Paul Haggis

Zynischer Optimist

Von Verena Lueken

Händeweise Preise: Paul Haggis

Händeweise Preise: Paul Haggis

07. März 2006 Niemand wunderte sich, als Paul Haggis am Sonntagabend Ortszeit in Los Angeles gemeinsam mit Bobby Moresco den Oscar für das beste Originaldrehbuch entgegennahm. Auch der Oscar für den besten Schnitt an seinen Cutter Hughes Winborne war keine große Überraschung. „L.A. Crash“, das Regiedebüt von Haggis, galt als einer der aussichtsreichen Filme in einigen Kategorien, darunter diesen. Nicht aber in der wichtigsten. Doch am Ende der dreieinhalbstündigen Zeremonie wurde Haggis wieder aufgerufen, um auch jenen Oscar, der „L.A. Crash“ zum besten Film des Jahres krönte, entgegenzunehmen. Als Produzent. Einzig daß er auch Regie geführt hatte, wurde von der Academy nicht belohnt.

Haggis, zweiundfünfzig Jahre alt, ein Kanadier, der seit dreißig Jahren in Los Angeles lebt, ist eigentlich ein Fernsehmann, er war es zumindest bis zum Jahr 2000; und er war auch dort sehr erfolgreich. Er schrieb als Autor Episoden für „Love Boat“ oder „Walker: Texas Ranger“und erfand Serien wie „EZ Street“, die die „New York Times“ zur einflußreichsten Fernsehserie aller Zeiten kürte, er gewann zwei Emmys, den Fersehkritikerpreis, verschiedene Publikumspreise und viele mehr. Eine solche Karriere aufzugeben ist einerseits mutig, weil der Wechsel vom Fernsehen zum Kinofilm nicht häufig gelingt. Andererseits darf man vermuten, daß Haggis nicht nur als Autor anerkannt, sondern in Hollywood auch bestens vernetzt war, zumindest unter Hollywoods erfolgreichen Außenseitern, zu denen er sich selbst zählt. Jedenfalls konnte er bereits für sein erstes Drehbuch, das er aus den Kurzgeschichten des Boxmanagers Jerry Boyd kompilierte, Clint Eastwood interessieren. Eastwood übernahm nicht nur die Hauptrolle und die Regie zu „Million Dollar Baby“, sondern gewann im vergangenen Jahr mit diesem Film auch die wichtigsten Oscars. Drehbuchautor Haggis ging damals leer aus. Sein Jahr lag noch vor ihm.

„L.A. Crash“ sollte ursprünglich eine Fernsehserie über das Leben in Los Angeles werden, doch niemand wollte sie produzieren. Zu schwierig schien den Sendern diese komplexe und teilweise zynische Geschichte um Einsamkeit und Rassenbeziehungen, die unterschiedlichen Kulturen und ihre Borniertheiten im Los Angeles unserer Tage, um sie dem Massenpublikum zuzumuten, eine Einschätzung, welche die Filmstudios, denen Haggis ein erweitertes Skript für einen Spielfilm anbot, teilten. Beziehungen tragen auch einen erfolgreichen Autor in Hollywood offenbar nicht überallhin, wohin er gehen möchte. Schließlich waren es zwei unabhängige Produzenten, die das Geld auftrieben, den Film zu produzieren. Und zwar billig, wie Haggis im Gespräch mit dieser Zeitung sagte und damit sieben Millionen Dollar meint. Und mit einem Schauspielerensemble, das geschlossen auf einen großen Teil der üblichen Gagen verzichtete. Der Film spielte ein Vielfaches davon wieder ein, und die Oscars werden dafür sorgen, daß der Geldfluß noch nicht versiegt. Schon im April des vergangenen Jahres erkannte die Zeitschrift „Rolling Stone“ in Paul Haggis den Filmemacher des Jahres, der den größten Durchbruch schaffen würde. Ein Mitglied des Hollywood-Establishments wird er deswegen nicht. Ein Künstler müsse ein wenig abseits stehen, sagt er und meint: Ich bin stolz darauf, Kanadier zu sein.

Text: F.A.Z., 07.03.2006, Nr. 56 / Seite 10
Bildmaterial: REUTERS

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