
Die RAF-Chose auf einen Nenner gebracht: Zuerst taten sie alles, um ins Gefängnis zu kommen, nachher alles, um wieder herauszukommen. Die intellektuellen Souffleure und Sekundanten überhöhen diese simple Tatsache bis heute. Frank Schirrmacher elegant wie immer. Chapeau!

Mitglieder einer abartigen und unmenschlich agierenden Verbrecher- und Terroristenbande werden von kuscheligen Vertretern deutscher Schauspiel-"Avantgarde" dargestellt, die sich nunmehr zur Premiere auf dem roten Teppich feiern lassen, als wäre es etwas ganz Herausragendes, Mörder/innen der Baader-Meinhoff-Bande zu spielen. So kann man keinen Film über Verbrecher-Abschaum machen, werter Eichinger! Wenn Sie kuschelige ARD-und ZDF-Filmchen-Wohlfühlschauspieler einsetzen, um das angebliche Terror-Grauen zu zeigen, müssen Sie damit rechnen, dass viele Ihrer Zuschauer sagen: "Was wollen die eigentlich? Die RAF war doch gar nicht so schlimm, sondern sogar sehr sympathisch. Es spielen ja alles nur Schauspieler mit, die ich auch sonst aus den Pilcher-Filmchen in ARD und ZDF kenne." Werter Eichinger: Mit einer solchen Schmiere wollen Sie einen Oscar gewinnen? Wenn ja, sage ich Ihnen eins: Der Oscar-Gewinn scheitert schon daran, dass Sie die besten derzeit agierenden Schauspieler Ihres Genres - Barabra Schöneberger und Florian Silbereisen - bei Ihrem Film nicht berücksichtigt haben. Irgendeinen feigen Mord hätten diese beiden Protagonisten bundesdeutscher Mittelmäßig- und Piefigkeit mit Sicherheit auch noch vermitteln können.

Anfang April 1970 traf ich Andreas Baader in der UHA Berlin Moabit, Haus 2. Baader, in Zivilkleidung, war offensichtlich auf dem Weg zur Arztgeschäftstelle auf Station H 1. Und er, der gefährlichste Macker der BRD, lief alleine, ohne Bewachung. Der Stationskalfaktor machte mich auf Baader aufmerksam, sagte: "He, das ist Baader, der in Frankfurt das Kaufhaus abgefackelt hat!" Ich ging auf Baader zu, wechselte einige Worte mit ihm - unter anderem über die Liebe unter Männern, als plötzlich aus der Arztgeschäftstelle drei Beamte stürmten und ihn mit Gewalt in den Raum zerrten. Wenig später wurde er von mehreren Beamten ohne Widerstand zu leisten auf seine Zelle geführt. Als er mich sah, kniff er verschwörerisch das linke Auge zusammen. Was wir damals noch so geredet haben - bleibt unter uns; doch nun kommt dieser Film und der Herrn Schirrmacher dazu...

Das bleibt die Frage bis zum Schluß. Eichinger hat ein Gespür für Stoffe, die als Film Geld einbringen. Das ist sein Beruf. Stefan Aust hat etliches geschrieben zum Thema und er hat für die Strömungen seiner Zeit ein Händchen gehabt. Wenn beide nun das letzte "Zeitfenster" nutzen, um den Stoff noch einmal zu verwerten, ist das kaum der Rede wert, wie sie das tun, schon eher. Die medial verwurstete Verzweiflung Eichingers und die öffentlich annoncierten Tränen des Stefan Aust wären einer analytischen Betrachtung wert. Stattdessen tobt sich Schirrmacher bei seinen Betrachtungen recht hemmungslos gegen Betroffenheitsgedusel, Bauchnabelschau und Selbstmitleid aus, die er im 68er Milieu verortet. Bei allem Verständnis, dieser rückwärts gewandte Schrotschuß ist geschenkt, weil nicht geeignet, heute noch viel zu bewirken. Die wenigen, die seither nichts dazu gelernt haben, mag man ruhig vergessen. Aufregung für Heute ist angesagt, auch und gerade in der FAZ. Da gibt es reichlich zu tun - ganz ohne Bezug zu 68.