Filmfestival Cannes

Leichen, Drogen und ein Koffer voller Dollar

Von Verena Lueken, Cannes

In “Jedem sein Kino“ dabei: Sharon Stone

In "Jedem sein Kino" dabei: Sharon Stone

21. Mai 2007 Das erste Wochenende in Cannes wird von den Verantwortlichen immer als früher Höhepunkt der Festspiele geplant, was oft dann doch nicht funktioniert. In diesem Jahr packten die Organisatoren das Programm noch etwas voller als sonst, um sicherzustellen, dass der Samstag und Sonntag tatsächlich ein Fest würden, und es hat geklappt. „No Country for Old Men“ der Coen Brothers, die mit „Barton Fink“ hier 1991 die Goldene Palme gewonnen und seitdem immer wieder ihre Filme in Cannes vorgestellt haben, dominierte das Wettbewerbsprogramm, in dem zuvor Kim Ki-duks Film „Atem“ erst für intensive Stille, dann für ein paar Applausanläufe kurz vor Schluss und schließlich für freundlichen Beifall sorgte.

Fürs Medienspektakel kam Michael Moore mit „Sicko“. Kluge Programmpolitik hatte außerdem in die Nähe von „Sicko“ den Dokumentarfilm „L'Avocat de la terreur“ von Barbet Schroeder plaziert.

„Jedem sein eigenes Kino“

Zur Feier des Jubiläums gab es am Sonntag einen eigens gedrehten Kompilationsfilm, an dem 33 Regisseure mitgewirkt haben, deren Karrieren mit dem Festival verbunden sind, darunter Jane Campion - immer noch die einzige Frau, die je eine Goldene Palme gewonnen hat -, Roman Polanski, Aki Kaurismäki, Atom Egoyan, David Cronenberg, Ken Loach, die Dardenne-Brüder und Wim Wenders.

„Jedem sein eigenes Kino“ hieß das, und die meisten der Regisseure nahmen das wörtlich und zeigten in ihren drei Minuten Szenen aus dem Zuschauerraum - melancholisch, witzig, in der Stadt, unter freiem Himmel, auf dem Land, mit Kindern, Jugendlichen, Liebespaaren, Taschendieben. Es war eine Hommage an eine Lebensform, die vom Kino als Raum und vom Kinogehen als regelmäßiger Routine geprägt ist und die verschwindet.

Moores gelungene Schlusspointe

Klug war die Entscheidung, Barbet Schroeders Film über den Anwalt Jacques Vergès im Umfeld von „Sicko“ zu zeigen, weil damit deutlich wurde, wie wenig der klassische Dokumentarfilm an Reiz verloren hat, seit Michael Moores Filme über uns gekommen sind. Moore arbeitet weiterhin daran, mit mehr oder weniger demselben Ergebnis und mehr oder weniger denselben Mitteln aufzuzeichnen, was passiert, wenn in jedem gesellschaftlichen Bereich einzig der Profit entscheidend ist - in „Sicko“ ist es das amerikanische Gesundheitssystem, das von den börsennotierten Versicherungsfirmen korrumpiert wird, die alles daransetzen, möglichst keine ärztliche Behandlung zu bezahlen, eine sozialstaatliche Gesundheitsversorgung zu verhindern, und dazu parteiübergreifend ihre Zuwendungen an Abgeordnete und Senatoren streuen.

Viel Neues erfährt der halbwegs informierte Zuschauer in all den bestürzenden Beispielen nicht, aber allein für die Schlusspointe ist der Film sehenswert. Da erzählt Moore, dass einer seiner bittersten Gegner, der im Internet eine Moore-Hass-Seite betreibt, sich entscheiden musste, diese Seite weiterzuführen oder 12.000 Dollar für eine Operation seiner Frau zu bezahlen. Er schloss die Seite. Und Moore überwies ihm (bis zur Premiere seines Films in Cannes anonym) das Geld - niemand, so sagte er, solle in einer freien Gesellschaft vor solch eine Alternative gestellt werden.

Dokumentation ohne Urteil

Im Gegensatz zu Moore hat Barbet Schroeder in „Der Anwalt des Terrors“ die Anstrengung unternommen, etwas herauszufinden, das wir noch nicht wissen. Oder es zumindest zu versuchen. Er hat auf der ganzen Welt Zeugen zusammengesucht, durch deren Aussagen er die zwielichtige Karriere des Anwalts zahlreicher linksradikaler Terroristen zu beleuchten sucht, der auch die Verteidigung des Naziverbrechers Klaus Barbie übernommen hatte. Nebenbei liefert er damit eine kleine Geschichte des internationalen Terrorismus.

Auch Jacques Vergès selbst hat sich befragen lassen, meistens raucht er Zigarre dabei, sitzt hinter einem antiken Schreibtisch und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Er hat nicht unerheblichen Charme und scheint die Sache zu genießen, an deren Ende wir eine in ihrer fast vornehmen Skrupellosigkeit faszinierende Persönlichkeit kennengelernt haben, über die Schroeder kein Urteil fällt.

Die Reize der Terroristinnen

Zu vieles bleibt nach wie vor ein Rätsel, etwa die Frage, wo Vergès die Jahre zwischen 1970 und 1978 verbracht hat, in denen er einfach verschwunden war. Ob die Stasi-Berichte, die ihn zum Mitglied von Carlos' Terrornetzwerk machen, glaubhaft sind, bleibt offen, wie auch andere Ungereimtheiten ungereimt bleiben. Doch länger als zwei Stunden sahen und hörten wir Menschen zu, die teilweise ihrerseits eine terroristische Vergangenheit haben wie Hans Joachim Klein oder Maher Souleiman und Magdalena Kopp; die in Algerien Bomben legten, wo Vergès' politisches Engagement seinen Ausgang nahm oder die sich aus wissenschaftlichen oder geheimdienstlichen Gründen mit dem Anwalt beschäftigt haben.

