Bertelsmann

Die Zahlen stimmen

Von Michael Hanfeld

30. März 2004 Die Zahlen sind gut. Und die Stimmung ist es auch. Sie war geradezu ausgelassen am Vorabend der Bilanzpressekonferenz in Berlin, und das nicht bloß demonstrativ. Denn was mit der Zahl Vier beginnt, endet mit einer 1,1. Ganz genau 1,123 Milliarden Euro operativen Gewinn hat Bertelsmann im letzten Jahr gemacht.

Vier Millionen Euro dazu beigesteuert hat die "Direct Group", welche die Buchclubs umfaßt. "Unser ehemaliges Sorgenkind", wie der Vorstandsvorsitzende Gunter Thielen sagt. Hundertfünfzig Millionen Euro Minus hatten die Clubs im Jahr zuvor noch gemacht. Jetzt sorgen sie mit dafür, daß alle sechs Unternehmensbereiche von Bertelsmann Geld abwerfen.

Verlust durch den Währungsverlust

Und so sitzen im Grand Hyatt Hotel am Potsdamer Platz in Eintracht lauter Gewinner auf dem Podium: Bernd Kundrun, der Chef von Gruner + Jahr, will dieses Jahr rund zwanzig neue Zeitschriften auf die Märkte werfen; Hartmut Ostrowski von der Arvato arbeitet an dem größten Druckerei-Joint-venture der deutschen Nachkriegsgeschichte, das Gruner + Jahr und Springer zusammenführt; der Finanzvorstand Siegfried Luther sieht den Gesamtkonzern "wieder auf Spur"; Rolf Schmidt-Holtz, der die Bertelsmann Music Group anführt, erzählt, daß vierzig Prozent aller Top-ten-Hits im letzten Jahr von Bertelsmann-Künstlern stammten; Gerhard Zeiler stellt mit der RTL-Gruppe, die allein 4,5 Milliarden Euro Umsatz und 503 Millionen Euro operativen Gewinn eingefahren hat, wieder einmal alle in den Schatten; Ewald Walgenbach von der Direct Group schließlich ist der Mann, der für Bertelsmann hingeht, wo es weh tut und ausgeputzt werden muß.

Seine vier Millionen Euro sind psychologisch besonders wichtig. Nur Peter Olson, der Chef des amerikanischen Verlags Random House, sitzt stumm in der Runde, von den Journalisten ungefragt wird für ihn vorgerechnet, daß Random House, wenn man in Dollar abrechnet, Gewinn macht, da aber in Euro umgelegt wird, durch den Währungsverlust einen kleinen Verlust einfährt.

Die Zahlen stimmen.

Der Vorstandsvorsitzende Thielen referiert all dies sachlich und trocken, die gestellten Fragen verteilt er kameradschaftlich an die anderen im Vorstand, er drängt nicht in den Vordergrund, eine Show abzuziehen käme ihm nicht in den Sinn. Ein größerer Gegensatz als zwischen ihm und dem neuerdings überall auftauchenden Pro-Sieben-Sat.1-Eigner Haim Saban ist gar nicht denkbar. Gütersloh versus Hollywood. Und wüßte man nicht, daß dies einer der größten Informations- und Unterhaltungskonzerne der Welt ist, könnte man diesen Mittag in Berlin auch mit einem Bankentermin in Frankfurt verwechseln. Aber die Zahlen, die stimmen.

Denn wer beneidet Bertelsmann nicht um einen Umsatz von 16,8 Milliarden und einen Schuldenabbau um rund zwei Milliarden Euro - im Krisenjahr 2003, in dem die meisten Märkte geschrumpft sind oder stagnierten? Und wer würde nicht gern "Gas geben", wie Gunter Thielen sagt, und gen Osteuropa und Asien blicken, um dort in den nächsten drei Jahren zwei Milliarden Euro zu investieren? Oder darauf verweisen können, daß man in Frankreich mit der Fernsehzeitschrift "Tele 2 Semaines" auf Anhieb eine Auflage von einer Million Exemplaren erreicht hat, was den angeblich erfolgreichsten Zeitschriftenstart aller Zeiten in Frankreich markiert?

