20. Februar 2007 Im Geburtsvorbereitungskurs lernt ein werdender Vater, wie er das Neugeborene badet. Plagt ihn die Sorge, das Kleine ungeschickt anzufassen, hilft ein Baby-Schwimmkurs. Kommt er abends erst nach Hause, wenn der Nachwuchs schon schläft, holt er beim Vater-Kind-Wochenende die versäumte Spielzeit mit Indianergeheul und Kletterkursus nach. Und sollte er einmal gar nicht wissen, womit er seinem Nachwuchs eine Freude bereiten könnte, findet er Hilfe im Väter-Online-Shop - in Deutschland erleben Vater-Kind-Angebote derzeit einen Boom.
Neue Väter brauche das Land, verkündete schon im November 2005 die designierte Familienministerin Ursula von der Leyen - und fordert seither ein Ende der vaterlosen Gesellschaft. Wenn Männer sich künftig nicht genauso an der Erziehung ihrer Kinder beteiligen wollten wie Frauen, fänden sie keine Partnerin mehr, prophezeit die Ministerin. Partnerschaftlich orientiert, offen für Erziehungszeiten, geduldig und ihrem Kind zugewandt sollen die neuen Väter sein. In anderen europäischen Ländern gilt ein Vater, der sich nicht für seine Kinder interessiert, als unschicklich - nun ist dies offenbar auch in Deutschland der Fall.
Mindestens einem Kind im Haushalt
Jeder zweite Mann in Deutschland zwischen 35 und 40 Jahren lebt mit mindestens einem Kind im Haushalt zusammen. Wieviele von diesen Vätern das Label neu verdienen, ist ungewiss. Verschiedene Indizien weisen jedoch darauf hin, dass die Bereitschaft, nach neuem Leitbild zu leben, steigt: Der Anteil der Väter, die in Elternzeit gehen, ist seit dem Jahr 2001 von zwei auf rund fünf Prozent gestiegen. Laut einer Umfrage der Zeitschrift Eltern sind die Väter von heute ihren Kindern so nah wie keine Generation vor ihnen. Zu einem ähnlichen Ergebnis gelangten auch die Frankfurter Soziologen Andrea Bambey und Hans-Walter Gumbinger in ihrer jüngst abgeschlossenen Studie Neue Väter - andere Kinder?, für die sie 1500 Väter von Grundschulkindern befragten. Als resistent gegen die Aufweichung traditioneller Geschlechterrollen outeten sich aber immerhin fast 18 Prozent: Für sie ist Kindererziehung reine Frauensache. Rund 28 Prozent der Männer entsprechen dagegen dem Leitbild des neuen Vaters.
Einer von ihnen ist Andreas Beune. Seit fünf Monaten beginnt der Arbeitsalltag des freiberuflichen Autors erst um 17 Uhr, wenn seine Freundin von der Arbeit nach Hause kommt. Bis dahin steht der Fünfunddreißigjährige nur seinem Sohn Simon zur Verfügung; wickelt, wäscht, füttert, trocknet Tränen und pendelt zwischen Spielplatz und Krabbelgruppe hin und her. Das erste Jahr hatte seine Freundin das Kind betreut, dann kehrte sie in ihren Beruf als Werbetexterin zurück. Bis dahin hatte Andreas Beune im Kinderzimmer hauptsächlich assistiert. Als Vollzeit-Papa lernte er eine neue, schwierige, doch auch bereichernde Form der Verantwortung kennen: Es ist ein großer Unterschied, ob man nur der im Familienalltag nicht präsente Geldbeschaffer ist, oder derjenige, der darauf achtet, dass das Kind satt ist, schläft oder sich nicht weh tut. Freundlich und neugierig hätten die Frauen in der Krabbelgruppe reagiert, als statt seiner Freundin plötzlich ein Mann in ihrem Kreis saß - in kleineren Städten wie Bielefeld, wo das Paar lebt, sind Vollzeit-Väter noch eine Seltenheit. Vor allem aber waren die Frauen froh, dass endlich einmal ein Mann ihren täglichen Einsatz wertschätzen konnte. Sie helfen, wenn Andreas mit seinem Baby-Latein am Ende ist. Der Austausch ist ganz wichtig, wenn man Neuland betritt, sagt er.
