Abu Ghraib

Ohne Bilder kein Skandal

Abu Ghraib: Deutsche Medien waren spät dran

Abu Ghraib: Deutsche Medien waren spät dran

30. Oktober 2004 Der Tag, an dem die Welt zur Kenntnis nahm, daß amerikanische Soldaten in Abu Ghraib foltern, war der 28. April 2004. An diesem Tag zeigte der amerikanische Fernsehsender CBS Bilder, die die amerikanischen Soldaten selbst von den Mißhandlungen, Erniedrigungen und Demütigungen gemacht hatten. Sie waren in den folgenden Tagen in aller Welt zu sehen. Die Wirkung war gigantisch, dabei war die Nachricht, daß amerikanische Soldaten im Irak folterten, nicht neu. Nur die Fotos waren es.

Wie war es möglich, daß die Vereinigten Staaten ein Jahr lang im Irak foltern konnten, ohne daß auch nur eine große deutsche Zeitung, Zeitschrift oder ein Fernsehmagazin jemals ernsthaft darüber berichtete? Das wollten Medienstudenten aus Mittweida wissen. Für ein Ausbildungsprojekt befragten sie die Chefredaktionen von neun deutschen Fernsehprogrammen, Tageszeitungen und Zeitschriften sowie der Nachrichtenagentur dpa zu ihrer Berichterstattung über den sogenannten „Folterskandal“.

Zu früh aufgegeben

„Wir haben zu früh aufgegeben“, schrieb der „Stern“-Reporter Christoph Reuter selbstkritisch in seinem Beitrag aus Bagdad. Reuters hatte nach eigenen Angaben lange vor der CBS-Sendung eine Reihe von Hinweisen auf Mißhandlungen im Nachkriegsirak, nur eben keine stichhaltigen Beweise - und vor allem keine Bilder. Ähnlich ging es den Kollegen vom „Spiegel“ oder bekannten Fernsehreportern wie Antonia Rados (RTL) und Ulrich Tilgner (ZDF). Die am häufigsten genannten Gründe für die „Nichtberichterstattung“ vor dem 28. April 2004 waren „fehlende Beweise“ („Spiegel“), „wenig konkrete Informationen“ („Süddeutsche Zeitung“) oder „Dementis von US-Stellen“ („Stern“). „Spiegel“-Chefredakteur Stefan Aust antwortete unumwunden: „Wenn wir die Fotos gehabt hätten, wäre ein Titel die Folge gewesen.“ Peinlich für das Magazin war dennoch, daß am 19. April, also nur zehn Tage, bevor in der CBS-Sendung „60 Minutes II“ die Bilder veröffentlicht wurden, der „Spiegel“ mit dem Aufmacher „Die Falle Irak - Bushs Vietnam“ erschien. Die umfangreiche Titelgeschichte hatte zwar die Probleme der Vereinigten Staaten im Nachkriegsirak zum Inhalt, zu den Übergriffen in Abu Ghraib und anderen Verließen war jedoch nichts zu erfahren.

Aust wollte später das Versäumnis damit begründen, daß es vor dem 28. April 2004 „keine konkreten Vorgänge“ gegeben habe. Er übersah, daß im eigenen Internet-Angebot „Spiegel Online“ zum Beispiel am 20. März 2004 die Meldung verbreitet wurde: „Die US-Armee hat Anklage gegen sechs Militärpolizisten erhoben. Sie sollen irakische Häftlinge mißhandelt haben.“ In dem Bericht wird das „Gefangenenlager Abu Ghraib bei Bagdad“ ausdrücklich genannt. Einen Tag später ging die Meldung auch bei dpa über die „Ticker“. Doch fast so, als sei es das Normalste auf der Welt, daß amerikanische Soldaten irakische Gefangene mißhandeln, in demselben Kerker, in dem Saddam Hussein Tausende Menschen grausam zu Tode foltern ließ, wurde das Thema von den deutschen Medien weitgehend ignoriert.

„Thema nicht geläufig“

„Spiegel“-Chef Aust reagierte zumindest sofort, nachdem er „am 30. April 2004 gegen neun Uhr morgens“ vom CBS-Bericht über Abu Ghraib erfuhr. Bereits am folgenden Montag erschien das Magazin mit dem Aufmacher „Die Folterer von Bagdad“ und löste eine Welle hektischer Berichterstattung auch in Deutschland aus. Für den direkten Wettbewerber „Focus“ war Abu Ghraib zu diesem Zeitpunkt allerdings immer noch kein Thema. In der Ausgabe vom 3. Mai war kein Wort über den Folterskandal zu finden. Ein Grund mag sein, daß bis zur Veröffentlichung der Bilder bei CBS das Thema in der Redaktion „unbekannt“ war, wie Auslandsressortleiter Ulrich Schmidla einräumen mußte.

Ähnlich ahnungslos war man auch bei der „Bild“-Zeitung. „Das Thema war der Redaktion nicht geläufig“, teilte der stellvertretende Chefredakteur Sven Gösman mit. Die Redaktion von RTL-Aktuell war mit der „Fülle anderer, tagesaktueller Ereignisse aus dem Irak“ so eingebunden, daß das Thema Folter bis zum 28. April „nicht bekannt“ war, entschuldigte der inzwischen vom Stellvertreter zum Geschäftsführenden Chefredakteur aufgestiegene Michael Wulf die Informationspannen. Dagegen bestätigte die eigenen Korrespondentin Antonia Rados, daß sie sehr wohl von Folterungen gehört, jedoch keine „Beweise“ dafür hatte, um darüber berichten zu können. Kriegsgebiete seien nun einmal voll mit Gerüchten - so die Erklärung der 2003 mit dem Joachim-Friedrichs-Preis für ihre Irak-Berichterstattung ausgezeichneten Reporterin. Sie gehe ohnehin davon aus, daß die „wenigsten Skandale von Journalisten aufgedeckt“ würden, erfuhren die erstaunten Mittweidaer Medienstudenten von Antonia Rados. Abu Ghraib sei überhaupt nur ans Tageslicht gekommen, weil „in diesem Falle offenbar jemand in der Hierarchie des US Militär entschieden hat, die Fotos CBS und dem 'New Yorker‘ zukommen zu lassen. Vielleicht gegen Geld? Vielleicht aus Rache oder politischer Überzeugung?“

