Von Anna von Münchhausen
31. März 2008 Den Alltag eines Nymphchens hat man sich ungefähr so vorzustellen: Während sich die vierzehnjährige Jennifer - bauchfreies Top, Minirock - morgens für die Schule fertigmacht, verfolgt sie die Unterhaltung zweier Moderatoren eines privaten Rundfunksenders. Thema: Was macht Männer mehr an, Busen, Beine oder ein knackiger Po? Im Schulbus wird das neueste Gerücht herumgereicht - Mike soll sich nach der Party am Samstagabend von Amy einen Blowjob geholt haben. Der Lehrer in der ersten Stunde ist sauer, weil auf dem Flur ein gebrauchtes Kondom gefunden wurde.
So kann es nicht weitergehen. Das jedenfalls ist die Botschaft von Carol Platt Liebau, der Autorin des kürzlich erschienenen Sachbuchs Prude: How the Sex-Obsessed Culture Damages Girls (Prüde - Wie die sexbesessene Kultur Mädchen beschädigt, Center Street, 22,99 Dollar). Jennifer, die kleine Amerikanerin, sei nämlich kein frivoler Einzelfall, sondern eine von Hunderttausenden junger Früchtchen. Von der ersten Zeile an lässt dieses in grellem Pink-Schwarz-Kontrast eingeschlagene Buch keinen Zweifel daran, dass angesichts dieser Mädchen alle Alarmglocken schrillen müssen.
Dreizehnjährige lassen sich stolz als Schlampe titulieren
Die überwältigende Lektion, die Teenagern heute ringsum vermittelt wird, lautet: Sexy sein ist das höchste Ziel, wichtiger als Intelligenz, Charakter und was eine Frau sonst noch erreichen kann, schreibt Liebau, Politologin und ehemalige Herausgeberin der Harvard Law Review. Bewunderung und Anerkennung könne ein Mädchen heute nur durch sexuell aggressives Verhalten erlangen. Als Beispiel führt sie Filme an wie Mean Girls (Girls Club - Vorsicht bissig!), Musiktitel sowie - schon leicht angestaubte - Videoclips von Britney Spears. Verwiesen wird ferner auf Pop-Heldinnen wie Christina Aguilera und Lil' Kim, denen tatsächlich wohl kaum jemand eine akademische Karriere zuordnen würde. In einer Kultur, die Paris Hilton feiert ebenso wie Stringtangas oder Songs wie 'My Humps,', in dem Busen und Hintern als Sex-Magnet gepriesen werden, gibt es für weibliche Zurückhaltung oder Werte, die nichts mit Sex-Appeal zu tun haben, nur spärliche Anerkennung, klagt Liebau. Was für Zeiten, in denen Dreizehnjährige sich stolz als slut (Schlampe) titulieren lassen.
Schade: Der Mühe, sich selbst mit jungen Mädchen zu unterhalten, um herauszufinden, was sie tatsächlich um- und antreibt, hat sich die Autorin nicht unterzogen. Dabei wäre aufschlussreich, wie repräsentativ die von ihr mit deutlicher Abscheu beschriebenen Lolitas für ihre Altersgruppe sind. Welche Rolle spielen die Alpha-Tierchen ihrer Peer Group? Ist ihre schulische Leistung wirklich allen Mädchen gleichgültig? Macht es einen Unterschied, ob sie in der Bronx oder auf einer Farm in Kansas leben? Wir erfahren es nicht. Stattdessen werden Beispiele angeführt, die aufzeigen sollen, wie tief Amerikas Jugend gesunken ist. Immer noch eine Statistik, die belegt, wie unbekümmert Vierzehnjährige ihren Mitschülern Blowjobs anbieten, wie wenig sie über Verhütung wissen, wie leichtfertig sie mit dem Aids-Risiko umgehen.
