27. Januar 2006 Schon lange vor der Diskussion um die inhaltliche Qualität von Wikipedia-Artikeln hatte der deutsche Ableger der freien Online-Enzyklopädie angekündigt, Teile des Lexikons auch in gedruckter Form verfügbar zu machen. Jetzt hat die Zenodot-Verlagsgesellschaft aus Berlin diese Pläne ausgeweitet: Hundert Bände à achthundert Seiten soll das Lexikon mit dem Arbeitstitel WP 1.0 umfassen, das sind zusammen über viereinhalb Regalmeter.
Wie der Verlag weiter mitteilt, werde ein 25köpfiges Redaktionsteam die Artikel, die in der Online-Ausgabe grundsätzlich jeder Internetnutzer verfassen und ändern kann, überprüfen, überarbeiten und für den Druck vorbereiten. Ende des Jahres sollen die ersten beiden Bände erscheinen, innerhalb von vier Jahren die weiteren 98. Während Wikipedia online auf freiwillige Mitarbeit und Spenden setzt, will Zenodot die Enzyklopädie zu einem Subskriptionspreis anbieten: 14,90 Euro sollen Subskribenten für jeden Band bezahlen, für alle anderen soll er 18,50 Euro kosten.
Gegen den Strom
Wikipedia hat in den vergangenen Jahren dazu beigetragen, daß sich unsere Gewohnheiten, Erwartungen und Vorstellungen bei der Informationsrecherche verändert haben. War es vor zehn Jahren noch selbstverständlich, auf gedruckte Nachschlagewerke zurückzugreifen, hat sich neben der Nutzung lexikalischer CD-Roms inzwischen auch der Abruf von Wissensdatenbanken im Internet etabliert. Kein Lexikon kommt heutzutage noch ohne Zusatzangebote im Internet aus.
Ausgerechnet in dieser Situation will Zenodot Wikipedia festschreiben. Durchaus mit einigem Aufwand. Neben den Nachteilen jedes gedruckten Lexikons - es braucht Platz, verstaubt und veraltet - liegt ein Vorteil auf der Hand: Das so versammelte Wissen wäre gesichert. Aber auch online hat Wikipedia jetzt einige Schritte der Qualitätssicherung angekündigt: verschiedene Eingriffsrechte in bereits veröffentlichte Artikel oder eine gesicherte Version der Beiträge, die nur gelesen, nicht aber verändert werden kann, zum Beispiel.
Bald drei Artikelversionen im Internet?
Mit welchem Argument sollte man der Fangemeinde von Wikipedia die redaktionell überarbeiteten Artikel der Druckversion im Internet vorenthalten? Und anders herum gefragt: Werden manche Wikipedia-Artikel bald in drei Versionen abrufbar sein - als work in progress, als work under protection und als gedruckte Version? Wie wird die Wikipedia-Gemeinde reagieren, wenn ihre Werte der Selbstorganisation und -kontrolle damit durch eine externe Instanz in Frage gestellt werden?
Begeistert spricht Zenodot vom vielleicht größten verlegerischen Abenteuer des noch jungen 21. Jahrhundert. In einem Punkt wird der Verlag recht behalten: Es ist ein spannendes Unternehmen.
Text: @kue
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