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Papa kommt nicht vor

Von Sandra Kegel

Wo ist Papa? “Baby & Co.“ weiß es nicht

Wo ist Papa? "Baby & Co." weiß es nicht

22. Juni 2005 

Die Familie ist ins Gerede gekommen, seit Deutschland sich allmählich zur postfamiliären Gesellschaft entwickelt. Früher hielt man Vater-Mutter-Kind schlicht für das, was die Gemeinschaft im Innersten zusammenhält - und brauchte sich weiter nicht zu kümmern; im Sinne Konrad Adenauers, der meinte: „Kinder kriegen die Leute sowieso.“

Heute bekommen immer weniger Paare Nachwuchs, weshalb die Demographen Alarm schlagen und die Politiker sich um die fehlenden Renteneinzahler von morgen sorgen. Doch nicht alle scheinen der Ansicht zu sein, daß die Deutschen bald aussterben: Der Axel-Springer- und der OZ-Verlag zum Beispiel haben sich jetzt zusammengetan und ein neues Heft entwickelt, das den optimistischen Titel „Baby & Co“ trägt. Mit einer Startauflage von rund 200.000 Druckexemplaren liegt die erste Ausgabe an den Kiosken.

Vier Ausgaben pro Jahr

Die Resonanz der Anzeigenkunden sei groß, erklärte zum Start von „Baby & Co“ Verlagsgeschäftsführer Gernot Körner, zunächst aber plane man vorsichtig mit vier Ausgaben für dieses Jahr. Das Knuddel-Baby, das vom Titelblatt der Mai-/Juni-Ausgabe strahlt, gibt sich da weniger defensiv. Ihm folgen 122 Seiten, auf denen sich all die Themen wiederfinden, die junge Mütter in ihrer neuen Leichtigkeit des Seins plötzlich so wahnsinnig interessieren: Babys erster Badetag, Babys ruhiger Schlaf, Babys richtige Windeln.

Die verlegerische Hoffnung auf einen Erfolg von „Baby & Co“ ist nicht ganz unbegründet. Die Anzahl der Familien nimmt nämlich nicht in gleichem Maße ab wie die Geburtenrate sinkt. Gleichzeitig ist der Bedarf an Beratung und Förderung von Kindern extrem gestiegen - nicht zuletzt durch das desolate Abschneiden der Deutschen bei der Pisa-Studie für Schul- und Kindergartenkinder. Aus diesem Bedürfnis will „Baby & Co“ Kapital schlagen mit Artikel wie „Was Babys schon alles können“, „So unterstützen Sie Ihr Kind beim Laufenlernen“, „So lernen Babys sprechen“. Was Eltern alles tun können (und müssen), um den Nachwuchs, „optimal zu fördern“, das zieht sich als kategorischer Imperativ durch das gesamte Heft.

Reizthemen unzureichend abgehandelt

Da finden sich durchaus lesenswerte Beiträge zum Beispiel darüber, daß Eltern ihre Kinder, oft aus falsch verstandener Rücksichtnahme, mit Entscheidungen im Alltag überfordern. Was es zu Essen gibt, wann Schlafenszeit ist oder was angezogen wird, ist für Zweijährige jedoch kaum zu entscheiden, weil sie die Folgen ihres Handelns noch nicht abschätzen können. Kompliziertere Sachverhalte oder Reizthemen wie etwa die ewige Frage, ob man seine Kinder impfen sollte oder nicht, werden dagegen nur knapp und unzureichend abgehandelt. Die obligatorischen Fingerspiele, Kochrezepte und Bastelanleitungen finden sich dagegen zuhauf; die Einkaufstipps lassen sich dabei von der Werbung kaum unterscheiden.

Ein Magazin, das auf eine so spezielle Leserschaft wie die junger Eltern gemünzt ist, hat es schwer, schon allein deshalb, weil die Zielgruppe dem Heft innerhalb nur weniger Jahre entwachsen ist. Deshalb müssen immer neue Leser aquiriert werden und gleichzeitig die immer selben Themen stets aufs neue wiederholt werden. Da kommt es auf diesem eng gesteckten Feld zwangsläufig zu Überschneidungen mit anderen Publikationen.

Was Kinder entscheiden sollten

Allen voran natürlich mit „Eltern“, der Bibel für Debütanten in Sachen Familienbildung, die Gruner & Jahr im Jahr 1966 auf den Markt gebracht hat und die heute eine Auflage von mehr als 350.000 Exemplaren aufweist. Das zeitgleich mit „Baby & Co“ erscheinende „Eltern“-Blatt hat den Windeltest der Stiftung Warentest ebenso im Programm, gibt jungen Familien auch Reisetips für die Sommerurlaub und diskutiert gleichermaßen, welche Entscheidungen Eltern ihren Kindern zumuten sollten.

Inhaltlich ist „Baby & Co“ dem Marktführer nicht gewachsen, der neuen pädagogischen Konzepten oder kontroversen Diskussionen, etwa darüber, wann Kinder ins Elternbett dürfen, erheblich mehr Platz zugesteht. Auch nimmt man bei „Eltern“ den Anspruch, die ganze Familie zu erreichen, besonders ernst: Bei „Baby & Co“ findet dagegen Familie ausschließlich zwischen Muter und Kind statt; die Väter kommen nicht vor. „Ralf“ ist der einzige männliche Protagonist, der in einer Geschichte auftaucht. Und dieser „Anwalt in klassisch-grauem Nadelstreifen“ traut seiner Freundin nicht zu, Kinder großzuziehen, weil sie dafür zu unordentlich sei. Über ihr Männerbild sollte die Redaktion von Chefredakteur Hauke Johannsen doch noch einmal nachdenken.

Text: F.A.Z., 23.06.2005, Nr. 143 / Seite 42
Bildmaterial: AP

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