Viertel nicht, seine gefährlichen Freunde dachten nur, er sei einer von ihnen. Viertel war ruhiger, verantwortungsbewußter, obwohl er seine hochschwangere Frau für ein Model verließ (das ihn dann seinerseits sitzenließ, um mit Aly Khan durchzubrennen, der später wiederum das Model für John Hustons Frau verließ, was Viertel mit unterkühlter Komik beschreibt). Heute ist Viertel mit Deborah Kerr verheiratet.

Ein unbestechliches Auge für Talent

Er wollte ein ernsthafter Autor sein und gleichzeitig mit einiger Verläßlichkeit Geld verdienen, um seine Familie zu ernähren. Ersteres fand Huston überflüssig, letzteres Hemingway. Der hielt Drehbuchautoren für Nutten und erwartete von Viertel, lukrative Angebote aus Hollywood abzulehnen, um zu schreiben, woran nach dem Krieg so viele Veteranen arbeiteten: den großen Roman über die OSS, aus der später die CIA wurde und in der zahlreiche Hollywood-Größen während des Kriegs gedient hatten, auch Viertel. Vor zwei Jahren hat er dieses Buch endlich abgeschlossen und arbeitet heute an einem Erinnerungsbuch über Hollywood vor dem Zweiten Weltkrieg.

Es ist unwahrscheinlich, daß sich irgendein Leser mit all den Filmweltgeschichten, die hier erstaunlich uneitel ausgebreitet werden, langweilt. Doch es läßt sich auch einiges übers Drehbuchschreiben lernen, vor allem über die Probleme dabei. Und immer wieder über Huston: wie er mit seiner Äffin duschte, Hemingway fast verprügelte und ein unbestechliches Auge hatte für Talent. Etwa für das von Marilyn Monroe.

Peter Viertel: „Gefährliche Freunde“. Unterwegs mit Hemingway, Huston, Welles und anderen Legenden des 20. Jahrhunderts. Aus dem Amerikanischen von Thomas Kuhnke. Rüffer & Rub, Zürich 2005. 383 S., Abb., 32,50 [Euro].

Text: F.A.Z., 03.08.2006, Nr. 178 / Seite 35
Bildmaterial: Cinetext Bildarchiv

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