Irans Opposition und das Netz

„Sie starb in weniger als zwei Minuten“

Von Friederike Haupt und Nina Belz

Amateuraufnahmen aus Teheran

Amateuraufnahmen aus Teheran

21. Juni 2009 „Nein, nein, nein... es gibt ein Gerücht: Bombenexplosion in Chomeinis Mausoleum. Hoffe, das ist nicht wahr“, schreibt jadi am Samstagnachmittag um halb vier bei Twitter. Er nutzt wie Hunderte anderer den Mikrobloggingdienst, um über die Proteste in Iran zu berichten.

Am Samstag überschlagen sich die Nachrichten aus Teheran, teilweise sind mehr als tausend Tweets, also Twitter-Einträge, pro Minute über die Ereignisse in der iranischen Hauptstadt zu lesen. Welcher Twitterer wirklich dort ist, lässt sich nicht überprüfen. Die Nutzer schreiben unter selbstgewählten Pseudonymen auf der Internetseite twitter.com; wer als Wohnort Teheran angibt, muss noch lange nicht in der Stadt sein.

Twitter zwitschert vielstimmig

Verwackelte Aufnahmen, vermutlich mit Handykameras gemacht, zeigen flüchtende und verletzte Menschen

Verwackelte Aufnahmen, vermutlich mit Handykameras gemacht, zeigen flüchtende und verletzte Menschen

„Die meisten der Demonstranten haben heute den Koran dabei“, twittert iranbaan am Samstagnachmittag: „Die Menschen rufen ,Allah-o Akbar‘“. Tausende seien trotz des Demonstrationsverbots in Teheran zusammengekommen.

Mussawis Aufruf zu Protesten war am Freitag auch über Twitter verbreitet worden, nachdem Ajatollah Ali Chamenei in seiner Freitagspredigt die Wahl Ahmadineschads als rechtmäßig bezeichnet hatte. Doch schon bald nach Beginn der Proteste berichten die Twitterer und Blogger von Gewalt gegen die Demonstranten. „Sie schießen auf die Leute und laden die Verwundeten in ihre Transporter“, twittert iranbaan gegen 16Uhr.

Andere berichten davon, dass wahllos in eine Menschenmenge geschossen werde und mehrere Dutzend Tote und Verletzte in Lieferwagen abtransportiert würden.

Tod in weniger als zwei Minuten

Für große Aufregung sorgt am Abend die Nachricht vom Tod einer jungen Iranerin namens Neda, die von einem Basidschi-Heckenschützen erschossen worden sein soll. Innerhalb von Minuten kursieren Fotos, die eine blutüberströmte, auf der Straße liegende Frau zeigen. „Ein junges Mädchen ist von Basidschi in der Kargar Street getötet worden“, meldet iranbaan um halb acht. „Sie starb in weniger als zwei Minuten“, schreibt toosinbeymen: „Die junge Frau, die sich mit ihrem Vater die Proteste angeschaut hatte, wurde von einem Basidschi erschossen, der sich auf dem Dach eines Wohnhauses versteckt hatte.“

Bis spät in die Nacht berichten Beobachter von Straßenkämpfen: Immer wieder seien Schüsse zu hören, Barrikaden würden errichtet, Straßen stünden in Flammen, nachdem Mussawi-Anhänger sich mit Molotowcocktails gegen die Milizen zu wehren versucht hätten. Vor allem der Enghelab-Platz stehe im Zentrum der Straßenkämpfe.

Die Basidschi-Milizen durchsuchten Demonstranten nach Kameras, berichtet ein Twitterer

Die Basidschi-Milizen durchsuchten Demonstranten nach Kameras, berichtet ein Twitterer

Auch zahlreiche Festnahmen werden im Internet gemeldet. Von „Massenverhaftungen“ berichtet Omid007 am Samstag bei Twitter: „Rund 400 Menschen wurden bei den heutigen Zusammenstößen festgenommen. Einige meiner Freunde sind darunter!“ Später am Abend meldet er, die Journalistin und Frauenrechtlerin Jila Bani Yaghoub sei in ihrem Haus in Teheran festgenommen worden. Eine Viertelstunde später bestätigt eine andere Bloggerin, dass auch Yaghoubs Ehemann verhaftet worden sei. Auch am Sonntagnachmittag melden die Twitterer noch Festnahmen.

„Nutzt Seile, um die Motorräder zu stoppen“

Das Handynetz sei beinahe in der ganzen Stadt abgestellt worden, meldet Omid007 am späten Samstagabend aus Teheran. Schon am Nachmittag hatte jadi mitgeteilt, dass weder Anrufe noch SMS mit dem Handy möglich seien, der Satellitenempfang sei vom Staat kontrolliert, das Internet zu langsam, um darüber Sender zu empfangen. kacsaful berichtet am Sonntag über den Vorabend: „Die Polizei hat brutal auf die Menschen eingeschlagen, totales Chaos. Es war schwer, an Informationen zu kommen, die staatlichen Fernsehsender zeigten Sport.“

Video in voller Größe

Die Basidschi-Milizen durchsuchten Demonstranten nach Kameras, berichtet toosinbeymen am Samstag gegen 15.30Uhr, deshalb seien weniger Bilder der Ausschreitungen im Umlauf als bisher. Bei Twitpic, dem Fotoportal von Twitter, werden dennoch Hunderte von Aufnahmen hochgeladen: Brennende Autos, Menschen mit blutüberströmten Gesichtern, schwarz gekleidete Motorradfahrer mit Schlagstöcken sind hier zu sehen.

