Von Verena Lueken
03. März 2006 Sie reiten gemeinsam durch die leere Landschaft. Sie waschen sich die Hände im Fluß und kochen ihren Kaffee auf offenem Feuer. Sie schweigen. Die Nächte sind kalt, der Viehtrieb ist kräftezehrend.
Manchmal betrinken und balgen sie sich, und manchmal sitzen sie einfach auf einem Hügel herum und stieren in die Gegend, wo die Sonne untergeht, der Wind fegt oder der Schnee treibt: Keine Frage, Brokeback Montain ist ein klassischer Western, in dem alles, was geschieht, von einer unterschwelligen Langeweile motiviert scheint und die beiden Hauptfiguren monatelang in der Ödnis, in der sie eine Schafherde zusammenhalten und vor Wilderern beschützen sollen, die Zeit totschlagen müssen - gerade so wie all die anderen Viehtreiber der Filmgeschichte.
Kein Ort für die Liebe
Doch während diese zur allgemeinen Unterhaltung anfingen, einander zu verprügeln oder wild um sich zu schießen oder auch ernstere Probleme von Sicherheit und Ordnung anzugehen, tun Ennis und Jack (Heath Ledger und Jake Gyllenhaal) etwas anderes. Sie verlieben sich. Wie ihre Kollegen im Genre, die von Fäusten und Kugeln verletzt werden, leiden auch sie immense Qualen - weil sie keinen Ort für ihre Liebe finden. Andere Westerner finden keinen Ort für sich selbst.
Weil er mit seiner Geschichte aus Wyoming, die im Jahr 1963 beginnt, vor allem von dieser Liebe erzählt, wird der Film von Ang Lee - der mit acht Nominierungen als Spitzenkandidat in die Oscar-Verleihung am Sonntag gehen wird - der erste schwule Western genannt. Wenn man andere oscargekrönte Western betrachtet, gewinnt man den Eindruck, daß das nicht ganz präzise ist. Männer waren im Western immer unter sich, man fragte früher nur nicht, was genau das eigentlich bedeutete.
Er ist unsterblich
Der Western ist mit dem Slapstick das früheste Genre des Kinos, und obwohl er immer wieder totgesagt war, scheint er niemals länger als ein paar Jahre von der Bildfläche zu verschwinden. Wir sollten uns daran gewöhnen, daß er unsterblich ist. Und das nicht nur, weil Regisseure wie John Ford und Henry Hathaway, Anthony Mann und William Wyler, Sam Peckinpah und Sergio Leone, Clint Eastwood und jetzt Ang Lee dafür gesorgt haben, daß sich das Genre im Lauf der Zeiten immer wieder erneuert hat, sondern auch, weil ihr innovativer Umgang mit den einst strikten Regeln, nach denen die stets selben Situationen durchgespielt, dieselben Kämpfe inszeniert, dieselben Feuer entzündet wurden, vom Mainstream angenommen wurden. Nicht alle erhielten dafür einen Oscar, aber die Academy hat nie völlig das Interesse an diesen Geschichten unter Männern verloren.
Die Hochzeit des Genres waren fraglos die vierziger, fünfziger und sechziger Jahre. Aus den unterschiedlichen Filmen dieser Epoche ragt High Noon von Fred Zinnemann heraus, eine Licht- und Schattenelegie in Echtzeit mit Gary Cooper als alterndem Helden, wie ihn eineinhalb Jahrzehnte später John Wayne in Henry Hathaways True Grit gab und noch einmal drei Jahrzehnte weiter Clint Eastwood in Erbarmungslos.
Nonverbale Botschaften
Vielleicht liegt die Langlebigkeit des Genres daran, da nahezu alles im Western verhandelt werden kann, das Altern, die Politik, das Verhältnis der Rassen und Geschlechter, Fragen von Krieg oder Frieden, Freundschaft und Vaterland. Die Botschaften kommen nonverbal, das macht sie unangreifbar. Eine von ihnen ist bis heute, daß ein Mann die Kontrolle nur behalten kann, wenn er unter seinesgleichen bleibt. Der Weg von da bis zu den tragisch Liebenden in Brokeback Mountain ist kurz.
Bei allen Veränderungen des Western bleibt in seinem Zentrum die Sprachlosigkeit, die vollständige Unfähigkeit der Figuren, ihren Gefühlen oder Ideen Ausdruck zu geben - statt dessen sehen wir mit ihnen in die Landschaft, auf Herden und Hügel. Westernhelden, auch die beiden in Brokeback Mountain, sind immer auf der Flucht, und in der Landschaft finden sie ein Versteck vor den Zumutungen der Zivilisation.
Das ist in Brokeback Mountain nicht anders, nur daß Zivilisation hier eine besondere Bedeutung hat: nicht Zähmung von Natur, nicht Konflikt zwischen individueller Freiheit und Notwendigkeit von Gesellschaft, sondern Unterdrückung von Gefühlen, nicht Familienwerte, sondern Homophobie. Das ist ein weiterer Schritt in der Entwicklung des Genres und war in dieser Offenheit im Western tatsächlich noch nie zu sehen.
Text: F.A.Z., 04.03.2006, Nr. 54 / Seite 39
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb
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