17. Mai 2005 Am 7. Juni geht ein neues Magazin an den Start, das der allgemeinen Depression und Wirtschaftsflaute zum Trotz einen Sommer und Herbst einleitet, die für die Zeitschriftenmacher ebenso groß wie heiß zu werden versprechen. Keine Winterdepression, nirgends.
Im Gegenteil: Gerade bei Gruner + Jahr soll sichtbar werden, was man in den letzten Monaten entwickelt hat. Und das ist zuvörderst ein Magazin, von dem der für das Zeitschriftenwesen zuständige Vorstand, Bernd Buchholz, sagt, es verstehe sich als journalistischer Solitär in Deutschland, strebe eine Leserschaft von höchstem gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Status an und orientiere sich am Interesse der wirtschaftlich-sozialen Eliten.
Sechs bis acht Euro
Park Avenue wird es heißen und mit einer Prewiew-Ausgabe in 200 000 gedruckten Exemplaren auf den Markt kommen. Der Preis liegt zwischen sechs und acht Euro, der avisierte Umfang bei 234 Seiten, davon siebzig Seiten Anzeigen. Regelmäßig monatlich erscheinen wird das Heft wohl von Oktober an; wenn es am Ende bei einer verkauften Auflage von mehr als 100000 landet, gilt es als Erfolg.
Chefredakteur ist Alexander von Schönburg, ehemals Redakteur dieser Zeitung und augenblicklich als Autor des Bestsellers Die Kunst des stilvollen Verarmens gefragt. Als Ideengeber dahinter agiert Holger Christmann, ebenfalls ehemaliger Redakteur dieser Zeitung und zuletzt Ressortchef der Zeitschrift Art. Als Herausgeber fungiert der Chefredakteur von Nationalgeographic, Klaus Liedtke.
Promi-Faktor nicht die Hauptrolle
Mit dem neuen Magazin kommt Gruner + Jahr vor allem dem Konkurrenten Conde Nast zuvor, der in Berlin an einer deutschen Ausgabe der amerikanischen Zeitschrift Vanity Fair arbeitet. Und vom Zuschnitt her dürfte Park Avenue auch am ehesten mit Vanity Fair vergleichbar sein, weniger mit der Zeitschrift Bunte von Burda. Zwar geht es bei Gruner + Jahr um Prominenz, die tunlichst auf dem Titel erscheinen soll, damit er sich verkauft - in der Branche munkelte man, es werde entweder Claudia Schiffer oder Heidi Klum auf dem Cover erscheinen -, doch spielt nicht allein der durch den Boulevard in Print und Fernsehen inzwischen hinlänglich entwertete Promi-Faktor eine Rolle.
Es geht den Park Avenue-Machern vielmehr um das ganze Bild einer Persönlichkeit, die wir bislang nur von einer Seite her kennen. Das ganze Bild soll in langen journalistischen Reportagen und bildmächtigen Geschichten aufscheinen, um deren Ästehtik sich Markus Thommen, der als Art Director von GQ und Architectual Digest kommt, und Anke Degenhard kümmern, die bei Max und Camerawork in Berlin gearbeitet hat. Zur Reihe illustrer Autoren zählen der Schriftsteller Martin Mosebach, der Publizist Michael Jürgs und der Klatschreporterveteran Michael Graeter. Um die Kunst des stilvollen Verarmens wird er sich wohl kaum kümmern.
Orientierung für den Leser
Womit der Magazinerfinder Holger Christmann die Entwickler bei Gruner + Jahr begeisterte, ist der Glaube daran, daß es für ein Magazin wie dieses eine Lücke im deutschen Zeitschriftenmarkt gibt, der in diesem Segment - wenn wir es weiter fassen - zuletzt als echte und obendrein erfolgreiche Innovation die deutsche Ausgabe von Instyle erlebt hat.
Wir wollen mit ,Park Avenue' den Lesern in einer rastlosen Zeit Orientierung geben, sagt Bernd Buchholz, und zwar Orientierung durch Geschichten, die von Menschen handeln, die etwas leisten, die Dinge bewegen und die als Persönlichkeiten spannend sind. Wir fühlen uns der angelsächsischen Tradition des ,Storytelling' verbunden. Mit seiner überragenden Optik wird sich dieses Magazin durch einen ganz eigenen Stil auszeichnen, der ruhig stilbildend wirken darf.
Es geht um Bedeutung, nicht um Prominenz
Zuerst hatte man bei Gruner + Jahr daran gedacht, die Erstausgabe der Park Avenue auf einem regionalen Markt zu testen. Doch dann schien das Heft viel zu schade, um es den Lesern vorzuenthalten, wie Bernd Buchholz sagt: Das legt so in Deutschland bislang keiner hin, bei ,Park Avenue' geht es nicht um ein weiteres People-Magazin, es geht nicht um Prominenz - allein -, sondern um Bedeutung.
Um Prominenz und mehr geht es jedoch nicht nur bei Gruner + Jahr und Conde Nast. Bei Springer arbeitet dem Vernehmen nach die ehemalige Bunte-Chefredakteurin Beate Wedekind an einem Konzept für eine Zeitschrift, die sich ebenfalls auf dem Markt tummeln könnte, den bislang Bunte und Gala beherrschen.