Pornographische Inhalte einen Mausklick entfernt
Wer aber hat die Girlies auf dem Gewissen? Liebau nennt zwei Verantwortliche. Zum einen sind es - wenig überraschend - die Medien, die rücksichtslos manipulieren und falsche Vorbilder präsentieren, Prominente beiderlei Geschlechts in erster Linie, die sich aufreizend kleiden, obszöne Worte benutzen und mit heißen Affären prahlen. Die Werbung sei Vorreiter der schleichenden Sexualisierung und führe reihenweise vulgäre rolemodels vor, so etwa die Anzeigen des besonders die jugendliche Klientel faszinierenden Textil-Labels Abercrombie & Fitch. Kontakt-Networks lüden zu exhibitionistischer Selbstdarstellung ein, in den Chatrooms des Internets würden Vor- und Nachteile sexueller Praktiken bis in alle Einzelheiten erörtert. Websites mit pornographischem Inhalt seien ohnehin stets nur einen Mausklick entfernt.
Schuld sollen zum anderen aber auch wieder einmal die Mütter sein. Zu bequem, um Verbote durchzusetzen. Selbst zu sehr dem Jugendwahn verfallen, um traditionelle Werte vorzuleben. Und nicht zuletzt zu kurzsichtig, um ihre Töchter davor zu schützen, sich kopfüber in die Zügellosigkeit zu stürzen. Unberücksichtigt bleibt dabei, welche psychologischen, emotionalen und physischen Folgen es für Mädchen hat, die zu früh zu viel von sich hergeben. Die Konsequenzen - Geschlechtskrankheiten, ungewollte Schwangerschaften und auf lange Sicht verpfuschte Lebensläufe - beschreibt Liebau in aller Ausführlichkeit.
Eine leicht hysterisch getönte Abhandlung
Beim amerikanischen Bildungssystem allerdings hält sie sich nicht lange auf. In zahlreichen Bundesstaaten haben fundamentalistisch orientierte Elternverbände inzwischen erreicht, dass der Aufklärungsunterricht in den Schulen weitgehend abgeschafft wurde. Dabei ist unter Fachleuten unumstritten, dass mangelhaft bis gar nicht aufgeklärte Jugendliche eher bereit sind, sich selbst schlauer zu machen und auf riskante Sexualpraktiken einzulassen.
Man könnte Liebaus leicht hysterisch getönte Abhandlung zweifellos als Beispiel religiös fundierter Prüderie abtun. Im Land der Pilgrim-Väter sind rigide moralische Standards schließlich gang und gäbe. Man erinnere sich an den braven Justizminister John Ashcroft, der sich vor einer steinernen Statue der Rechtsgöttin Justitia erst fotografieren ließ, nachdem ihr die Brust verhüllt worden war. Aber wahrscheinlich greift eine solche Einordnung von Liebaus Gesellschaftskritik zu kurz. Die Autorin, Jahrgang 1967, gibt sich schließlich auch als enttäuschte Feministin zu erkennen. Seit vier Jahrzehnten kämpfen Frauen um gleiche Löhne, um geteilte Familienarbeit und Teilhabe an der Macht - soll das alles umsonst gewesen sein? Entsetzt konstatiert sie, dass sich die Enkelinnen von Betty Friedan und Gloria Steinem, den Vorkämpferinnen der Frauenbewegung, freiwillig und ohne Not die uralten Verhaltensmuster der Weibchen-Rolle wieder aneignen. Sind und bleiben Frauen das männliche Lust-Objekt?
Zu viel Haut und zur Schau getragener Babyspeck sind untersagt
Vielleicht sollte an dieser Stelle kurz daran erinnert werden, dass Sex im Leben von Halbwüchsigen eine ziemlich bedeutende Rolle spielt, und zwar unabhängig davon, wie freizügig oder verklemmt die Gesellschaft ringsum agiert. Pubertätserprobten Eltern ist nicht neu, dass fünfzehnjährige Töchter morgens mindestens eine Stunde benötigen, um sich herzurichten. Dass sie dabei gern auch mal ordentlich danebengreifen, sich etwas schärfer aufbrezeln als angemessen, gehört zum Lernprozess dazu. Konsequenterweise gibt es in manchen Schulen daher inzwischen eine Art Dress-Code, der zu viel Haut und zur Schau getragenen Babyspeck untersagt. Irgendwann ist diese offenbar notwendige Entwicklungssphase abgeschlossen, und man kann sich ernsthafteren Fragen zuwenden. Der Ausbildung, dem Studium, der Zukunft zum Beispiel.
