Paulo Coelho

Wahnsinnig visionär

Von Felipe Tadeu

Sein Traum war nicht der Rock 'n' Roll: der brasilianische Bestseller-Autor Paulo Coelho

Sein Traum war nicht der Rock 'n' Roll: der brasilianische Bestseller-Autor Paulo Coelho

15. Oktober 2008 Das Prinzip Paulo Coelho besteht aus zwei Worten: Moderne Märchen. Damit begeistert er schon seit Jahrzehnten Leser in der ganzen Welt. Deshalb geraten bei Coelho mittlerweile sogar Verlagsbuchhalter ins Träumen: Hundert Millionen verkaufte Bücher, Übersetzungen von „Der Alchimist“ in 67 Sprachen. Um diesen Weltrekord zu feiern, gibt der Diogenes-Verlag heute Abend eine Party für seinen brasilianischen Star. Er ist der Beweis dafür, dass übernatürliche Kräfte im Laufe von sechs Jahrzehnten so einiges mit einem Menschen anstellen können - denn er begann einst als Hippie und Rockmusik-Texter.

In den siebziger Jahren schrieb Coelho Songtexte für die wichtigsten Repräsentanten der brasilianischen Gegenkultur. Politisch war Brasilien zu der Zeit kaum mehr als eine Bananenrepublik unter einem Militärregime. Trotzdem pulsierte die brasilianische Musikszene. 1972 lernte Coelho Raul Seixas kennen, der sich wie er für Mystik und Rock'n'Roll interessierte. Sie wurden Freunde, und Seixas überredete Coelho, seine ersten Songtexte zu schreiben. Coelhos libertäre Ideen spiegelten nicht nur den Zeitgeist wider, sondern auch seine traumatische Beziehung zu seinen Eltern. Sie hatten ihn als Jugendlichen wegen seiner rebellischen Haltung in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen, wo er mit Elektroschocks behandelt wurde.

Folter, Exil, Drogen

1973 erschien die erste Platte von Raul Seixas, „Krig-Ha Bandolo!“ Fünf von elf Texten stammten aus Coelhos Feder, und die Platte wurde zu einem großen Verkaufserfolg. Neben der Musik gab es für die Freunde drei Dinge: Marihuana, LSD und ihre gemeinsame Verehrung für den britischen Satanisten Aliester Crowley. 1974 wurde das Duo festgenommen und verhört. Schnell stellte sich heraus, dass die rechten Militärs es vor allem auf Coelho abgesehen hatten, obwohl Seixas ungleich bekannter war. Unmittelbar nach dem Verhör durch die Polizei wurden Coelho und seine damalige Frau von einer paramilitärischen Gruppe verschleppt und eine Woche lang gefoltert. Ziel der Befragungen war die Strategie der linken Guerrilla in Nordosten Brasiliens, von der Coelho nicht den Hauch einer Ahnung hatte. Nach ihrer Freilassung gingen Coelho, Seixas und ihre Frauen ins Exil in die Vereinigten Staaten.

Als Visionäre und Wahnsinnige, die sie waren, vermarkteten sie sich entsprechend. Mit zunehmendem Erfolg kam allerdings die Krise; 1976 trennten sich die Wege der beiden. Doch Coelhos Traum war nicht der Rock'n'Roll. 1982 besuchte er das ehemalige Konzentrationslager Dachau und hatte dort eine Vision, die ihn zutiefst veränderte. Er entsagte den Drogen und beschloss, ein weltbekannter Schriftsteller zu werden. Nach zwei erfolglosen Buchprojekten wendete sich das Blatt 1986 mit „O Diário de Um Mago“. Schrittweise erfüllte sich Coelhos Traum vom Erfolg. Bei der Eröffnung der Buchmesse sagte er gestern über seinen entspannten Umgang mit den eigenen Urheberrechten im Internet, er investiere „in etwas, für das jeder einzelne Schriftsteller auf der Welt dankbar wäre: eine möglichst große Leserschaft für seine Werke“.

Aus dem Portugiesischen von Michael Kegler.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Julia Zimmermann

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