Es bleibt bei der Wunschvorstellung
Immer mehr Männer wollen engagierte Väter sein. Es bleibt jedoch bei der Wunschvorstellung, wenn die Emanzipation von der traditionellen männlichen Vaterrolle nicht wirklich gelingt: Gesellschaftliche Leitbilder verändern sich schneller als Geschlechteridentitäten; viele Männer hinken der Entwicklung hinterher. Das zeichnete sich auch in der Studie der Frankfurter Soziologen ab: Der sogenannte fassadenhafte Vater (25 Prozent), wie Gumbinger und Bambey diesen Typ Vater nennen, will für sein Kind da sein und verurteilt das traditionelle Rollenmodell. In der Praxis jedoch überlässt er den Nachwuchs meistens der Mutter: Er fühlt sich in Erziehungsfragen überfordert und reagiert hilflos, wenn es um das Lösen von Aufgaben im Haushalt geht. Das Vaterbild vieler Männer ist kognitiv geprägt, erklärt Gumbinger. Sie haben keine eigenständige Haltung, sondern suchen eine Position zwischen den Erwartungen ihrer Partnerinnen und dem gesellschaftlichen Leitbild von Vaterschaft. Mitverantwortlich für das Scheitern vieler Männer am eigenen Ideal scheint mitunter aber auch die Partnerin zu sein: Jeder zehnte Befragte gab an, von seiner Lebensgefährtin nicht akzeptiert zu werden, wenn es um Erziehungsfragen geht. Bei rund zwölf Prozent der befragten Männer führt der innere Widerstreit zwischen der neuen und traditionellen Rollenerwartung zu einer Unsicherheit, die sich in Gereiztheit und Ungeduld gegenüber dem Kind entlädt.
Der Geist ist willig, doch die eigene Sozialisationserfahrung wiegt schwer. Den meisten jungen Vätern fehlt es an Vorbildern in der eigenen Familie, wie sich Vaterschaft ganzheitlich leben lässt. Sie gehören einer Generation an, deren Väter als Brötchenverdiener sehr viel weniger Zeit mit dem Nachwuchs verbrachten als die Hausfrauen-Mütter. Das männliche Rollenrepertoire, das sie auf diese Weise in ihrer Kindheit kennenlernten, sieht Verantwortung bei der Erziehung und emotionale Nähe zwischen Papa und Kind nur in minimalen Dosen vor - und dann vor allem auf traditionell männlichen Gebieten wie Sport und Technik. Unbewusst greifen die Jungen von damals bei der Erziehung der eigenen Kinder auf diese Erfahrung zurück - was man als Kind und Jugendlicher lernt, hält unter Umständen ein Leben lang. Sich davon zu lösen erfordert einen tiefen Reflexionsprozess. Viele der Männer, die das neue Leitbild leben, nannten als Motivation den Wunsch, es besser zu machen als der eigene, fast immer abwesende Vater, erzählt Andrea Bambey. Die Kinder, glaubt sie, werden es ihnen danken: Psychologen haben festgestellt, dass der Vater für ein Kind fast ebenso wichtig ist wie die Mutter. Bleibt er auf Distanz, kann er zur Traumfigur werden, die alle Probleme lösen soll. Oder aber zum Feindbild, das für alle Miseren verantwortlich gemacht wird.
