Kino

Die Muschel der Erinnerung: Volker Koepps Dokumentarfilm "Dieses Jahr in Czernowitz"

Von Hans-Jörg Rother

17. Juni 2004 Seit achtzehn Jahren lebt Norman Manea in Amerika. In seinem kleinen Arbeitszimmer in dem College bei New York, an dem er unterrichtet, hängt die Collage einer Muschel und einer Landschaft an der Wand. Die Muschel bedeutet die Sprache, in der er denkt und schreibt - immer wieder über "Transtristria", wie er die Heimat am Ufer des Dnestr, heute ein zweifelhaftes Staatsgebiet von Moskaus Gnaden, mit humorvoller Melancholie nennt. Auch Czernowitz, wo er bis zur Emigration lebte und das heute auf ukrainisch Tschernowzy heißt, ist für ihn ein "Ort der Seele". Verstört geht er an einem Wintertag durch die österreichisch geprägte Altstadt, in deren Herrengasse man einst alle Sprachen der Welt hören konnte. Bestürzt schaut er vom Ufer des Dnestr auf die andere Seite hinüber, die zu betreten nicht ratsam ist.

"Unterhaltungen Czernowitzer Ausgewanderter" könnte man Volker Koepps Film in Anlehnung an einen Titel Goethes nennen. Nur daß die versprengten Emigranten sich hier zu keiner wohlgemuten Erzählrunde zusammenfinden. Alle - Professor Manea, der Cellist Eduard Weissmann und seine Frau aus Berlin, die Geschwister Katja Rainer und Evelyn Mayer aus Wien - geben für sich Auskunft und streifen, befremdet, erstaunt, durch die fremde Stadt. Evelyn Mayer konstatiert, nun ist es Sommer, in einem Straßencafe erleichtert, ihr "graues Schtetl-Bild", das sie nach den Erzählungen der Mutter mitschleppte, könne sie vergessen. Die Schwestern lassen ihr Wiener Lachen erschallen, und schon haben sie einen Dritten im Bunde: den in Tschernowzy ansässigen Johann Schlamp, der trotz Alters gern aus voller Kehle Lieder von Josef Schmidt, der auch ein Sohn der Bukowina war, oder "O sole mio" anstimmt.

"Dieses Jahr in Czernowitz" ist der Nachfolger zu Koepps sensationell erfolgreichem Dokumentarfilm "Herr Zwilling und Frau Zuckermann" von 1999. Wie schon im märkischen Wittstock oder im ehemaligen Ostpreußen, das er mit "Kalte Heimat" wiederentdecken half, entwickelt der Regisseur eine starke Bindung an die Orte seiner Recherche und vor allem an die Menschen, die ihm dabei begegnet sind. Koepps Filme entstehen aus innerem Bedürfnis, nicht aus taktischen Erwägungen. Hier nun hat er den Bogen der Erwartung kräftig gedehnt. Erst in der einundfünfzigsten Minute des gut zweistündigen Films kommt der Zuschauer am angekündigten Ort an, nachdem er zuvor ausgiebig in Berlin, New York und Wien Station gemacht hat. Man versteht die Logik, aber es bleibt ein abstrakter Gedanke: die Kinder des alten Czernowitz sind in alle Welt verstreut.

Milieu und Personen, die in "Herr Zwilling und Frau Zuckermann" spannungsvoll zusammengehörten, kommen auf die Weise selten zur Deckung, und das mag sogar Absicht sein. Die Gefühle der Vertriebenen passen nicht in das Tschernowzy von heute, und wenn endlich einmal jemand auftaucht, der sich hier zu Hause fühlt, Koepps Dolmetscherin Tanja Kloubert, erfährt man rasch, daß die Studentin weggehen wird, wie Hunderte andere junge Leute. Im thüringischen Jena wird sie ihr Studium fortzusetzen. Die Mutter schnürt, eine der schönste Szenen, die Tochter in das weiße Brautkleid für die Hochzeit mit einem Deutschen ein, und mit jedem Festzurren der Bänder rückt der Abschied näher.

Trauer und Totengedenken setzen den Schlußpunkt. Harvey Keitel, dessen Mutter aus der Bukowina stammte, liest auf einem öden Spielplatz Paul Celans Gedicht "Es war Erde in ihnen" zur Erinnerung an die ausgelöschte jüdische Bevölkerung der Stadt. Zur Heimatlosigkeit der Emigranten scheint dagegen Celans Text "Gespräch im Gebirg" zu passen, den Norman Manea in seinem Arbeitszimmer, unter dem Bild der Muschel und der Landschaft, auf deutsch vorträgt. Da ist er wieder, die warme, aber von tiefer Melancholie erfüllte Czernowitzer Sprachklang von Frau Zuckermann und Herrn Zwilling, die nun auch schon unter der Erde liegen. Norman Maneas Lebensbericht hätte wohl Stoff für einen eigenen Film abgeben können. Aber statt eines Porträts wollte Volker Koepp, der dieser Tage seinen sechzigsten Geburtstag feiert, ein großes Panorama wagen, nicht durchweg zum Besten seines Films.

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