29. Juni 2009 Ob in Iran eine Bombe detoniert oder ob Kundgebungen zu blutigen Auseinandersetzungen eskalieren: Stets vermuten viele Iraner hinter den Untaten als Übeltäter die Mudschahedin-e chalq“. So ist es kein Zufall, dass das Regime nun auch versucht, die Proteste auf den Straßen Teherans mit dem Verweis zu diskreditieren, die Volksmudschahedin“ hätten ihre Hände im Spiel
Der Wahrheitsgehalt dieser Behauptungen ist kaum nachzuprüfen, und möglicherweise ist er gering. Denn die Organisation der Volksmudschahedin“, so ihr vollständiger Name, bekämpft zwar die Islamische Republik. In Iran aber haben sie, wie es heißt, selbst bei Regimekritikern kaum mehr eine Basis.
Gestrichen von der EU-Terrorliste
Enger ist auch ihr Spielraum im Irak geworden, wo sie von 1980 bis 1988 Saddam Husseins Krieg gegen Iran unterstützt hatten. Das Lager Aschraf, nördlich von Bagdad gelegen, war lange ihre Basis, um Terroristen auszubilden und Anschläge vorzubereiten. Dort leben heute nicht mehr als 3500 Mitglieder der Organisation.
Vor 2003 hatten in mehreren irakischen Lagern bis zu 50.000 Guerrilleros der von vielen als marxistisch eingeschätzten Volksmudschahedin gelebt. Sie hatten die Protektion Saddam Husseins genossen und wurden mit Mitteln der Gehirnwäsche gefügig gemacht. Aschraf ist als letztes Lager noch in Betrieb. Doch es ist entmilitarisiert, entwaffnet und von der irakischen Armee umstellt, damit von dort keine Gefahr mehr ausgeht.
Der Irak hat die Volksmudschahedin nach dem Sturz Saddam Husseins auf die Liste der Terrororganisationen gesetzt, und auch die Vereinigten Staaten taten es. Die EU aber strich sie im vergangenen Januar vor allem auf Betreiben Großbritanniens von ihrer Terrorliste, und im französischen Auvers-sur-Oise unterhält die Bewegung um ihre Präsidentin“ Maryam Radschawi ihr Hauptquartier.
In einer Linie mit Al Qaida und PKK
Zuletzt hielt sie am 21. Juni in der Messehalle von Villepinte die Jahresversammlung des 1981 gegründeten Nationalen Widerstandsrats“ ab, der von den Volksmudschahedin dominiert wird und ein eigenes Parlament hat. Ihre Ideologie ist eine Mischung aus Marxismus und einer linken Auslegung des Islams.
Auf wenig Verständnis stößt in Iran, dass die EU die Volksmudschahedin nun als politische Organisation einstuft. Damit werde auch die Organisation als solche legal und könne entschlossener handeln, kritisiert in Teheran Ahmad Rostami, der Vorsitzende der Nichtregierungsorganisation Gesellschaft für Gerechtigkeit“, welche die Interessen der 12.000 Iraner vertritt, die durch Volksmudschahedin getötet worden sind.
Er fordert, die Führer der Terrororganisation vor Gericht zu stellen, die Mitglieder aber in die Gesellschaft zu reintegrieren. Ihr Terror unterscheide sich nicht von jenem von Al Qaida und der kurdischen PKK, sagt er. Der 70 Jahre alte Händler Alireza Dastbaz ist eines der Opfer der Volksmudschahedin. 1984 hatte er beide Hände verloren, als er eine Handgranate entfernen wollte, die zwei Mitglieder der Organisation in sein Geschäft warfen, da er Mitglieder der Organisation überzeugt hatte, diese zu verlassen. In einer Operation von 14 Stunden hätten die Ärzte zumindest sein Leben gerettet.
Eklat an der Staatsspitze
Den folgenschwersten Anschlag verübten die Volksmudschahedin, als sie am 28. Juni 1981 bei einem Attentat auf die Zentrale der später aufgelösten Partei der Islamischen Republik“ (IRP) 72 hochrangige Vertreter der neuen Republik töteten, unter ihnen Minister und Abgeordnete sowie den Justizchef Mohammed Beheschti. Damals tobten zwischen dem Establishment der Islamischen Republik und den linksoppositionellen Kräften bürgerkriegsähnliche Auseinandersetzungen, in deren Verlauf die Führung der Volksmudschahedin“ Iran verlassen musste.
Dies widerfuhr auch dem zu jener Zeit ihnen nahestehenden Staatspräsidenten Abolhassan Bani-Sadr, der seither ebenfalls in Paris im Exil lebt und dort noch immer, wie er sagt, auf seine Stunde wartet.
Zu einem Eklat an der Staatsspitze kam es, nachdem Revolutionsführer Chomeini 1988 angeordnet hatte, die politischen Gefangenen der Volksmudschahedin und anderer linker Oppositionsgruppen hinrichten zu lassen. Chomeinis designierter Nachfolger Ajatollah Montazeri prangerte das Vorgehen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit an und wurde daraufhin abgesetzt.
Präsenter in den Köpfen
Wie viele Sympathisanten und Mitglieder die Volksmudschahedin heute noch in Iran haben, ist schwer zu ermitteln. Aufsehen haben sie erregt, als sie behauptet haben, sie hätten klassifizierte Dokumente zum iranischen Atomprogramm veröffentlicht. Aus diesem Grund, so die iranische Argumentation, finanziere der amerikanische Geheimdienst CIA die Organisation, obwohl sie gleichzeitig auf der amerikanischen Terrorliste stehe.
Iraner machen sie auch für Terroranschläge in Iran verantwortlich. So ist behauptet worden, die Organisation der Volksmudschahedin versorge die sunnitischen Aufständischem im Osten Irans, die Dschundullah“ (Die Soldaten Allahs), mit den Informationen, die sie für ihre Anschläge benötigten. Nach diesem Muster sei wenige Tage vor der Präsidentenwahl der Anschlag auf eine Moschee in Zahedan unternommen worden. In der irakischen Presse wurde der verhaftete Führer von Al Qaida im Irak, Omar al Bagdadi, zitiert, er sei das Bindeglied zwischen den Volksmudschahedin im Irak und den iranischen Dschundullah unter Führung des Abdalmalik Rigi.
Mitglieder der Gesellschaft für Gerechtigkeit“ erklären den Informationsfluss folgendermaßen: Da die Organisation in Iran diskreditiert sei, träten ihre Mitglieder, etwa in Zahedan, als Journalisten“ auf und würben lokale Mitarbeiter, sogenannte Stringer, an, die sie für die Beschaffung von Informationen bezahlten. Ob das stimmt oder nicht, ist nicht festzustellen. Wahrscheinlich sind die Volksmudschahedin in den Köpfen der Iraner präsenter als in der iranischen Wirklichkeit.
Text: F.A.Z.
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