Schluss ist, wenn die Hebamme abpfeift
Bücher mit Titeln wie Der Bauch ist rund - und Schluss ist, wenn die Hebamme abpfeift, Sie bekommt ein Baby - und ich die Krise oder Bleib locker, Papa, verstopfen die Regale der Ratgeberliteratur und finden großen Absatz. Dass es auch etwas unaufgeregter gehen kann, beweisen Initiativen wie Väter e. V. in Hamburg. Volker Baisch hat den Verein im Jahr 2001 gegründet. Als der Leiter einer Jugendeinrichtung sich Elternzeit nahm, suchte er zum Erfahrungsaustausch nach anderen Vollzeit-Vätern - seine ehemaligen Kollegen standen als tägliche Gesprächspartner kaum mehr zur Verfügung oder fanden keinen Zugang zu der Welt, die sich dem Vater durch den Alltag mit seinen zwei Kindern erschloss. Immer mehr Väter wollen nicht nur Erzeuger sein, sondern Vaterfigur. Das Problem ist aber, dass viele Männer eine engagierte Vaterschaft nicht mit Männlichkeit verbinden. Sie fürchten, nicht mehr als ganze Kerle zu gelten, wenn sie traditionell weibliche Aufgaben wie Wickeln oder Füttern übernehmen und beim Spielen mit dem Kind ihre weiche Seite zeigen. Dabei ist auch das eine Facette von Männlichkeit, sagt Baisch. Mit dem Slogan Für Männer, die Väter sind will sein Verein für die Vereinbarkeit von Mann-Sein und Vaterschaft werben. Baisch, der auch Mitbegründer des bundesweiten Netzwerkes Väter-Experten-Netz-Deutschland ist, berät Unternehmen bei der Einführung von familienfreundlichen Teilzeitmodellen und Väter, die ihre Arbeitszeit flexibilisieren oder in Elternzeit gehen möchten. Achtzig bis neunzig Prozent der Gespräche, die seine Klienten mit ihren Arbeitgebern wegen Elternzeit führen, verlaufen nach der Beratung erfolgreich. Viele Väter seien überrascht, wie bereitwillig ihr Chef dem Wunsch nach Erziehungszeit zustimmt.
Studien haben gezeigt, dass Väter nach der Geburt des Nachwuchses nicht weniger, sondern mehr arbeiten. Zu Hause fühlen sie sich überflüssig, also machen sie sich am Arbeitsplatz unentbehrlich. Gleichzeitig wiegt die Verantwortung, allein eine Familie ernähren zu müssen, schwer. Viele Männer sind überrascht, wie sehr ihre Partnerinnen nach der Geburt vom Kind in Beschlag genommen werden - für den Vater bleibt da wenig Spielraum, sagt Baisch. Wenn der Vater nicht die Möglichkeit nutze, durch einen engen Kontakt zum Kind ähnliche Erfahrungen wie die Mutter zu machen, drohe die Entfremdung von Frau und Kind. Entscheidet sich ein Vater dafür, in Elternzeit zu gehen, hat er oft nur sehr vage Vorstellungen, wie diese Monate aussehen sollen, weiß Baisch aus seiner Beratertätigkeit. Die Väter beschäftigten ganz andere Fragen: Wie sage ich's meinem Chef? Akzeptiert er mich noch als Mann, der Karriere machen will? Oder gelte ich im Betrieb von nun an als Weichei?
Elternzeit oder Teilzeitmodell?
Baisch hilft den Männern, sich darüber klarzuwerden, wie lange ihre Elternzeit dauern soll oder ob ein Teilzeitmodell nicht sinnvoller wäre. Außerdem errechnet er finanzielle Einbußen - und inwieweit die Haushaltskasse sie trägt. Im zweiten Schritt werden die Aufgabengebiete am Arbeitsplatz resümiert und überlegt, welche Kollegen diese und laufende Projekte übernehmen könnten. Dann gilt es, das Umfeld am Arbeitsplatz zu analysieren: Wer könnte gegen die Elternzeit Stimmung machen? Wer gilt als Fürsprecher? Was für Argumente braucht der Chef, damit er gern zustimmt? Die Reaktion des Unternehmens hänge weniger von der Branche und strukturellen Zwängen am Arbeitsplatz ab, als mehr von der Unternehmenskultur und der persönlichen Erfahrung des Vorgesetzten, weiß Baisch. Das Thema ist hochemotional besetzt. Ein konservatives Männerbild, Neid oder ein schlechtes Gewissen, bei den eigenen Kindern versagt zu haben, können dazu führen, dass der Vorgesetzte abwehrend reagiert, sagt er. Ein Personalchef, der selbst Vater und nicht vom klassischen Familienmodell Mama bleibt zu Hause geprägt sei, stimme dem Wunsch nach Elternzeit bereitwilliger zu.
