Kinovorschau

Alle Blumen welken

Wenn ein Brett die Welt bedeutet: Heath Ledger

Wenn ein Brett die Welt bedeutet: Heath Ledger

06. September 2005 Vergißmeinnicht: Das Kino entführt uns in dieser Woche in die Skateboard-Welt der Siebziger, läßt einen Boxer den Weg von ganz unten zurück nach ganz oben finden. Und Bill Murray geht mit einem neuen Blumenstrauß zu alten Liebschaften.

Dogtown Boys

Drama, Vereinigte Staaten 2005.

Catherine Hardwickes Kino-Erstling „Thirteen“ war im Jahr 2003 ein Sensationserfolg. In „Dogtown Boys“, dem neuen Film der amerikanischen Regisseurin, sind die kalifornischen Swimmingpools ausgetrocknet, und eine Gruppe junger Leute wechselt vom Surfboard aufs Rollbrett, tobt sich damit in den Rundungen der Becken aus. Und erfindet so in den 70er Jahren das Skaten. Eine Erfolgsgeschichte nimmt ihren Anfang. Um Skate-Superstar Skip (Heath Ledger) entwickelt sich eine Truppe namens Zephyr-Skateboard-Team. Dazu gehören auch Herzensbrecher Tony (Victor Rasuk), der zahme Punk Jay (Emile Hirsch), der disziplinierte Stacy und sein Gegenstück Engblom, der kifft und trinkt. Die Stunts des Films sind nicht nur gut choreografiert, sie vermitteln auch - besonders bei den Wettbewerbs-Szenen - einen Eindruck von der Begeisterung, die dieser Sport von Anfang an ausgelöst hat.

Broken Flowers

Drama, Vereinigte Staaten 2005.

Bill Murray spielt den eingefleischten Junggesellen Don Johnston, den seine letzte Geliebte gerade verläßt, als ein rosafarbener Brief bei ihm eintrifft. Darin schreibt eine anonyme frühere Freundin, er habe einen Sohn, der jetzt neunzehn sei und sich auf die Suche nach seinem Vater gemacht habe. Winston, Dons Nachbar und bester Freund, ein Mann mit drei Jobs, fünf Kindern und einer Leidenschaft für Detektivspiele, überredet Don, seinerseits auf die Suche nach seinen vergangenen Liebhaberinnen zu gehen, um unter ihnen die Mutter zu finden.

Natürlich hat Jim Jarmusch mit diesem Film nicht das Kino neu erfunden. Und natürlich haben wir Bill Murray schon mehrmals in einer ähnlichen Rolle gesehen. Doch ist das wirklich ein schwerwiegender Einwand dagegen, ihm noch einmal mit Vergnügen dabei zuzuschauen, wie er mit seinem makellosen Timing eine Figur formt, die komisch ist und auch ein wenig tragisch, der eine Vergangenheit zuwächst, aus der sich für die Gegenwart nichts ergeben hat, die ein wenig verzweifelt ist und nicht ganz ahnungslos über die Gründe ihrer Verzweiflung, die Maßanzüge trägt oder Turnanzüge und Dialogsätze spricht, die an Trockenheit kaum zu überbieten sind?

Das Comeback

Actiondrama, Vereinigte Staaten 2005.

1928 läuft für Boxer Jim Braddock alles bestens. Er ist glücklich mit Mae (Renée Zellweger) verheiratet, und im Ring rechnet er fest mit einem WM-Titel. Vier Jahre später hat sich das Blatt total gewendet - zum Schlechten. Amerika befindet sich in der Großen Depression, Jim hat seine Boxer-Lizenz verloren, ist pleite und verdient sein Geld als Hafenarbeiter, um die Familie zu versorgen. Als sein ehemaliger Manager Joe (Paul Giamatti) ihm die Chance zu einem Comeback verschafft, mobilisiert Jim alle Kraftreserven und versucht das Unmögliche.

Ron Howards neuer Film hat zwar einen Hauptdarsteller (Russell Crowe), der ein guter Fighter ist, und die Schläge prasseln im Ring mit einer Drastik, daß man sich oft unwillkürlich im Kinosessel duckt - aber im Vergleich zu dem, was im Kino zwischen „Raging Bull“ und „Million Dollar Baby“ an Boxerfilmen schon zu sehen war, hängt er ziemlich schnell in den Seilen.

Red Eye

Thriller, Vereinigte Staaten 2005.

