Der Wahlkreis Unterems ist so ungewöhnlich, dass er schon zum Thema einer bremischen Bachelorarbeit über das Wahlverhalten geworden ist. Norden und Süden sind entlang einer scharfen Linie, die sich durch Papenburg zieht, zweigeteilt nach Konfession, Sozialstruktur, Wählerverhalten, Tradition und Geschichte. Die Linie liefert einen Gegenbeweis zur gängigen These, dass Milieus sich immer mehr auflösten, deshalb auch die Bindung an Parteien nicht mehr so eng seien.
Stets gewann hier die CDU das Direktmandat. Das war mehr als drei Jahrzehnte lang mit dem Namen Rudolf Seiters verbunden, dem früheren Bundesinnenminister und Chef des Bundeskanzleramtes. Solange er das Emsland in einem anderen Wahlkreiszuschnitt - nur der katholische, wohlhabende Süden - alleine vertrat, erreichte er Zweidrittelmehrheiten. Seit dem Neuzuschnitt des Wahlkreises 1980 - der protestantische, friesische Norden kam hinzu - ist der Abstand nur noch gering: Bei den Zweitstimmen war mal die CDU, mal die SPD stärker, bei den Erststimmen weiterhin die CDU.
Derzeit stellt der Wahlkreis drei Bundestagsabgeordnete - Gitta Connemann (CDU) wurde direkt gewählt; über die Landeslisten kamen der religionspolitische Sprecher der FDP, Michael Goldmann, und der Gewerkschafter Clemens Bollen (SPD) nach Berlin. Als dessen Nachfolger hat die SPD für die Wahl im September Keno Borde aufgestellt, mit 27 Jahren einer der jüngsten Bewerber der SPD überhaupt. Auf dem Listenparteitag setzte er sich im ersten Wahlgang mit absoluter Mehrheit gegen fünf Mitbewerber durch, unter ihnen drei Rechtsanwälte und der Konzernbetriebsrat der in der Region wichtigen Meyer-Werft - ein ernster Konkurrent für Connemann, der wie Bollen aus dem friesisch-protestantischen Norden kommt.
Die bremische Bachelorarbeit von Christian Hensen belegt, dass Konfession, Geschichte und Traditionen immer noch die Zuordnung zu den Volksparteien und, entgegen mancher Wahlforschungsansätze, auch das jeweilige politische Milieu bestimmen. In Ostfriesland um Leer herum ist die CDU in der Diaspora. Im abgeschotteten nördlichen Emsland, seit der Gründung der Bundesrepublik eine CDU-Hochburg und davor des Zentrums, gilt das für die SPD. Dabei sind die Wahlkampfthemen auf beiden Seiten der imaginären Grenze dieselben - der Bau eines Emskanals, um die Überführung der großen Kreuzfahrtschiffe von der Meyer-Werft in die Nordsee zu ermöglichen; der Schutz der Ems; der geplante Bau eines Kohlekraftwerkes in Dörpen.
Gitta Connemann hat den Wahlkreis nun zweimal direkt gewonnen, das erste Mal immerhin als Neuling gegen den deutlich bekannteren späteren Wehrbeauftragten Reinhold Robbe (SPD). Die Rechtsanwältin Connemann wurde im Bundestag bekannt als Vorsitzende der Enquetekommission "Kultur in Deutschland". Darin macht ihr aber nun ihr Gegenkandidat Konkurrenz, der schon jetzt mit ständiger Präsenz im Wahlkampf scheint - wie groß der Wahlkreis sei, merke er an der Benzinrechnung, sagt Borde, dessen Vorname Keno ein altfriesischer Häuptlingsname ist. In einem weiteren Punkt macht er Frau Connemann ebenfalls so ernsthaft Konkurrenz, dass der Wahlausgang spannend werden könnte: Auch wenn er als Juso eher zum Flügel der SPD gezählt wird, der auf sozialen Ausgleich und Gerechtigkeit setzt, ist sein äußeres Auftreten gesetzt-konservativ. Er spricht gerne von Werten und Wahrheit, was in einer trotz der sozialdemokratischen Grundstimmung im Norden traditionsverhafteten Umgebung gut ankommt. ROBERT VON LUCIUS