Reaktionen nur auf Fotos

Tatsächlich haben die meisten Medien mit der Berichterstattung so lange gewartet, bis ihnen das von den Folterern selbst erstellte Bildmaterial angeboten wurde. Die angeklagten amerikanischen Soldaten Charles A. Graner und Lynndie England, der inzwischen zu acht Jahren Haft verurteilte Feldwebel Ivan Fredrick und andere Militärangehörige haben mit dem Einsatz moderner digitaler Technik dafür gesorgt, daß ihre Bilder multimedial verwertbar sind: Im Fernsehen als sogenannte „Einspieler“, um Beiträge aufzupeppen, in Zeitungen und Zeitschriften als vermeintlich lukrative Aufmacher und im Internet in Form von „Slideshows“ oder Videoclips. Was können Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International mit ihren Berichten über unvorstellbare Grausamkeiten schon dagegenhalten? Wohl nicht viel, wie das Beispiel Irak zeigt. Für die fundierten schriftlichen Aussagen der Geschundenen hatte sich fast ein Jahr lang kaum jemand interessiert, auf die Bilder der Folterer stürzten sich alle - sofort.

Amnesty hatte in zwei ausführlichen Reports, die am 23. Juli 2003 und am 18. März 2004 veröffentlicht wurden, auf die Zustände in den Kerkern der Besatzer im Irak deutlich hingewiesen. Sie enthielten Aussagen über Folterungen von Gefangenen durch Elektroschocks, Schlafentzug, Schlägen oder Fesselungen der Geschlechtsteile. Daß solche Praktiken keine Ausnahmefälle waren, bestätigte unter anderem ein früherer US-Marinesoldat im Februar 2004 während der Anhörung zum Tod eines Irakers im Gefangenenlager Camp Whitehorse in der Nähe von Nassiriya. Im Juni 2003 hatte dort ein US-Marinereservist den Häftling Sa‘doun Hattab, einen ehemaligen Offiziellen der Baath-Partei, zu Tode geprügelt.

Kein Gehör für Menschenrechtsorganisationen

Während führende deutsche Medien solche Berichte von Menschenrechtsorganisationen als „wenig stichhaltig“ abqualifizierten, bedienten sie sich gleichzeitig aus undurchsichtigen Quellen für ihre Aufmacher. Ein Beispiel waren die zahlreichen Legenden, die im Zusammenhang mit dem Tod der beiden Saddam-Söhne Udai und Kusai im Juli 2003 gesponnen wurden und schließlich auf Titelseiten landeten: „Erst ein Dutzend Raketen brach den Widerstand“, titelte etwa am 24. Juli 2003 die in Düsseldorf erscheinende „Westdeutsche Zeitung“. Keiner der Journalisten, die über das Ende der Hussein-Sprößlinge zumeist in Reportageform berichteten, konnte die Raketenabschüsse selbst zählen, niemand war dabei. Doch das störte kaum einen Redaktionsleiter. Sie räumten Titelseiten oder begehrte Sendeplätze frei und ließen ihre Reporter spekulieren, wie sich der damals noch flüchtige Ex-Diktator Hussein angesichts der Todesnachricht wohl fühlen mochte - so in einem Beitrag der ARD-„Tagesthemen“, der am 23. Juli 2003 lief.

Für Berichte über die von Amnesty angeprangerten Menschenrechtsverletzungen durch die Besatzer blieb da kaum Platz. Die „Westdeutsche Zeitung“ hatte am 25. Juli 2003 wenigstens noch sieben Zeilen übrig - die meisten anderen Zeitungen ignorierten weiterhin hartnäckig die Folter im Nachkriegsirak oder versteckten Berichte darüber auf ihren Internetseiten. So auch ARD und ZDF. „heute“-Redaktionsleiterin Bettina Warken begründete die fehlenden Fernsehberichte vor dem 28. April 2004 damit, daß die TV-Korrespondenten in Bagdad „Vorwürfe nicht verifizieren“ konnten - dabei veröffentlichte der Onlinedienst des ZDF schon am 14. Juli 2003 einen präzise recherchierten Bericht von Annette Koch zu Erkenntnissen über Folter durch die Besatzer im Irak. Er beginnt: „Offenbar sind die amerikanischen und britischen Besatzungstruppen selbst nicht in der Lage, das zu gewährleisten, was sie vor dem Krieg eingefordert haben: die Einhaltung der Menschenrechte im Irak.“

Kaum anders lief es bei der ARD ab. Über Folter im Irak wurde im eigenen Internetangebot durchaus ambitioniert berichtet. In den „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ verschwieg man dagegen die Übergriffe bis zum 29. April, einen Tag nachdem CBS die Schreckensbilder erstmals ausgestrahlt hatte.

Horst Müller ist Professor an der Hochschule Mittweida und Autor des Buches „Folter frei - Abu Ghraib in den Medien“, das gerade im Hochschulverlag Mittweida erschienen ist. Weitere Informationen unter www.folterfrei.de



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.10.2004
Bildmaterial: dpa

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