13. Mai 2005 Vor drei Jahren war Woody Allen zuletzt in Cannes - mit Hollywood Ending, einem Film, der in Deutschland nie verliehen wurde. Danach drehte er Anything Else und Melinda und Melinda, und obwohl es noch immer genügend gute Gründe gibt, in einen Woody-Allen-Film zu gehen, wurden es von Mal zu Mal weniger.
Jetzt läuft Allens neuer Spielfilm Match Point, über den vorab nur zu hören war, er gehe tragisch aus, im Wettbewerb an der Croisette außer Konkurrenz. Das ist bedauerlich, denn Match Point wäre ein würdiger Kandidat für die Goldene Palme. Dieser Film ist ein unerwartetes Meisterwerk.
Starre, hungrige Augen
Match Point beginnt, wie alle anderen Woody-Allen-Filme auch, mit verrauschten Klängen aus der Frühzeit der audiovisuellen Medien, nur ist es diesmal Opernmusik aus dem Grammophon. Der Opernliebhaber dieser Geschichte heißt Paul, ist von Beruf Tennislehrer und tritt gerade eine Stelle in einem exklusiven Londoner Club an. Durch seine Freundschaft mit Tom, dem Sohn einer englischen Oberschichtfamilie, dessen Schwester sich in Paul verliebt, steigt er rasch in die höchsten Kreise auf. Jonathan Rhys-Meyers spielt diesen Aufsteiger so, wie man sich seit Balzac und Thackeray die Parvenus der Moderne vorstellt, mit starren, hungrigen Augen, gewinnendem Lächeln und einem Gang, dem noch die Mühen der sozialen Tiefebene in den Knochen stecken.
Pauls Problem besteht darin, daß er Chloe (Emily Mortimer), mit der ihn ein günstiges Schicksal verkuppelt hat, nicht wirklich liebt. Statt dessen begehrt er Nola (Scarlett Johansson), die Freundin seines Freundes Tom, die wie Paul Amerikanerin ist. Der Film läßt sich viel Zeit damit, die beiden zusammenzubringen. Mit epischer Ruhe und Konzentration beschreibt er Toms Weg aus den Vorzimmern in die Wohnhallen der Upper Class, die Jagdausflüge und Schloßwochenenden, die Lofts mit Themse-Blick, die Aston Martins mit bereitstehendem Chauffeur. An das alles hat sich Paul gewöhnt, als er schließlich doch eine Affäre mit Nola anfängt, die schnell an einen kritischen Punkt gerät. Denn Nola wird schwanger. Es ist, wie oft in Melodramen, ein ungeborenes Kind, das die Schieflage der Verhältnisse offenbart und eine Lösung erzwingt.
Die Anatomie eines Mordes
Aber Match Point ist kein Melodram. Es ist eher die Anatomie eines Mordes, wie ein klassischer Film noir von Otto Preminger heißt, und wie in den schwarzweißen Hollywoodkrimis der vierziger und fünfziger Jahre treiben auch hier die Leidenschaften der Protagonisten das Geschehen unaufhaltsam auf die Katastrophe zu.
Seit Verbrechen und andere Kleinigkeiten hat Woody Allen keinen so kalten, herzlosen und genauen Film mehr gedreht. Damals, nach den Verspieltheiten der achtziger Jahre, wirkte der Pessimismus dieses zweistündigen Blicks in die Mördergrube wie ein reinigendes Gewitter. So ist auch diesmal wieder: Alles, was in den jüngsten Woody-Allen-Filmen selbstgefällig und ziellos wirkte, ist wie weggeblasen. Match Point hat kein Gramm Fett, keine ausgedachten Witze, keine überflüssigen Dialoge. Der Film folgt seiner Fährte zum schlimmstmöglichen Ausgang wie ein Bluthund dem Wild.
Kein New Yorker in London
Dazu kommt, daß Woody Allen diesmal aus naheliegenden Gründen - was sollte er als New Yorker in London? - darauf verzichtet hat, selbst vor der Kamera zu erscheinen. Dennoch spürt man Allens Blick in jeder Einstellung des Films, in den Büchern, die sein Held liest (vor allem Dostojewskis Schuld und Sühne), und den Opernarien, welche die Handlung kommentieren (und manchmal allzu deutlich vorwegnehmen). Die abgründigste Szene ereignet sich kurz vor Schluß, als der Mörder Paul nachts in der Küche seines Luxusdomizils den Gespenstern seiner beiden Opfer begegnet. Die Unschuld wird gerächt werden, sagen sie, und die Gerechtigkeit wird siegen. Wir wissen, so sollte es sein; aber so geschieht es nicht.
Das Ende des Films wirkt in seiner atemberaubenden Bosheit zugleich so unvermeidlich, daß man sich gar keine andere Wendung vorstellen kann. Match Point ist ein vergiftetes Geschenk, wie man es im Kino nur von den wirklichen Meistern bekommt.
Aus dem Gleis
Gegen Woody Allens Film verblaßten die übrigen Beiträge des Wettbewerbs, am wenigsten vielleicht noch Masahiro Kobayashis Bashing, die Geschichte des Mädchens Yuko, das für seine Teilnahme an einer humanitären Mission im Irak nach seiner Rückkehr nach Japan öffentlich geächtet wird. Sie habe ihrem Land Schande gemacht, sagen Yukos einstige Freunde und die anonymen Anrufer, die sie täglich quälen, und nachdem Yukos Vater wegen des Geredes um seine Tochter seinen Job verliert, gerät das Leben der Familie endgültig aus dem Gleis.
Bashing ist ein Film, der viel über die japanische Gesellschaft erzählt, ihren Konformitätsdruck, ihre innere Kälte und die stupende Unerbittlichkeit, mit der sie jede fremde Erfahrung von sich abwehrt. In einer Szene sieht man, wie Yuko zwei ehemaligen Schulfreundinnen begegnet, die inzwischen Kinder bekommen haben. Es kommt ihnen nicht in den Sinn, zu fragen, was Yuko im Nahen Osten erlebt hat; statt dessen wiederholen sie stur den Inhalt jener Gerüchte, die über die Vaterlandsverräterin im Umlauf sind.
Filme wie Bashing machen in Cannes wenig Staat, aber sie zeigen, daß jener Untergrund, dem die Regiestars entwachsen sind, immer noch in Bewegung ist, daß es Talente gibt, die nur darauf warten, mit ihrem nächsten oder übernächsten Projekt unter die großen Namen der Kinematographie zu kommen. Die Palmen, die sie belohnen werden, sind schon gepflanzt.
Die Filmfestspiele von Cannes 2005 haben begonnen
Text: F.A.Z., 13.05.2005, Nr. 110 / Seite 23
Bildmaterial: AP, dpa/dpaweb