In skandinavischen Ländern, wo es die Elternzeit schon seit den achtziger Jahren gibt, ist es selbstverständlich, dass Männer sich der Erziehung ihrer Kinder widmen. Aktive Vaterschaft ist ein männliches Statussymbol. Viele Unternehmen stellen nur Väter ein, die sich schon einmal während eines längeren Zeitraums aktiv um die Erziehung gekümmert haben. In Deutschland gilt dagegen noch immer die Mutter als Heldin der Familie - Männlichkeit misst sich bei uns vor allem an beruflichem Erfolg. Väter, die ihre Arbeit zugunsten ihrer Vaterrolle einschränken, sind oft mit offener Missbilligung konfrontiert. Noch mangelt es in großen Unternehmen an Vorbildern, dass es auch anders gehen kann. Doch ein Umdenken zeichnet sich bereits ab: Immer mehr Führungskräfte erkennen das Potential, das sich mit der Familienkompetenz von Mitarbeitern verbindet: Ein Mann, der gelernt hat, die Bedürfnisse seiner Kinder zu erkennen, reagiert sensibler auf die Wünsche von Geschäftskunden. Und wer schon einmal mit dem Baby auf dem Arm kochen und bügeln musste, bewältigt auch Multitasking im Büro.
Für ein neues Rollenverständnis
Die Commerzbank hat den Arbeitskreis Fokus Väter eingerichtet, der für ein neues Rollenverständnis wirbt. Bei Ford werden Mitarbeiter mit dem Workshop Neue Väter - Verpasse nicht die Rolle deines Lebens zur Elternzeit motiviert. Beim Flugzeughersteller Airbus wird Baisch demnächst die gesamte Führungsebene in familienfreundlichen Unternehmensstrategien coachen. Das Unternehmen musste die Erfahrung machen, dass ein Ingenieur aus Toulouse irritiert reagiert, wenn er beim Bewerbungsgespräch auf seine Frage nach familienfreundlichen Maßnahmen nur Schulterzucken erntet.
Forscher der TU Darmstadt haben herausgefunden, dass Väter, die im Bereich Technik und Naturwissenschaft arbeiten, erfolgreicher sind als ihre kinderlosen Berufsgenossen. Sie verdienen besser und verantworten mehr Personal und Budget. Gleichzeitig zeigte eine Studie von Managementwissen online, dass neunzig Prozent der in Vollzeit arbeitenden Väter das Gefühl der Überforderung kennen. Väter, die in Führungspositionen tätig sind, leiden eher unter dem Burn-out-Syndrom als Führungskräfte ohne Kinder. Besonders in den ersten zwei Lebensjahren des Kindes ist die Gefahr groß: Die Eltern schlafen wenig, und Ruhephasen am Wochenende fallen weg. Sie können die Qualität ihrer Arbeit nur aufrechterhalten, wenn ihr Unternehmen sie durch kinderfreundliche Teilzeitmodelle entlastet. Dann verbringen sie zwar weniger Stunden an ihrem Arbeitsplatz, doch dafür konzentriert.
Der amerikanische Männerforscher Michael Kimmel hat unlängst festgestellt, dass ein anderes Mann-Sein nur Bestand haben kann, wenn die Politik entsprechende Rahmenbedingungen schafft. Das im Januar eingeführte Elterngeld ist gewiss ein erster Schritt in diese Richtung. Doch Emanzipation funktioniert nur, wenn der Mann nicht nur als Behandelter, sondern auch als Handelnder auftritt. Anders als in Skandinavien wird die Gleichstellungs- und Familienpolitik in Deutschland überwiegend von Frauen gemacht, die auf dem langen Weg zu mehr Gleichstellung gelernt haben, Wünsche zu definieren und flexibel auf Rollenerwartungen zu reagieren. Kampagnen und Initiativen, an denen Männer sich maßgeblich beteiligen, sind dagegen rar. Anstatt sich selbst zu engagieren, reagieren viele Männer träge oder fühlen sich in die Defensive gedrängt. Für Volker Baisch ist das ein fataler Reflex: Der gesellschaftliche Wandel hat gerade erst begonnen und bietet unendliche Chancen. Wer etwas verändern will, muss am Ball bleiben!
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.02.2007, Nr. 7 / Seite 55
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