Berlinale

Wie zeitgenössisch ist das Kino?

Von Verena Lueken

11. Februar 2007 Natürlich kann man sagen, wie es Festivaldirektor Dieter Kosslick wieder getan hat, dass die Berlinale in diesem Jahr ein politisches Festival werden wird. Dasselbe war im vergangenen und im Jahr zuvor richtig, und es wird, wenn Filmemacher in aller Welt auch in Zukunft dabei bleiben, die Wirklichkeit um sie herum zur Kenntnis zu nehmen und zum Schauplatz ihrer Geschichten zu machen, auch fürs nächste und übernächste richtig sein. Was ein Filmfestival, das noch gar nicht begonnen hat, vor anderen auszeichnen wird, lässt sich erst retrospektiv beurteilen, das gilt auch für die Berliner Filmfestspiele, die heute Abend mit dem französischen Wettbewerbsbeitrag und Edith-Piaf-Porträt „La Môme. La Vie en rose“ von Olivier Dahan eröffnet werden.

Dennoch kann man aus dem Programm etwas herauslesen, das optimistisch stimmt und gleichzeitig alarmierend sein könnte: Die spektakulärsten Ereignisse des Festivals sind Aufführungen alter Filme in restaurierter Fassung. Optimistisch stimmt das, weil es zeigt, dass endlich auch in Deutschland die Leute, die das Geld verteilen, begriffen haben, dass der Film als Kunstform den anderen Künsten ebenbürtig ist und dass deshalb seine materielle Substanz gepflegt, vor dem Verfall gerettet und erhalten werden muss.

15 Stunden Fassbinder: das Filmereignis des Jahres

Vorbildlich ist das mit Rainer Werner Fassbinders Fünfzehn-Stunden-Werk „Berlin Alexanderplatz“ geschehen, wenn auch nach jahrelangen Kämpfen, Rückschlägen und „impertinentem Druck“ (so die Präsidentin der Fassbinder Foundation, Juliane Lorenz). Noch nie war Fassbinders monumentale, unverschämte, enervierende und berührende Döblin-Verfilmung in einer Version zu sehen („remastered“), die uns so deutlich machte, worauf Fassbinder mit seinen dreizehn Episoden und dem Epilog hinauswollte.

Tom Tykwer beschreibt das in unserer Berlinale-Beilage emphatisch. Nachdem „Berlin Alexanderplatz“ jahrelang überhaupt nicht zu sehen war, kann seine Wiederaufführung, eingeläutet von einer Gala im Admiralspalast, schon als Ereignis des Filmjahres gelten. Auch die Präsentationen eines restaurierten „Hamlet“ mit Asta Nielsen und des restaurierten Erich-von-Stroheim-Films „Blind Husbands“ können als Höhepunkte des Festivalprogramms gelten - sind das Anzeichen einer Musealisierung des Kinos, wie Jurypräsident Paul Schrader sie voraussagt?

Bewährte Mischung, in Berlin besonders gepflegt

Ansonsten bietet das Programm alte Meister und junge Talente, eine bewährte Mischung, die in Berlin seit einiger Zeit besonders gepflegt wird. Alte Meister sind Clint Eastwood („Letters from Iwo Jima“) und Jacques Rivette (mit der Balzac-Verfilmung „Ne touchez pas la hache“), der auch ein paar seiner alten Darsteller mitbringt, Michel Piccoli nämlich und Bulle Ogier. Alte Meister sind auch André Téchiné („Les témoins“), Bille August („Goodbye Bafana“) und Paul Schrader („The Walker“) zum Beispiel. Unter den Jüngeren, von denen wir bereits ein Bild haben, finden sich der Koreaner Park Chan-wook („Ich bin ein Cyborg, aber das macht nichts“), der Chinese Zhang Lu („Desert Dream“), der Franzose François Ozon („Angel“) und Christian Petzold („Yella“).

Damit sind wir bei den deutschsprachigen Regisseuren, die in diesem Jahr im Wettbewerb nur mit zwei Filmen vertreten sind (der andere ist der Österreicher Stefan Ruzowitzky mit „Die Fälscher“), dieselbe Anzahl kommt aus Großbritannien, China und Südkorea, während die Vereinigten Staaten und Frankreich jeweils vier Filme schicken. Doch in den anderen Sektionen werden nahezu sechzig deutsche Filme gezeigt - und eine alte Festivalweisheit besagt ja, dass Entdeckungen sowieso außerhalb des Wettbewerbsprogramms gemacht werden.

Wird die Berlinale also in diesem Jahr eine im Zeitgenössischen ein wenig graue, im Blick zurück aber glänzende Veranstaltung werden? Wer weiß. Vielleicht erweist sich die Gegenwart ja ihrer Vergangenheit würdig.



Text: F.A.Z., 08.02.2007, Nr. 33 / Seite 31
Bildmaterial: Berlinale

 

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