Scheidungsväter ohne Rechte

Im Namen des Erzeugers

Von Andreas Rosenfelder

20. Dezember 2005 Für diese Tage kündigt ein Kleinstverlag aus Schrobenhausen ein Taschenbuch mit dem Titel „Die Ohnmacht der Väter“ an. Es zeigt auf dem Titel einen Mann mit tränenüberströmtem Gesicht und trägt eine Bauchbinde mit der Aufschrift „Frauen Leseverbot“. Die Kapitel tragen Überschriften wie „Männer in der Scheidungsfalle“, „Unterhalt/Sklavenmoral“, „Kindesentfremdung“ oder sogar „Handbuch der Rache“. Das Buch eines Feuerwehrmanns aus Pfaffenhofen speist sich offenbar teils aus Lebenserfahrung, teils aus Internetquellen und fällt wohl in die obskure Gattung des grauen Textes.

Keine Frage, so sieht ein Manifest im Geschlechterkampf aus. Doch wer eine Antwort darauf sucht, warum laut einer jüngst veröffentlichten Studie des Familienministeriums nur noch jeder zweite Mann die Vaterschaft als notwendigen Teil des Lebensglücks betrachtet, darf solche Pamphlete nicht reflexhaft als frauenfeindliche Ausfälle verbuchen. Handkopierte Broschüren aus den Frühzeiten des Feminismus, als Lohn für Hausarbeit und Entwaffnung von Vergewaltigern gefordert wurden, lasen sich ganz ähnlich.

Symbolische Martyrien und viel Skurriles

Bislang dringt das Unbehagen geschiedener und getrennter Väter meistens in klandestinen und skurrilen Formen an die Öffentlichkeit. Zwar existieren medienwirksame Lobbys wie die britischen „Fathers 4 Justice“, die im Frühjahr ein Banner mit der Parole „Im Namen des Vaters“ an der Kuppel der Londoner Saint Paul's Cathedral anbrachten, um für ein gerechteres Umgangsrecht zu demonstrieren. Auch marschieren Prominente wie der James-Bond-Darsteller Pierce Brosnan oder der Schauspieler Mathieu Carriere in den Reihen der Väterbewegung.

Carriere ging im vergangenen Winter sogar für zehn Tage ins Gefängnis, anstatt ein Ordnungsgeld von 5000 Euro zu zahlen: Seine Exfrau hatte ihn verklagt, weil er sich in der Öffentlichkeit mit der gemeinsamen Tochter ablichten ließ. Doch diesseits solcher symbolischer Martyrien besteht die sichtbare Welt der Scheidungsväter aus unübersichtlichen Internetseiten, aufgeheizten Diskussionsforen und Sammlungen anonymer Fallgeschichten.

Fast die Hälfte sieht die Kinder kaum noch

Allerdings sollte der Wildwuchs dieser selbstgebastelten Protestkultur niemanden dazu verleiten, das Thema als Randgruppenanliegen abzutun. Da fast jede zweite Ehe geschieden wird und die Kinder nur in jedem siebten Fall beim Vater verbleiben, kann sich jeder Mann das mit dem Zeugungsakt eingegangene Risiko ausrechnen, später zur Kategorie der Scheidungsväter zu gehören.

Der Bremer Soziologe Gerhard Amendt, Zwillingsbruder des linken Sexualforschers Günter Amendt, legte vor einem Jahr die erste empirische Studie zum Thema vor. Fast die Hälfte der 3600 befragten Männer sieht die eigenen Kinder nach der Trennung nur noch selten oder gar nicht mehr. 42,1 Prozent betrachten sich als bloße „Wochenendväter“, 24,9 Prozent empfinden sich als „Zahlväter“, und zehn Prozent fühlen sich ihrer Vaterrolle vollständig beraubt.

Spätfeministische Vorurteile wirken nach

Amendt sieht im Extremfall der Scheidung den „Kristallisationspunkt“ eines sozialen Klimas, das im Normalfall nicht ins Leben hineinstrahlt. „In der Partnerschaft spielt der Genderdiskurs keine Rolle, verdichtet sich nicht zur sozialen Erfahrung.“ Erst mit dem Eintreten der Trennung manifestiere sich eine „ideologische Präferierung von Frauen und Müttern“, deren Wurzeln in der Geschlechterpolitik der siebziger Jahre liegen. Während die Ernährerfunktion nach der Scheidung juristisch aufrechterhalten werde, stehe die „Selbstverständlichkeit der Väterlichkeit“, welche die Sorge für die eigenen Kinder einschließe, plötzlich in Frage.