Auf dem Flugplatz in Miami lernt Hotelmanagerin Lisa (Rachel McAdams) einen charmanten Mitpassagier kennen. Jackson (Cilian Murphy) sitzt dann sogar im Flieger neben ihr, und schnell wird klar, daß das kein Zufall ist. Der junge Mann nimmt seine Sitznachbarin gefangen und erpreßt sie: Sie soll ihm dabei helfen, ihren Hotelgast Keefe (Jack Scalia) zu töten, der Chef einer Security-Firma ist. Weigert sie sich, setzt sie das Leben ihres Vaters aufs Spiel. In der leicht klaustrophobischen Atmosphäre des Flugzeugs entwickelt Lisa einigen Kampfgeist, um Bösewicht Jackson das Handwerk zu legen.

Wes Craven ist mit Spannungsfilmen wie den drei Teilen von „Scream“ bekannt geworden. Hier verzichtet der Regisseur auf den üblichen Anteil Horror zugunsten klassischer Thriller-Elemente.

SommerHundeSöhne

Komödie, Deutschland 2004.

Auf einem Parkplatz fährt Frank mit einem Wohnmobil das Motorrad von Marc zu Schrott. Der ist gerade auf der Flucht, kidnappt kurzerhand das Unfallauto samt Fahrer und braust damit in Richtung Marokko. Auf der langen Fahrt kommen sich die beiden ungleichen Männer langsam näher.

Wie der überspannte Titel streift auch der Film mit Stipe Erceg als rätselhaftem Draufgänger und Fabian Busch als poetischem Muttersöhnchen oft die Grenze zur Albernheit. Trotzdem gelingt Cyril Tuschis Roadmovie, der in seinen besten Momenten an den frühen Godard unter Abzug aller intellektuellen Subtexte erinnert, eine unterhaltsame Kreuzung aus Popästhetik und Programmkino.

Ellen Calling - Nachricht vom Schicksal

Thriller, Belgien / Deutschland / Niederlande 2003.

Ein DJ verliert sein Gehör, ein Parfumeur seinen Geruchssinn, eine Pianistin ihre Hände. Die sechzehnjährige Ellen sammelt Artikel über Menschen, denen das Schicksal übel mitgespielt hat. Dann spielt das Mädchen mit den blauen Haaren selbst Schicksal und führt die unglücklichen Figuren zusammen.

Der Debütfilm des belgischen Regisseurs Rudolf Mestdagh ist ein Episodenfilm voller Melodramatik, tragisch und komisch zugleich.

Appleseed

Zeichentrick, Japan 2004.

Das japanische Anime-Kino war auf seine Weise immer schon eine Zeitmaschine, die sich über ihre Funktionsweise keine Gedanken machen mußte, weil in der gezeichneten und neuerdings im Computer generierten Animation alles möglich ist. „Appleseed“ von Shinji Aramaki spielt im Jahr 2131. Die Menschen haben sich in einer von apokalyptischen Kriegen gezeichneten Welt in ein künstliches Paradies namens Olympus zurückgezogen. Hier leben sie, umgeben von Robotern auf biologischer Basis, die deswegen „Bioroids“ heißen. Ein als Gehirn konzipierter Supercomputer steuert das Gleichgewicht in Olympus. Die Rivalität verläuft zwischen Menschen, die ihren Gattungsprimat wiederherstellen möchten einerseits, und Freunden der „Bioroids“ andererseits. Das Mädchen Deunan, eine erfahrene Soldatin, gerät zwischen die Fronten und muß, in einer großartigen „last minute rescue“, die Stadt vor gigantischen Kampfrobotern retten.

„Appleseed“ hat seine beste Vision in der Darstellung des Zivilisationsgehirns „Gaia“. Der biomorphe Rechner wird von alten Männern in Schwung gehalten, durch deren Disputationen der Apparat die nötige Fremdreferenz bekommt. Aber gerade in diesem versöhnlichen Bild einer technoiden Akademie steckt die eigentliche Bedrohung für Olympus. Es ist die Krise einer Zivilisation, die außer dem Weisen und dem Krieger keine Berufe mehr kennt, weil die ganze Arbeit delegiert ist.

Die Seele Neapels

Dokumentarfilm, Niederlande 2005.

Die zweieinhalbtausendjährige Stadt hat ihre besten Zeiten hinter sich. Der niederländische Regisseur Vincent Monnikendam hat sich mit der Kamera aufgemacht in die schmalen Gassen und Hinterhöfe und zeichnet ein ungewöhnliches Bild Neapels mithilfe seiner Bewohner: einer Näherin, einer Malerin, eines Losverkäufers, eines Adeligen und eines Journalisten.

Text: @kue
Bildmaterial: dpa, Rapid Eye Movies, Salzgeber, Stardust, Zauberland

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