Fernsehen

Im Alten Mann liegen die Jungen zum Sterben

Von Alexander Bartl

Jan Josef Liefers (l.) in der Verfilmung des “Wunders von Lengede“

Jan Josef Liefers (l.) in der Verfilmung des "Wunders von Lengede"

07. November 2003 Grabowski bohrt wieder, obwohl er sich eben mit dem Bergwerksdirektor überworfen hat und schweren Schritts das Weite suchte. "Im Winkel", schräg nach unten durch den brüchigen Stein, lenkt er nun das Gestänge, gibt Kommandos und glaubt sich mit jedem Meter, den der Bohrkopf freiräumt, näher an seinen eingeschlossenen Kameraden. Die Hinterbliebenen schauen und schweigen, durch den Einsatz des Bohrmeisters erbaut und doch am Boden zerstört. "Theoretisch", sagt der Vermessungsingenieur Hansen, könnten die Männer noch am Leben sein, "vielleicht". Aber als Grabowski endlich an das Eisenrohr tritt und Klopfzeichen gibt, haben sich die meisten längst in die Kirche zum Trauergottesdienst begeben. Er seinerseits will dem Schicksal nicht vorgreifen. Seine Hiebe gegen das Metall hören sich dennoch wie Totenglocken an.

Die Kamera folgt deren Klang in die Tiefe, wo die Bergleute seit Tagen ausharren. Mit Steinen schlagen die Totgesagten gegen die Metallsonde, aber die Brocken zerbröseln in ihren Händen. Sie müssen auf die Klopfzeichen antworten, wenn ihnen die vom Wasser bedrängte Höhle nicht zum Grab werden soll. Grabowski, der Einpeitscher und Chefdirigent über dem Bohrloch, der im Eifer seine Zigarette verloren hat, die er ohnehin mehr kaute als rauchte, könnte die Tragödie abwenden.

Vierzigster Jahrestag

Zum vierzigsten Jahrestag dieser denkwürdigen Rettungsaktion zeigt Sat.1 am Sonntag und Montag den Zweiteiler "Das Wunder von Lengede". Die Großproduktion erzählt von den Ereignissen im Herbst 1963, als das Leben der Bergleute zwei Wochen lang auf der Schneide stand. Als glückliche Fügung, mehr noch, als Wunder ging deren Bergung in die deutsche Geschichte ein (F.A.Z. vom 24. Oktober).

Wer dieses Kapitel verfilmt, hat viel zu gewinnen, schließlich ist alles vorhanden, was ein großer Film benötigt: Gefühl über Gefühl, Zweifel und Verzweiflung und vor allem Spannung bis zuletzt. Ebenso groß ist das Wagnis, tatsächliche Ereignisse von vergleichbarem Rang in die Fiktion zu heben. Schon damals konnte sich dank der angereisten Journalisten jeder ein Bild machen von dem Wunder. Lengede wurde zur Privatangelegenheit eines ganzen Landes: Jenem Stück Historie, das zunächst in die Herzen fand und erst danach in die Erinnerung, ist der Drehbuchautor Benedikt Röskau unverzagt auf Augenhöhe begegnet. Mütterlicherseits stammt er selbst aus einer Bergarbeiterfamilie und vielleicht liegt es daran, daß seine Dialoge so unverstellt ausfallen und selbst in der Pointe nach Erde riechen, nicht nach Kunstkitsch. Sein Buch wird der gefühlten Größe des Augenblicks gerecht, entgeht dabei übertriebenem Pathos, das unter den Bergleuten im Todeskampf auch nicht herrschte - selbst in Lengede, das zunächst weit entfernt war von seinem Wunder, aber dem Wortlaut nach schon immer nah an der Legende siedelte.

Am 24. Oktober 1963 brach das Wasser eines Klärteichs in den Stollen und flutete Schacht für Schacht. Der Regisseur Kaspar Heidelbach läßt die Kumpel am anderen Ende der Höhlensystems ungerührt weiterschuften, während ihnen das Wasser bis zu den Knöcheln reicht. In opulenten Bildern geht die Grube unter, aber jede Sintflut hat klein begonnen und so ahnt nur der Zuschauer, was den Bergleuten bevorsteht. Das Unheil fällt nicht tosend über die Menschen her, es pirscht sich an, Tropfen für Tropfen, um dann alles mitzureissen, was sich ihm in den Weg stellt. Trotz der überwältigenden Bilder vertraut Heidelbachs Actionszenario auf Nuancen.