Außerdem lernen wir einige Frauen kennen, etwa Djamila Bouhired, die 1956 wegen eines fatalen Bombenattentats in Algerien zum Tode verurteilt und von Vergès in einer elaborierten Medienkampagne in eine Ikone des antikolonialistischen Widerstands verwandelt wurde, was ihr das Leben rettete. Sie wurde aus dem Gefängnis entlassen und heiratete Vergès, der sich auch später für die Reize von Terroristinnen empfänglich zeigte. Wir besuchen mit Schroeter die Nummer zwei des Pol-Pot-Regimes, und immer wieder Sine, den Karikaturisten, einen Freund und auch Kritiker von Vergès.

Seltsame, träge Figuren, die klug handeln

Die Mittel des Films sind klassisch, neben den Gesprächen gibt es Dokumentaraufnahmen von Anschlägen, Fotos von wichtigen Personen, Hintergrundinformationen. Geduldige, erkenntnisorientierte Recherche scheint immer noch die beste Voraussetzung für einen packenden dokumentarischen Film.

„No Country for Old Men“ nach dem Roman von Cormac McCarthy, den die Coen Brothers im Wettbewerb zeigten, ist zeitgemäßes klassisches Kino, wie es auch von den beiden lange nicht zu sehen war. Der Film spielt in Westtexas, Grenzland zu Mexiko, dessen leere Weiten hier und da bevölkert sind von seltsamen, trägen Figuren, die klüger handeln, als wir ihnen am Anfang zutrauen, und sich schneller bewegen, als es zunächst den Anschein hat.

Töten mit dem Hochdruckgerät

Die Zeit ist 1980, und das Land, wie es in den Bildern des Kameramanns Roger Deakins unter gleißendem Himmel sich darstellt, ist so unbewohnt und blassgelb, als würde hier immer noch Weizen angebaut. Doch längst regieren Drogengeschäfte die Gegend und haben jede Tradition und Moral zersetzt, was vor allem den alten Sheriff - eine wunderbare Rolle für Tommy Lee Jones - zu knappen melancholischen Exkursen veranlasst.

Am Anfang gibt es einen Erzähler, doch er lebt nicht lange. Und dann geschehen viele Dinge kurz hintereinander. Ein Mann wird verhaftet, befreit sich und tötet einen Autofahrer mit einem Hochdruckgerät, das sonst beim Ochsenschlachten verwendet wird und das er fast immer bei sich trägt. Dieser Mann heißt Anton Chigurgh, und er ist böse, tiefsinnig und völlig humorlos, was Javier Bardem mit minimalen Mitteln äußerst effektiv deutlich macht. Ein Jäger namens Llewelyn Moss (Josh Brolin) findet irgendwo in der Prärie fünf Jeeps, viele Leichen, einen Laster voller Drogen und einen Koffer mit mehr als zwei Millionen Dollar.

In der Gefängniszelle wird kein Wort gesprochen

Den nimmt er mit und setzt damit eine Verfolgungsjagd in Gang, in deren Verlauf immens viel Blut fließt. Referenzen an die eigenen frühen Filme „Blood Simple“ und „Miller's Crossing“, an „Fargo“ und natürlich an Quentin Tarantino sind unübersehbar, aber eingebunden in den Erzählfluss und den aufs Äußerste abgespeckten Genrerahmen. Es ist immer noch ein Western, aber einer, wie wir ihn nie zuvor gesehen haben.

Der Koreaner Kim Ki-duk ist mit „Atem“ zum ersten Mal im Wettbewerb, zum zweiten Mal erst überhaupt in Cannes. Auch sein Film ist von äußerster Kargheit, die so weit geht, dass an einem der entscheidenden Orte, einer Gefängniszelle für vier Männer, kein einziges Wort gesprochen wird. Ort und Ausgangssituation sind eine in keinerlei Alltag eingebundene Versuchsanordnung. Eine junge Frau erfährt, dass ihr Mann sie betrügt. Im nahe gelegenen Todestrakt eines Gefängnisses sitzt ein Mörder ein, der immer wieder versucht, sich das Leben zu nehmen.

Eifersucht, Lebensgier, Todessehnsucht, Todesangst

Die junge Frau besucht ihn, inszeniert im Besucherraum die Jahreszeiten für ihn, indem sie Bildertapeten anbringt, sich entsprechend kleidet und Lieder singt für den Frühling, den Sommer und den Herbst (Kim Ki-duks wohl bekanntester Film heißt „Frühling Sommer Herbst Winter - und Frühling“). Schmerzhaft falsch zum Teil und ziemlich komisch.

Doch aus dieser ungewöhnlichen Situation heraus kommt Kim Ki-duk zum existentiellen Kern - es geht um Eifersucht, um Lebensgier, Todessehnsucht, Todesangst, all dies mit obsessiven Zügen, und in den Gesichtern seiner Darsteller, Chang Chen und Zia vor allem, spiegeln sich die Nuancen dieser gegensätzlichen Gefühle auf eine Weise, die sofort vergessen ließ, dass es noch andere Filme an diesem Wochenende gab, die nicht der Rede wert sind, und eine große Zahl, für die die Zeit nicht reichte.

Text: F.A.Z., 21.05.2007, Nr. 116 / Seite 37
Bildmaterial: AFP, AP, dpa, image.net, REUTERS

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