Das Gebot der Stunde

Dies alles sind unbestreitbar Erfolge, die freilich zeigen, daß man bei Bertelsmann nicht mehr darauf aus ist, das Rad neu zu erfinden, sondern es lieber im großen Maßstab in kleiner Umdrehung weiterzubewegen. Nicht Visionen für neue Medienwelten und Märkte sind gefragt, Marketing und Merchandising sind das Gebot der Stunde. Es wird einfach alles, was es gibt, vernetzt und zweit- und drittverwertet. Das hilft auch, sich von der Werbeabhängigkeit zu befreien. Fünfzehn Prozent des Umsatzes hat RTL im letzten Jahr bereits auf andere Weise als mit Werbung erwirtschaftet. Interaktives, also Einkauf- und Anruffernsehen à la Neun Live trägt dazu bei, während es bei den Zeitschriften die sogenannten "Line Extensions" sind, zu deutsch: Ableger oder Sonderausgaben. So kam "Neon" zum "Stern", und so fand "Brigitte Kultur" zu "Brigitte".

Gunter Thielen trägt all dies nüchtern vor und läßt hernach im kurzdialogischen Frage-und-Antwort-Spiel, das ihm offenbar liegt, keinen Journalisten unbeachtet. Er weicht auch vor der Frage nicht aus, was der Terror, der mit dem Massaker von Madrid Europa erreicht hat, in der Wirtschaft anrichtet. Der Terror sei "die Geißel des einundzwanzigsten Jahrhunderts", pflanze er sich fort, werde dies für die Weltwirtschaft gravierende Folgen haben. Doch die Zahlen von Bertelsmann sind gut und die Vorstände optimistisch.

Sympathische Untertreibung

Sie hat auch das vor ein paar Tagen erschienene Buch von Thomas Schuler über "Die Mohns" nicht aus der Fassung gebracht. Alles, was dort zu lesen ist, wußten die Insider schon. Für den gemeinen Leser aber ist es durchaus interessant zu erfahren, daß Liz Mohn zwar seit vierzig Jahren die Frau an der Seite des Konzernpatriarchen Reinhard Mohn ist, dieser aber dreiunddreißig Jahre mit seiner ersten Frau Magdalene verheiratet war und mit ihr drei von sechs Kindern hat. Das einmal aufzuschreiben trägt allein deshalb den Keim des Skandals in sich, weil zuvor von Liz Mohn ein Buch erschienen ist, das die eine Hälfte der jüngeren Familien- und damit Unternehmensgeschichte vollständig ausblendet.

Über den Unternehmer Reinhard Mohn und vor allem über seine letzten führenden Manager wie Mark Wössner und Thomas Middelhoff jedoch erfährt man bei Schuler recht wenig. Daß er die Art und Weise, in der Reinhard Mohn einst bei den Alliierten nach dem Krieg an die ersten Druck-Lizenzen kam, nur "unverfroren" nennt, ist eine fast schon von Sympathie getragene Untertreibung, wie sie das Unternehmen selbst formulieren könnte. Mohn hatte seinerzeit die Großproduktion an Landserliteratur bei Bertelsmann schlicht ummäntelt oder verschwiegen. Was fünfzig Jahre später zu dem wohl peinsamsten Moment in der Unternehmensgeschichte von Bertelsmann wurde, als die Sache während eines New-York-Besuchs des damaligen Vorstandschefs Middelhoff aufflog.

Geordnet und geregelt

Von dessen Wirkung übrigens zehren die beeindruckenden Zahlenkolonnen des Jahres 2003 auch. Das muß man auf einer Bilanzkonferenz natürlich nicht erwähnen, zeigt aber, wie schnell bei Bertelsmann Geschichte gemacht wird beziehungsweise wie schnell man Geschichte wird. Mit am deutlichsten verspürte dies einst Mark Wössner, der binnen zwanzig Jahren für Reinhard Mohn den Konzern erst zu der Größe führte, die er jetzt hat. Nun ist Gunter Thielen derjenige, der die Belange der Familie Mohn mit den Interessen des Konzerns vereint. Die Anteile der "Zeit"-Stiftung an Bertelsmann sind zurückgekauft, 75 Prozent aller Stimmrechte liegen jetzt bei den Mohns. Der französische Teilhaber Albert Frère ist der einzige fremde Gast im Haus, er kann mit seinen fünfundzwanzig Prozent Aktien erst im Herbst 2006 an die Börse, wenn er will.

Zehn Prozent Rendite jedes Jahr hat sich Bertelsmann zum Ziel gesetzt. Ein Journalist will wissen, ob so das Gesamtunternehmen "börsenreif" gemacht werde. Doch ob das überhaupt jemand in Gütersloh will? Die Dinge werden geordnet und geregelt, Gunter Thielen tut dies für Bertelsmann wie Franz Müntefering für die SPD. Bei Bertelsmann allerdings stimmen die Zahlen.

Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.03.2004, Nr. 77 / Seite 40

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