Obwohl seit der Liberalisierung des Familienrechts im Jahr 1998 auch bei unverheirateten Paaren das gemeinsame Sorgerecht möglich ist, prägen laut Amendt immer noch „spätfeministische Vorurteile“ die Praxis auf Jugendämtern und bei Familiengerichten. Als Gutachterinnen träten durch die Genderforschung sozialisierte Sozialpädagoginnen auf, die besonders Unterschichtmännern stets die Rolle der Täter zuwiesen. Während juristisch längst das „Zerrüttungsprinzip“ in Kraft sei, bilde das „Täter-Opfer-Denken“ immer noch das gängige Schema zur Handhabung von Scheidungsfällen. Alleinerziehende Mütter werden pauschal als Opfer betrachtet.

Scheidung perfektioniert Rollenteilung

Amendt sieht in dieser Asymmetrie einen wichtigen Grund für sinkende Geburtenraten: „Die Widerwärtigkeit, welche die Scheidung im öffentlichen Diskurs hat, wirkt abschreckend.“ Mit der Ehe beträten Mann und Frau einen „ideologischen Raum“, der „etwas unglaublich Bedrohliches“ habe. Tatsächlich bringt das praktizierte Mutterrecht nach der Scheidung genau jene Rollenteilung zur Perfektion, welche das von der Emanzipationsbewegung bekämpfte Ehemodell vor der Scheidung vorsah: Die Mutter hütet als sorgende Instanz den Innenraum, der Vater kreist als reiner Versorgungsfaktor im Außenraum.

Holger Schuster (alle Namen geändert) ist Medienschaffender in einer deutschen Metropole und lebt erst seit wenigen Monaten getrennt von seiner Exfreundin und der gemeinsamen Tochter. Er meidet - wie wohl die Mehrheit der Trennungsväter - die einschlägigen Internetforen und Männerkreise. Nicht, weil er ihr Anliegen nicht teilen würde. Sondern weil er die eigene Verbitterung nicht kultivieren möchte: „Wut ist eine Katastrophe.“ Der Enddreißiger hat am Wochenende ein Seminar für Iyengar-Yoga besucht. Er beschäftigt sich mit Zen, übt sich im Schweigen und in der Entleerung des Bewußtseins. Seit der Trennung gestattet ihm seine Expartnerin, die zweijährige Tochter jede Woche für anderthalb Tage zu sehen und einmal zum Kindergarten zu bringen. Würde er bei dieser Regelung nicht mitspielen, entzöge ihm die Mutter das Sorgerecht. „Es ist der totale Albtraum. Ich leide sehr, weil ich ganz anders leben wollte.“

Keine Rechte und ein Katalog von Pflichten

Als unverheirateter Vater befindet sich Schuster in einer juristischen Randposition. Nur per Zufall erfuhr er während der Schwangerschaft, daß Nichtverheiratete zum Amt müssen, um das gemeinsame Sorgerecht zu vereinbaren. „Ich habe immer gedacht, das wäre ein grundlegendes Menschenrecht.“ Tatsächlich aber sei durch die Vaterschaft ausschließlich ein „Katalog von Pflichten“ garantiert: Das Sorgerecht muß die Mutter dem Vater ausdrücklich verleihen. Schon während der Schwangerschaft führte dieses Machtgefälle zu einer schweren Krise: Nachdem ein Streit um den Kindesnamen und die Taufe nur mühsam eine Einigung gefunden hatte, wollte die Mutter das gemeinsame Sorgerecht aus Angst vor weiteren Konflikten nicht einräumen. Nur mit der Ankündigung, die Beziehung andernfalls zu beenden, erstritt sich der Vater sein Recht auf Vaterschaft.

