Kino

Johnny spielt auf: „Walk the Line“

Von Michael Althen

Joaquin Phoenix als Johnny Cash

Joaquin Phoenix als Johnny Cash

01. Februar 2006 Wenn der Film beginnt, scheint die Leinwand zu vibrieren. Man hört eine Band, die sich warmspielt, mit einem stampfenden Baß, als würde ein Güterzug in einen Bahnhof einfahren, und dazu sieht man das Gefängnis von Folsom, das Ödland der Umgebung, die leer gefegten Gänge und Zellen, die patrouillierenden Wächter auf den Mauern, und es ist, als würde das Stampfen mit seiner Endlosschleife die ganze Leere ausfüllen.

Das Klatschen und Fiebern der Insassen von Folsom Prison steigert noch die Unruhe vor dem Auftritt des Stars, der sich in der Gefängniswerkstatt zu sammeln versucht. Aber bevor man ihn richtig zu Gesicht bekommt, zeigt die Kamera ein Glas Wasser, dessen Oberfläche im Rhythmus mitzittert, und ein Kreissägeblatt, dessen Zacken Johnny Cash nachdenklich mit dem Daumen nachfährt.

Scharf wie eine Klinge

Reese Witherspoon in “Walk the Line“

Reese Witherspoon in "Walk the Line"

Noch ehe Johnny Cash also die Bühne des Films richtig betreten und gesungen hat, vermittelt dieser Anfang einen schönen Eindruck von dem, was einen erwartet - eine bildliche Entsprechung jener Worte, mit denen June Carter die Stimme ihres Mannes beschrieb: „beständig wie ein Zug, scharf wie eine Klinge“. Diese Aufladung der Bilder ist womöglich schon deswegen nötig, weil im folgenden eben nicht Johnny Cashs Stimme zu hören ist, sondern die seines Darstellers Joaquin Phoenix. Er braucht sich damit nicht zu verstecken, aber er hat gar nicht die Statur, um die Stimme von so tief unten aus seinem Leib zu holen, wie Cash das getan hat, bei dem sie manchmal wirklich so klang, als käme sie aus seinem bereits geschaufelten, aber noch nicht in Anspruch genommenen Grab.

Trotzdem ist es natürlich phantastisch, wie es Phoenix schafft, in jene Schuhe zu schlüpfen, die ihm eigentlich eine Nummer zu groß sein müßten. Wie die Hasenscharte quasi einsteht für die Narben und tief eingegrabenen Züge des Vorbilds. Wie er mit schiefem Grinsen zur Seite zu singen scheint. Wie er mit hochgezogenen Schultern die Gitarre wie ein Gewehr im Anschlag hält. Wie er den ganzen Habitus eines Mannes einfängt, der seine Songs mit so versteinerter Miene vortrug, als habe er selbst für jeden einzelnen ein Jahr in der Zelle verbüßt.

Die Rolle seines Lebens

Cash ist für Phoenix schon deswegen die Rolle seines Lebens, weil sich ihre Biographien an einem entscheidenden Punkt berühren. Wenn er später im Film seinem Vater gegenübersitzt und mit bebender Stimme und glasigen Augen sagt, hier am Tisch fehle jemand, dann ist klar, daß da nicht nur Cash über seinen früh verunglückten Bruder spricht, sondern auch Joaquin über seinen zu jung verstorbenen Bruder River Phoenix. Nach dessen Drogentod hatte Joaquin zeitweilig die Schauspielerei wieder aufgegeben, und wie nahe ihm die Rolle in „Walk the Line“ ging, sieht man schon daran, daß er danach schon wieder ans Aufhören dachte und sich erst mal in eine Entziehungsklinik begab.

Weil im Kino jede Künstlerbiographie ihr Trauma braucht, an dem sie sich abarbeiten kann, spart sich Regisseur James Mangold den Auftritt im Folsom Prison, der Cashs bis dahin erfolgreichste Platte wurde, für den Schluß auf und schneidet vom Sägeblatt erst mal zurück in die Kindheit nach Arkansas, wo die jungen Cash-Brüder unter dem harten Vater leiden und bei der gläubigen Mutter Trost finden, ehe der ältere Bruder Jack bei einem Unfall im Sägewerk ums Leben kommt. Aber vorher hat Johnny den Bruder gefragt, warum er dauernd die Bibel lese.