Der Markt existiert
Doch hat der zuständige Springer-Vorstand Andreas Wiele zuletzt in der Fachzeitschrift werben & verkaufen verkündet, daß sein Haus sich an dem Ankündigungsmarathon für neue Magazine nicht beteiligen wolle. Bei Bauer wirkt derweil der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der Bunte, Thomas Doc Schneider, als oberster Zeitschriftenentwickler. Er versucht die darbende Neue Revue zum People-Blatt umzuwidmen und dürfte daran arbeiten, den amerikanischen Titel In Touch auf den hiesigen Markt zu setzen.
Der Markt existiert, sagt der Geschäftsführer Philipp Welte, der die Burda People Group mit Bunte, Instyle, dem Unternehmen Starnet One und seit kurzem der nach München übergegangenen Amica um des People-Journalismus willen gegründet hat. Doch ist die Frage, um wieviel ist er größer als die bestehenden Marken? Die Eingangsbarrieren seien hoch und ein Investitionsvolumen von dreißig Millionen Euro - bei einem aktuellen, wöchentlich erscheinenden Blatt - sei notwendig, wolle man langfristig Erfolg haben.
Kopien funktionieren nicht
Man müsse nur auf den Titelzuwachs auf dem deutschen Zeitschriftenmarkt in den letzten fünf Jahren schauen, in denen die Anzahl der Titel von rund 4000 auf etwa 5000 angewachsen sei, um zu wissen, wie umkämpft der Markt sei. Ohne ein eigenständiges journalistisches Konzept, allein mit der Kopie eines amerikanischen Titels, gehe es nicht. So auch nicht bei dem von ihm betreuten Instyle, das zwar ein Vorbild aus den Vereinigten Staaten kennt, sich aber hierzulande mit einer eigenen Mischung, die mehr mit Mode und Lifestyle denn mit Promigeschichten zu tun hat, zu einer Erfolgsgeschichte entwickelt hat.
An die Güte des Rohstoffs, von dem die People-Zeitschriften leben, glaubt Welte in jedem Fall: Es gibt ein Grundinteresse der Menschen an - Menschen. Nur komme es eben darauf an, wie man dieses fördere. Inzwischen werde es von allen Mediengattungen, dem Boulevard, der Tagespresse wie dem Fernsehen, ausgebeutet. Vom Frühstücksfernsehen bis zum Nachtjournal seien Geschichten, die ihren Ausgangspunkt bei Menschen, bei persönlichen Dingen und subjektiven Perspektiven nähmen, gefragt. Die Kunst, sagt Welte, besteht nun darin, dafür eine journalistische Form zu finden, der die Menschen vertrauen.
An das Konzept glauben
Was dieser Tage gerade wieder für die Bunte eine Herausforderung ist, hat das Magazin von Patricia Riekel doch über einen angeblichen, unehelichen Sohn des Trohnerben von Monaco, Prinz Albert, berichtet und muß sich nicht zum ersten Mal juristisch dagegen wappnen, daß derlei Geschichten mit aller Macht der Anwälte angegriffen werden, auch wenn man sie inhaltlich im Kern nicht bestreitet. Und wie sagt der Geschäftsführer Philipp Welte: Die Leser kaufen ,Bunte', weil sie die aufregendsten Geschichten über Menschen erwarten. Geschichten, die aufregen, regen in der Regel aber auch all jene Anwälte an, die von der People-Presse und der Persönlichkeitsrechtsverwertung ebenfalls leben.
Man braucht ein Team, das weiß, wie man diesen Journalismus betreibt und wie man ihn inszeniert, sagt der Burda-Geschäftsführer Welte. Man muß investieren. Wenn man an sein Konzept glaubt und seine eigene Arbeit und die Zeitschrift als Marke, als Markenartikel begreift, dann ist eine Erfolgsgeschichte möglich.
Trend: People-Magazine
Dieses Credo werden sie - in abgewandelter Form - wohl bei allen Verlagen unterschreiben, die den deutschen Zeitschriftenmarkt in Bewegung setzen. Skeptiker könnten einwenden, daß dies vielleicht nur der nächste Hype sei, der nicht lange halte, nach dem Motto: So schnell die Börsen- und Anlegermagazine verschwunden sind, tauchen People-Zeitschriften plötzlich auf - und gehen auch wieder. Doch ist zu bemerken, daß auch eine gründliche Innovation wie Focus von Beginn an von den vermeintlichen Konkurrenten totgesagt wurde und daß die Verlage heute etwas anders agieren als früher: Einer Phase des Kostendrückens folgt nicht das Geldverpulvern.
Es ist vielmehr so, daß das eine von Dauer und das andere der Versuch ist, mit neuen Einzelstücken seine Position insgesamt zu behaupten und in neue Felder hineinzuwachsen, bevor andere verdorren. Was man auch daran erkennt, daß Gruner + Jahr im selben Moment, da Park Avenue auf den Markt kommt, ein Sparprogramm von zwanzig Millionen Euro auflegt und die Wirtschaftlichkeit seiner Dokumentationsabteilung prüft, indem man die Leistungsfähigkeit des Spiegel-Archivs testet.
Verwandlung im Stil
Auch da geht es nicht um die Kunst des stilvollen Verarmens, sondern um die stete Verwandlung mit Stil, die ein Verarmen im journalistischen Geiste verhindern soll. Dabei werden gerade die Journalisten bei Gruner + Jahr, wo schließlich der Stern verlegt wird, darauf schauen, wie sich die Park Avenue schlägt. Ob man die eine oder andere Geschichte nicht doch lieber selbst gehabt hätte? Die Fotostrecke von Michael Comte oder Inez van Lamsveerde? Das große Porträt von . . . Am 7. Juni wissen wir mehr.
Text: F.A.Z., 17.05.2005, Nr. 112 / Seite 48
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