Nach der Geburt teilten Holger Schuster und seine Exfreundin die Sorge auf und schufen, beide Freiberufler, „fast eine Fifty-fifty-Situation“ - mit leichtem Ungleichgewicht durch die Stillzeiten. Jeden Tag trug Schuster seine Tochter ein paar Stunden durch die Wohnung. Sofort nach der Trennung aber ging die Exfreundin mit der Tochter für zehn Tage zu ihren Eltern ans andere Ende der Republik und beanspruchte trotz des gemeinsamen Sorgerechts, das weder Vater noch Mutter privilegiert, die alleinige Zuständigkeit.

Vom Alltagsvater zum Besuchsvater

Da Schuster weder jene besitznehmende Gewalt ausüben wollte, mit welcher die Mutter vollendete Tatsachen schuf, noch sein Sorgerecht auf Kosten der Tochter vor Gericht einklagen wollte, lebt er seine Vaterschaft jetzt in schmalen Zeitfenstern aus: „Ich war ein Alltagsvater, jetzt bin ich ein Besuchsvater.“ Die subtile Sprachentwicklung der Tochter zieht im Zeitraffer an ihm vorbei, und für Erfahrungen wie einen gemeinsamen Gang zur Post bleibt in den kostbaren Stunden kein Raum. „Ich versuche jetzt, meine Gedanken zu ändern“, sagt Schuster und kommt wieder beim Buddhismus und beim Christentum an: „Ja zu sagen, als hätte ich selber es so gewollt.“ Vielleicht ändere ja die Tochter als schwächster Teil des Dreiecks eines Tages das Ungleichgewicht.

Daß die kulturelle Praxis die Scheidungsväter in Paradoxien zwingt, die nur durch geistige Exerzitien aufzulösen sind, weiß auch der Philosophielehrer Thomas Berg aus Köln. „Wer sagt, daß er sich nicht um das Kind kümmern will, hat die besten Karten. Aber wehe, du gibst das Signal, daß du bereit bist!“ Der Mittfünfziger, der fünf Monate nach der Geburt seines Sohnes von Frau und Kind verlassen wurde, hat in „albtraumhaften Nächten“ versucht, den Wunsch nach Nähe zu seinem Sohn abzutöten: „Ich kann es nicht, ich bleibe bei der Wahrheit.“ Selbst wenn er von den anderthalb Stunden pro Woche spricht, welche die Exfrau ihm anfangs zugestand und in denen er nur eine „olfaktorische Beziehung“ zum meistens schlummernden Kind aufbauen konnte, ist das Glück dieser unwirklich kurzen Zeiträume zu spüren.

„Papa, Lukas hat gekämpft!“

Berg besitzt zwei dicke Leitz-Ordner, die den juristischen Schriftverkehr im Streit um das Umgangsrecht enthalten. Er hebt sie auf für den Fall, daß sein Kind später einmal nachfragt. „Psychoanalytisch gesehen, haben Kinder auch das Gefühl, daß derjenige, der ohnmächtig diesem Treiben zusieht, sie im Stich läßt.“ Im Sommer zog sein sechsjähriger Sohn mit der Mutter ins Ausland - für viele Scheidungsväter die größte Angst. Ein Wochenende im Drei-Wochen-Turnus gestand das Gericht Berg zu. Die Flugkosten zehren die letzten Mittel auf, die dem Beamten nach Zahlung des Unterhalts verbleiben. Kürzlich kam der Sohn, nachdem die Mutter seine Reise wegen schlechten Wetters absagen wollte, am Düsseldorfer Flughafen an und sagte: „Papa, Lukas hat gekämpft!“ Die Rede in der dritten Person zeigte dem Lehrer, daß sein Sohn sich zwischen den geschiedenen Eltern wie ein Fremder vorkommt.

Berg hatte vor der Geburt seines jüngsten Sohnes schon eine Scheidung hinter sich und hat kein sehr romantisches Vaterschaftsbild mehr, zur familienrechtlichen trete die sozialökonomische Erniedrigung. Seinen Kindern aus erster Ehe konnte er nach der Scheidung nur Zelturlaub und Nudeln auf dem Campingkocher anbieten, während sie mit der Mutter zum Urlaub auf einer Finca flogen. „Die Emanzipation ist auf diesem Feld zu einem reinen Machtfaktor geworden.“ Thomas Berg hat seine Konsequenzen gezogen: Er ließ sich nach der schmerzhaften Erfahrung sterilisieren.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, picture-alliance / dpa/dpaweb

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