Frankfurter Rundschau

Das Medienhaus

Von Michael Hanfeld

Umzug ins Colosseo: Macht die Frankfurter Rundschau 2005 wieder Gewinn?

Umzug ins Colosseo: Macht die Frankfurter Rundschau 2005 wieder Gewinn?

21. November 2005 Die langen Gänge gibt es bei der „Frankfurter Rundschau“ immer noch. Nur führen sie nicht mehr, wie im alten „Rundschau“-Haus am Eschersheimer Turm, aus dem einen Dunkel ins nächste, sondern im Rundlauf durchs „Colosseo“, die neue, lichte Heimstatt am Sachsenhäuser Ufer des Mains, wo Redaktion und Verlag sich für drei Jahre eingemietet haben.

Der Verkauf der alten Immobilie in bester Innenstadtlage hat angeblich 45 Millionen Euro eingebracht. Das läßt erwarten, daß die „Rundschau“ das Jahr 2005 tatsächlich mit schwarzen Zahlen abschließt, wie es Jens Berendsen, der Sachwalter des jetzigen Eigentümers der „Rundschau“, der SPD-Medienholding DDVG, angekündigt hat.

„Die Einheit des Betriebs bleibt gewahrt“

Berendsen ist als Geschäftsführer am 1. September zurückgetreten. Seither führt jemand den „Rundschau“-Verlag, der zuvor bei der „Rhein-Zeitung“ in Koblenz wirkte, die den Frankfurter Verhältnissen nur geographisch nahe ist. Ansonsten ist dort alles anders als am Main, wurden Redaktionen doch zu eigenständigen Agenturen umgewidmet und das Unternehmen in Profitcenter auseinanderdividiert. Oder sind das die Vorzeichen für die neue „Rundschau“?

Auftritt Karl-Heinz Kroke, erster Aufzug, erster Satz: „Die Einheit des Betriebs bleibt gewahrt.“ Es gibt „kein Outsourcing. Und alles, was wir tun, wird in Übereinstimmung mit den Tarifverträgen geschehen.“ Das sei, sagt der Geschäftsführer, eine der Grundfragen, in denen er und die Gesellschafter übereinstimmten. „Man muß zur Kenntnis nehmen, daß dieses Haus eine besondere Tradition und Kultur hat.“

Bildung von Teams und Arbeitsgruppen

Den einen oder anderen Traditionsbruch hat Kroke dennoch vor. Das fing damit an, daß er als Geschäftsführer erst einmal sämtliche Außenstellen des Verlags besuchte, die jemanden wie ihn vor Ort noch nicht gesehen hatten. An Ort und Stelle in den Regionen und in den Abteilungen der Zentrale läßt Kroke Teams bilden, Arbeitsgruppen, die sich aus Redakteuren und Mitarbeitern des Verlags rekrutieren und zunächst nichts anderes tun sollen, als sich gegenseitig zu informieren.

Die Frage laute: Was unternimmt unser Verlag in der Region? Wie steht er da? Was können wir tun? Das klingt nach einer gefährlichen Nähe von Geschäft und Journalismus, die Kroke aber verneint. Es gehe nicht um redaktionelle Inhalte, sondern um den gemeinsamen Auftritt auf dem Markt.

„Graben zwischen Redaktion und Verlag schließen“

Daß die „Rundschau“ den verbessern will, merkt man, sobald man am ersten Türschild vorbeiläuft: „Nebengeschäfte“ heißt die Abteilung. Nebengeschäfte? Darunter versteht der neue Geschäftsführer, was andere Verlage auch kennen: die Vermarktung der Zeitung durch Bücher, CDs, Comics, DVDs und - eine „FR-Akademie“, die Lesern Seminare und Vorträge anbieten soll.

Professoral geht es auch in der Redaktion zu: Deren Treiben im Zusammenspiel mit dem Verlag begutachtet der Leipziger Medienwissenschaftler Michael Haller, der als Berater der Geschäftsführung fortlaufend Vorschläge unterbreitet, was man besser machen könnte. Deren erklärtes Ziel ist es, wie Kroke sagt, „den Graben zwischen Redaktion und Verlag zu schließen“ und ein „Medienhaus“ zu werden.

Anzeigenanteil um 20 Prozent gesunken

Doch warum hätte zu diesem nicht ein Finanzinvestor wie die Firma 3i gepaßt, welche die „Rundschau“ bis zuletzt kaufen wollte, dann aber von der SPD-Medienholding aus dem Rennen geworfen wurde? Darauf gibt es keine eindeutige Antwort. Blickt man auf die Schritte der DDVG, erscheinen einem die Unterschiede nicht grundsätzlicher Art: Von ehemals 1.650 Mitarbeitern im Jahr 2001 hat die „Rundschau“ im Augenblick noch 750, Ende des Jahres sollen es 720 sein.

Der Anteil der Anzeigen am Erlös ist von achtzig auf sechzig Prozent gesunken, und die Auflage von derzeit rund 170.000 Exemplaren wird, wie Kroke sagt, vornehmlich unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gewichtet. Will heißen: Nicht jedes Einzel-Abo auf dem Einsiedlerhof im Schwarzwald lohnt den Vertriebsweg und jedes Studenten-Abo auch nicht.

FR soll überregional ausgerichtet bleiben

Doch trotzdem sollen die Finanzinvestoren letztes Jahr partout nicht zur „Rundschau“ gepaßt haben. Den vorherigen Geschäftsführer Günter Kamissek, der angeblich den Einstieg der Investoren von 3i befürwortete, hat dies den Job gekostet. Kaum war die SPD-Medienholding da, mußte er gehen. Es kam der DDVG-Statthalter Berendsen und nun - Kroke, der bei allen Neuerungen zwei Essentials beachtet: Die „Frankfurter Rundschau“ soll eine überregional ausgerichtete Zeitung bleiben, wie stark sie sich auch auf Rhein-Main konzentriert, und bleiben wird auch die SPD-Medienholding als Gesellschafter mit vierzig Prozent.

Für die anderen sechzig sucht sie einen Käufer. In der Branche tippen viele darauf, daß dies die WAZ ist. Was macht die „Rundschau“ 2020? Eine Regionalzeitung ist sie dann nicht mehr, glaubt der neue Geschäftsführer. 2010? Dann ist die Auflage höher als heute. Und der Verlag vielleicht ins „Rundschau-Haus 2“ umgezogen, zu dem das Sachsenhäuser Bahndepot werden könnte - ein Medienhaus links des Mains.

Text: F.A.Z., 22.11.2005, Nr. 0 / Seite 38
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa/dpaweb

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