Die richtigen Geschichten

Und dessen Antwort ist von jener Sinnhaftigkeit, an der sich solche Filme gerne aufrichten: Wenn er Prediger werden wolle, sagt Jack, dann müsse er die richtigen Geschichten kennen, um den Leuten helfen zu können. Und wenn man hierzulande wüßte, daß Countrymusik mehr ist als reaktionäres Hinterwäldlergedudel, dann würde man anhand dieses Satzes begreifen, daß in dieser Musik mehr Wahrheit über das Land und seine Leute steckt, als viele hören wollen. Am Ende geht es in „Walk the Line“ natürlich darum, daß Johnny den Leuten in Gefängnissen wie Folsom helfen kann, weil er in seinen Songs die richtigen Geschichten erzählt: „I shot a man in Reno, just to watch him die...“

Joaquin Phoenix ähnelt Johnny Cash verblüffend - auch im Gesang

Joaquin Phoenix ähnelt Johnny Cash verblüffend - auch im Gesang

Amerikanische Heldengeschichten handeln immer davon, wie sich einer erst verlieren muß, um sich wirklich zu finden. Weil er erst dann mit seinen Erfahrungen beglaubigen kann, was ihm sonst allzuleicht zugefallen wäre. Im Falle von Cash sind das Pillen und Drogen, die ihn aus der Bahn werfen, weil er ein Vergessen sucht, das der Erfolg allein nicht bieten kann. Aber da muß er durch, wie alle, die ihre Größe nicht durch frühen Tod beglaubigen wollen. Der Trick des Films ist, daß die Läuterung durch eine Frau kommt, die eben mehr ist als nur die Steigbügelhalterin für eine Karriere. Die Liebe zu June Carter ist es, die Mangolds Film vor allem davor bewahrt, die übliche Erfolgs-, Krisen- und Läuterungsgeschichte aus dem Musik-Business zu erzählen.

Von Anfang an vernarrt in sie

June war von Kindesbeinen mit ihrer Familie auf der Bühne und hat sich vor den Zumutungen des Geschäfts gerettet, indem sie mit beiden Beinen auf dem Boden blieb. Cash hat sie schon als Kind im Radio gehört und ist von Anfang an vernarrt in sie. Aber sie war nicht nur seiner Schwärmerei gewachsen, sondern auch klug genug zu sehen, daß der Mann mit sich selbst ins reine kommen muß, ehe sie seinem Werben nachgeben mag. Was Reese Witherspoon aus dieser Rolle macht, ist mindestens so beachtlich wie die Leistung von Phoenix, und wenn sie ebenfalls mit eigener Stimme auftritt und singt, dann kann man leicht vergessen, daß sie bislang vor allem „natürlich blond“ war.

Johnny Cash und seine große Liebe June

Johnny Cash und seine große Liebe June

Das Vorspielen bei Sam Philips, die Auftritte mit Jerry Lee Lewis, Roy Orbison, Carl Perkins und Elvis, die Bekanntschaft mit Waylon Jennings (gespielt von dessen Sohn Shooter), das alles ist von James Mangold ähnlich geschickt und ein wenig konventionell inszeniert, wie es vergangenes Jahr seinem Kollegen Taylor Hackford in „Ray“ gelungen ist. Der Unterschied liegt in der Art, wie sich Cash an der so patenten wie pfiffigen June Carter abarbeiten muß, die seine wiederkehrenden Anträge ablehnt und auf Dauer seine Perspektive zurechtrückt. Daß die beiden erst im Jahr 2003 im Abstand von wenigen Monaten gestorben sind, ist mehr als eine hübsche Pointe des Films. Es ist der Stoff, aus dem die wahren Heldengeschichten sind.

Text: F.A.Z., 01.02.2006, Nr. 27 / Seite 35
Bildmaterial: AP, dpa, REUTERS

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