Auch Links zum Videoportal Youtube werden immer wieder getwittert: Verwackelte Aufnahmen, vermutlich mit Handykameras gemacht, zeigen flüchtende und verletzte Menschen, hektische Stimmen sind zu hören, Rauch liegt über den Straßen. Ein am Samstag hochgeladenes Video mit dem Titel „20.Juni - Teheraner Proteste - Tränengas wird in eine Menschenmenge gefeuert“ zeigt, aus dem Fenster eines Hauses gefilmt, eine Explosion, eine vernebelte Straße, panisch flüchtende Menschen. Viele Twitterer warnen vor den Basidschi-Milizen, die auf Motorrädern unterwegs seien: „Nutzt Seile, um die Motorräder zu stoppen. Spannt sie über die Straßen“, schreibt atlatl2.

Praktische Ratschläge für Tränengaseinsatz

Über Twitter werden auch Ratschläge verbreitet, wie man sich bei Gasangriffen verhalten solle. „Tragt in diesen Tagen keine Kontaktlinsen“, heißt es immer wieder. „Sodium metabisulfite Na2S2O5 gemischt mit Wasser (fünfprozentige Lösung) hilft gegen Tränengas. Wascht die Augen mit der Lösung aus“, twittert persiankiwi, und wenige Minuten später: „Ratschlag - Tränengas - verdeckt Mund/Nase - wechselt Kleidung, die mit Gas in Kontakt gekommen ist, sofort - wascht schnell Gesicht und Mund/Augen/Nase mit Wasser aus“.

Immer wieder ist vom Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas durch die Polizei die Rede; auch aus Hubschraubern greife sie die Demonstranten an.

Die Krankenhäuser Teherans seien auf die vielen Verletzten kaum eingerichtet, melden die Twitterer am Sonntag. „Bitte spendet Blut - große Engpässe in allen Krankenhäusern“, schreibt persiankiwi. „RT RT RT“, steht am Ende der Nachricht; „RT“ steht für „Retweet“ und bedeutet, dass diese Meldung die Wiederholung der Nachricht eines anderen ist.

Viele Meldungen, die den Twitterern besonders wichtig erscheinen, werden ständig kopiert und tauchen so alle paar Minuten wieder auf. Ein Twitterer namens persianMohammad ruft dazu auf, die Verletzten nicht nur den Krankenhäusern zu überlassen: „Die Leute müssen geheime Orte organisieren, um sich um die Verletzten zu kümmern!! ORGANISATION BITTE!!!“

Botschaft nimmt Verletzte auf

Die Twitterer diskutieren auch darüber, ob die Menschen („Hunderte von Notfällen“) in den Krankenhäusern überhaupt sicher seien. Die Polizei nehme die Personalien der Patienten auf, heißt es am Samstag. „Es scheint sicher zu sein: Menschen werden in Krankenhäusern festgenommen“, meldet Hoku9342. Einige Twitterer berichten sogar, dass Patienten von den Basidschi-Milizen aus den Krankenhäusern verschleppt würden.

Am Samstag wird die Nachricht verbreitet, dass auch in den Botschaften Verletzte aufgenommen würden: „Deutsche Botschaft: Avenue Ferdowsi 320-324 - Nehmen Verwundete auf!“, twittert Proteheran gegen 19.30 Uhr. Listen mit den Adressen verschiedener Vertretungen in Teheran werden in den nächsten Minuten in Blogs zusammengestellt, die Links zu den Seiten bei Twitter verbreitet.

Iran ist voller Gerüchte

Twitterer, die sich auf Angaben der Krankenhäuser berufen, melden am Sonntag, dass bei den Protesten am Samstag 19 Menschen getötet worden seien. Der staatliche Fernsehsender Press TV habe aber nur 13 Tote bestätigt. Berichte des Fernsehens über eine Moschee in Teheran, die von Demonstranten angezündet worden sei, werden diskutiert: Der Brand sei von Basidschi-Milizen gelegt worden, in der Moschee hätten sich Mussawi-Anhänger aufgehalten, schreiben mehrere Twitterer. „Es sieht so aus, als versuchte das iranische Staatsfernsehen es so aussehen zu lassen, als wären die Aufständischen diejenigen, die Menschen töteten“, schreibt trekkerguy.

„Iran ist voller Gerüchte - aber die Armee ist NICHT auf den Straßen“, twittert persiankiwi am Sonntagmorgen, „noch keine Panzer.“ „Bleibt ruhig, bleibt gelassen“, heißt es am Sonntagnachmittag in vielen Tweets. Wer sich jetzt etwas zuschulden kommen lasse, gebe den Milizen einen wahren Grund, ihn zu inhaftieren.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS

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