Filmklassiker

Endlich vollständig: Die Urfassung von „Metropolis“

Von Bert Rebhandl

Auf der Suche nach der verlorenen halben Stunde: In Buenos Aires sind seit 80 Jahren verschwundene Szenen des Stummfilmklassikers “Metropolis“ entdeckt worden

Auf der Suche nach der verlorenen halben Stunde: In Buenos Aires sind seit 80 Jahren verschwundene Szenen des Stummfilmklassikers "Metropolis" entdeckt worden

03. Juli 2008 Unter den Ruinen der Filmgeschichte ist „Metropolis“ von Fritz Lang so etwas wie der Turm von Babel. 1927 kam die Geschichte von der vertikal geschichteten Stadt, dem Archetypus einer Klassengesellschaft, in die Kinos - ein Blockbuster voll mythischer Anklänge, mit ungeahnten Spezialeffekten, einem Roboteridol und einer Herzmaschine. Nie zuvor wollte der Film in Deutschland höher hinaus, doch die Ernüchterung kam bald. „Metropolis“ fand nicht genügend Zuschauer, die Kritiker wollten kein Meisterwerk erkennen, sondern ein überlanges Spektakel, dem es an Logik und Gefühl fehlte.

So kam es, dass eine neue Schnittfassung hergestellt wurde, die in erster Linie kürzer und dem Verständnis eher abträglich war. Eine Kopie des Originals wurde nicht überliefert, so dass „Metropolis“ - inzwischen längst als Klassiker rehabilitiert - seither als verschollen gelten muss. Bekannt ist nur eine lückenhafte Version, in der immer wieder Einblendungen darauf hinweisen, dass Szenen fehlen. In der vorliegenden Romanvorlage von Thea Harbou lässt sich nachlesen, wie die Geschichte der ursprünglichen Intention nach verlaufen sollte - nur die Bilder, die Fritz Lang an verschiedenen Stellen daraus gemacht hat, fehlten.

Über zwei Stunden Spieldauer? Zwei Filmfreunde wurden hellhörig

Maria auf der Flucht

Maria auf der Flucht

Nun ist in Argentinien eine Kopie von „Metropolis“ aufgetaucht, die einen großen Teil des verloren geglaubten Materials enthält - in einer 16-Millimeter-Sicherungskopie, die offensichtlich in den sechziger Jahren von einer 35-Millimeter-Nitrokopie gezogen wurde, die wiederum direkt aus Deutschland aus dem Jahr 1928 stammte. Wie das „Zeit Magazin“ in seiner heutigen Ausgabe exklusiv berichtet, deutet alles darauf hin, dass ein gewisser Adolfo Z. Wilson am Anfang dieser außergewöhnlichen Überlieferungskette stand. Er war seinerzeit Chef einer Verleihfirma namens Terra und bestellte für die Auswertung in Argentinien eine ungekürzte Fassung von „Metropolis“. Diese kam auch tatsächlich zum Einsatz und sollte anschließend, wie es damals üblich war, vernichtet werden. Ein Filmkritiker namens Manuel Pena Rodriguez konnte das verhindern, er übernahm die Rollen in seine private Sammlung und verkaufte diese viele Jahre später an den Nationalen Kunstfonds, von dem die Umkopierung auf 16-Millimeter-Material vorgenommen wurde.

1992 kam „Metropolis“ in den Besitz des Museo del Cine in Buenos Aires, wo es aber auch erst zweier hellhöriger Filmfreunde bedurfte, um den Schatz zu heben. Der Kinoenthusiast Fernando Pena erinnerte sich daran, dass ein Vorführer aus einem der Cineclubs in der argentinischen Hauptstadt sehr anschaulich davon erzählt hatte, wie er während der über zwei Stunden Spieldauer von „Metropolis“ den Finger auf den dünnen 16-mm-Streifen halten musste, damit der Film nicht aus dem Projektor sprang. Diese Formulierung „über zwei Stunden“ ging entweder auf einen Irrtum zurück - oder deutete eben darauf hin, dass in Argentinien noch bis vor einigen Jahren eine auf die ursprüngliche Fassung von „Metropolis“ zurückgehende Kopie gezeigt wurde. Dieser Umstand konnte schließlich von Paula Félix-Didier, der Direktorin des Museo del Cine, und Fernando Pena bestätigt werden - sie verfügten plötzlich über die fehlenden Bausteine zu „Metropolis“. Über alle? Dieses Urteil steht im Detail noch aus.