Vorbote des Unheils

Sein Film beginnt so entspannt wie ein Tanzabend in einem Provinzlokal. Dort treffen Franz und Bruno auf ihre Gattinnen Helga und Renate. Sie feiern und streiten ein bißchen. Es geht um Frauen, Fußball und Fernweh. Als tags darauf der Klärteich einbricht, flackern die Grubenlampen und versagen. "Stell dir vor, es geht das Licht aus", jene von Paul Hörbiger besungene Intimität im Dunkeln, gut ein Jahrzehnt vor dem Unglück von Lengede, weicht hier der Bedrohung. Die Finsternis ist in Lengede kein hohes Versprechen mehr, sondern ein Vorbote des Unheils.

Was seine Schauplätze betrifft, kreist sich der Film allmählich selbst ein, verengt den Blickwinkel und verdichtet das Geschehen auf kleinstem Raum. Das Drama wölbt sich gleichsam nach innen, erzählt wie unter Überdruck von Menschen, die zurückgeworfen werden auf die nackte Existenz. Anfangs schweifen die Gedanken noch in die Ferne, wahlweise nach Kanada oder Mallorca, weil Renate und Helga mehr wollen vom Leben als die Tristesse in Lengede. Danach ruhen alle Augen auf der Zeche. Zwei Sphären treffen aufeinander, jene unter Tage, und jene zu ebener Erde. Allein die Kamera durchbricht die Blickbarriere und wechselt zwischen oben und unten, Tag und Nacht. In Helgas Küche fließt Wasser in den Ausguß. Unten im Stollen holt sich die Flut ihre Opfer. Wenigstens in der Metapher sollen die Bergleute und ihre Angehörigen miteinander verbunden sein.

Der Film "Das Wunder von Lengede" taucht das Schicksal jener in mattes Grubenlicht, die zunächst verschont blieben und in den "Alten Mann" flohen, einen ungesicherten Stollen. Anders als wohl tatsächlich geschehen, hat der Film mit Franz Wolbert und Bruno Reger die Ersten unter Gleichen erkoren, zwei Helden unter Helden. "Es war von vornherein klar, daß man bestimmte Figuren in den Vordergrund stellen muß. Ich habe mich dann trotzdem bemüht, zumindest unter Tage einen Ensemblefilm zu machen", sagt Kaspar Heidelbach im Gespräch. Indem er zwei Männer und deren Frauen hervorhebt, will er eine "größere Nähe" zu allen Figuren erzeugen: "Selbst die ,Glorreichen Sieben' waren nicht alle gleich glorreich. Es gibt auch welche, die glorreicher waren." Ebenso unzweifelhaft ist aber auch, daß die beiden Darsteller der wichtigsten Grubengefangenen glorreicher oder schlicht überzeugender wirken als die anderen.

Gedehntes Nichts

Heino Ferch als Franz eher ein gesetzter Zeitgenosse, Streitschlichter vom Dienst und selbstloser Helfer, darf zwar manchmal seine Muskelkräfte aufbieten, aber nur um zu retten, was noch zu retten ist. Ihm zur Seite spielt Jan Josef Liefers den leicht entflammbaren Bruno, der die Ehre seiner Frau mit Fäusten verteidigt, ansonsten aber federnd und fidel, mit Blues im Blut, zur Arbeit geht. Dann zerschmettert ein Baumstamm sein Bein und von da an geht es bergab. Erst verliert er seinen Lebenswillen, dann spürt er den Tod durch die Adern kriechen. Der eine wächst über sich hinaus, der andere verfällt zusehends und alle anderen neigen einmal dem Lebenswillen zu, dann wiederum der Todesgewißheit. Der Zweiteiler "Das Wunder von Legende" ist bis in die Nebenrollen hochkarätig besetzt. Vielleicht ist man deshalb ein wenig enttäuscht, wenn ein ansonsten überragender Axel Prahl auf einmal mit flachen Sprüchen den stumpfsinnigen Egoisten hervorkehrt, der später, schon halb dem Wahn verfallen, Licht am Ende der Grube erblicken wird, wo nur blanker Fels den Schein der Grubenlampe zurückwirft.