Zumindest in Deutschland entsprechen Studien und Untersuchungen denn auch überhaupt nicht den Beobachtungen der Prude-Autorin. Angesichts der Möglichkeiten im Hinblick auf Ausbildung und Berufschancen, die dem Nachwuchs geboten werden, ist Pessimismus fehl am Platz. Junge Mädchen haben bessere Noten als die gleichaltrigen Jungen, und nicht weniger als 57 Prozent der Abiturienten eines Jahrgangs sind heute weiblich.
Ich weiß, dass ich gut bin
Soeben hat das Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung und das Sozialforschungsinstitut infas im Auftrag der Frauenzeitschrift Brigitte mehr als tausend junge Frauen nach ihren Lebensentwürfen befragt, darunter auch die Altersgruppe der Siebzehn- bis Neunzehnjährigen. Diese Mädchen sind zielstrebig und selbstbewusst, was ihre Lebensplanung angeht. Sie wollen Geld verdienen, allerdings irgendwann auch eine Familie gründen. Beides zu vereinbaren, trauen sie sich ohne weiteres zu. Wenn es in ihrem jungen Leben Niederlagen gab, scheinen sie gut verarbeitet worden zu sein, denn ihr Selbstbewusstsein kennt keine Einschränkung: Ich weiß, dass ich gut bin, sagen mehr als 90 Prozent der Befragten. Jede vierte Schülerin kann sich vorstellen, später im Job einmal Führungsverantwortung zu übernehmen. Berufliche Diskriminierung oder Schönheitsterror? Nichts, worüber sie sich groß den Kopf zerbrechen, und bange machen lassen sie sich schon gar nicht.
An Männern richten sich Wünsche und Sehnsüchte dieser Mädchen höchstens zeitweise aus: Nett, fürsorglich und gehorsam zu sein - daran glauben sie nicht, sagt die Soziologin Jutta Allmendinger, die die Studie geleitet hat. Der Mann fürs Leben sollte sich irgendwann blicken lassen, aber die eigene finanzielle Unabhängigkeit und eine gute Ausbildung keinesfalls ersetzen.
Prüde sein - und stolz darauf obendrein
Richtig ist allerdings, dass die große Freiheit und die vielen Chancen auch Entscheidungen erfordern - anders als noch vor dreißig, vierzig Jahren, als Jugendlichen ein fester Kanon von Verhaltensnormen und Wertmaßstäben vermittelt wurde. Hinzu kommt, dass die Pubertät, jene Lebensphase, in der Identität und Autonomie entwickelt werden, immer früher einsetzt. Dieses Großwerden im Eiltempo verunsichert Erwachsene wie Jugendliche gleichermaßen. Insbesondere verringere es die Chancen, in Ruhe nachzureifen, wie Michael Schulte-Markwort schreibt, Professor für Kinder- und Jugendpsychosomatik an der Universität Hamburg. Die forcierte Beschleunigung birgt die Gefahr, dass sie sich zunächst erwachsener verhalten, als sie es aufgrund ihrer psychischen Konstitution wirklich sind.
Amerika, so schließt Liebaus Abhandlung, solle endlich aufwachen und seinen süßen Mädels wieder beibringen, prüde zu sein - und stolz darauf obendrein. Es ist nie zu spät, sich im Kampf um Amerikas Zukunft zu engagieren und auf einer Kultur zu bestehen, die Sexualmoral hochhält und ihre Jugend schützt.
Fraglich, ob das reicht, um den amerikanischen Traum dieser Generation Wirklichkeit werden zu lassen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.03.2008, Nr. 13 / Seite 53
Bildmaterial: AFP, AP