„Das authentischste Material, das wir kennen

Nach ersten Einschätzungen der ebenfalls vom „Zeit Magazin“ konsultierten Experten in Deutschland gibt es guten Grund zu einer äußerst positiven Einschätzung. „Das könnte eine Kopie vom Original sein“, wird Enno Patalas zitiert. „Es ist das authentischste Material, das wir kennen.“ Patalas zählt zu den führenden Experten auf dem Gebiet der Rekonstruktion von Stummfilmen. Sein Wort in dieser Angelegenheit hat Gewicht. Im Gespräch sagt er, wer sich mit Filmrestaurierung befasse, wundere sich über nichts, weil immer wieder Verschollenes auftauche, aber im Fall eines Films, mit dessen Rekonstruktion er sich so lange beschäftigt habe, freue man sich natürlich trotzdem über so ein Wunder. Was ihn besonders verblüffe, sei der Umstand, wie genau die Bilder dem entsprächen, was man aus Beschreibungen kannte. Seiner Meinung nach fehle nur noch eine einzige Szene: Wenn der Prediger in der Kathedrale die Hure Babylon beschwört und seine Rede von Bildern illustriert wird.

Was ist nun aber genau auf den entdeckten Ausschnitten zu sehen? Haben wir es tatsächlich mit einem anderen Film zu tun, oder wird nur das vorhandene Werk ein wenig plausibler? Im Grunde genommen haben die Bearbeiter der ersten Version von „Metropolis“ das getan, was alle Profis in einer vergleichbaren Lage tun würden: Sie haben Sequenzen komprimiert und Nebenhandlungen gestrichen oder zumindest deutlich reduziert. Der Film erreicht einen Höhepunkt an der Stelle, an der die unterirdische Arbeiterstadt geflutet wird (das Wasser kommt, wie erst jetzt ausdrücklich gezeigt wird, aus der Oberstadt). Kinder versuchen, sich in Sicherheit zu bringen, geraten aber vor einem Gitter ins Stocken - hier wurden effektvolle Details eliminiert, wie sich herausstellt. Die Szene insgesamt gewinnt an Dramatik, inhaltlich wird jedoch nichts Neues hinzugefügt.

Die eine oder andere erotische Szene eliminiert

Anders verhält sich die Sache bei der Zeichnung verschiedener Figuren wie Josaphat oder dem Schmalen, die nun erst so richtig Profil und moralische Konturen gewinnen. Und schließlich überrascht es nicht, dass bei den Schnitten, die 1927 auch in Hinblick auf die Auswertung auf dem amerikanischen Markt erfolgten, die eine oder andere erotische oder laszive Szene eliminiert wurde. Martin Koerber, der die derzeit als kanonisch geltende Restauration von „Metropolis“ verantwortet hat, findet nun viele der aus Referenzmaterial postulierten Szenen vor sich, auch wenn der Zustand des Materials ihm „bedauerlich“ erscheint. Die 16-mm-Filmbilder sind nur noch Schemen der prächtigen Aufnahmen, die einst in Berlin bei der Premiere zu sehen gewesen sein müssen.

Freder, der Sohn des Herrschers von Metropolis, hat sich in die junge Frau aus der Arbeitschicht verliebt

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Dass die Filmgeschichte jetzt umgeschrieben werden muss, steht trotz des aufregenden Funds nicht zu erwarten. Und wenn, dann vielleicht in einer Hinsicht, die „Metropolis“ den Theoretikern entreißt: Der postmoderne Mythos par excellence, fast dekonstruktivistisch zusammengesetzt aus narrativen Blöcken, könnte nun mit den neuen Szenen fast wie ein normaler Film erscheinen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, dpa

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