Es ist schon erstaunlich, daß die Szenen unter Tage dennoch bis zuletzt dynamischer wirken, als jene unter freiem Himmel, wo der Blick nach Belieben schweifen könnte. In den Hohlraum gezwungen, durchmißt die Kamera unaufhörlich die wenigen Kubikmeter Luft, schwenkt und kreist selbst dann, wenn sich sonst nichts mehr bewegt, und die Männer zermürbt die Stunden verdösen. Heidelbach verkehrt die Logik des Raums, wenn er die Hinterbliebenen, wie von der Trauer gelähmt inszeniert und dafür die Kumpel in der Enge aufscheucht: "Das Prinzip, das ich mir ausgedacht habe, war, daß man die Leute unten nie loslöst von ihrer Umwelt. Während ich oben versucht habe, die Figuren in sich zu isolieren", erklärt der Regisseur. Die Zeit des Harrens und Zagens, des Halbdunkels und der äußeren wie inneren Leere geraten verläßlich zu Kabinettstücken im hohlen Gestein. Das gedehnte Nichts gliedert der Regisseur in Spannungsetappen:

Mehrfach stürzen Steintrümmer herab und schlagen zwei Bergleute halbtot. Einer wird irre über der trostlosen Monotonie, ein anderer öffnet sich die Pulsadern. "Ich habe darauf bestanden, die Szenen unter Tage chronologisch zu drehen", sagt Heidelbach, "Wir sind zuerst ins Originalbergwerk gegangen, wo wir gedreht haben bis zum Umfallen. Dann sind wir in den Tunnelbau für die Wasserszenen gegangen, dann in den unteren und zuletzt in den oberen Alten Mann." Das gemeinsam Durchlebte sollte die Gruppe auch in der Inszenierung zusammenschweißen, wenn es sein muß, bis zum Umfallen.

Großes Fernsehen

Und oben, in Lengede, weicht die Hoffnung allmählich der Gewißheit, daß die Männer verloren sind. Nadja Uhl als Helga gewinnt im Leid Kontur. Ihre Arbeit benötigt sie, um zu verdrängen, was keiner vergessen kann. Heike Makatsch als Renate spielt sich vom Protest in die Trauer hinüber, findet den ihr verfallenen Reporter ziemlich nett, hat aber unten in der Grube noch ihren Bruno sitzen, guckt mal böse, sogar richtig böse, wenn der Bergwerksdirektor die Suche beenden will, weiß aber ingesamt nicht recht, wie sie soviel Gefühl in ihrer Figur unterbringen soll, ohne einfach nur niedlich und überfordert zu wirken.

Großes leistet Armin Rohde, der zuversichtliche Bohrmeister mit Herz und Kraft. Vom Helm bis zur Sohle ist er ein Mann, der zupackt, selbst dann, wenn niemand mehr an ihn glaubt. Ja, er kann richtig wütend werden, wenn er seitens des Direktors Verrat an den Bergleuten wittert. Den Steinbohrer stemmt er so entschieden in den Boden, als komme das Gerät auf der anderen Seite der Erde gleich wieder heraus. Und bevor er die ersten Klopfzeichen aus der Tiefe vernimmt, damit Lengede endlich zu seinem Wunder kommt, bevor er ein Mikrofon zu den Eingeschlossenen senken wird, legt er sein Ohr ganz sacht an die Eisenstange. Der sensible, der behutsame Grabowski ist nun gefragt, einer, der diesem Film den verdienten Höhepunkt schenken will. Das ist großes Fernsehen fürwahr.

Am Sonntag und Montag um 20.15 Uhr bei Sat.1.



Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.11.2003, Nr. 260 / Seite 44
Bildmaterial: dpa

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