Kinder und ihre Eltern

Das schönste Kuscheln der Welt

Von Cornelia von Wrangel

Akin

Akin

17. Mai 2007 Es ist eine traurige Geschichte, die aber glücklich endet. „Vati, gehst du mit mir angeln?“ „Keine Zeit, Peter.“ „Mutti, spielst du mit mir?“ „Keine Zeit, Peter.“ „Oma, erzählst du mir eine Geschichte?“ „Keine Zeit, Peter, später.“ Peter versteht das alles nicht. Schließlich gibt es doch so viel Zeit. Also beschließt er, sie zu sammeln, sie aufzuheben in einem Schuhkarton, bis er groß ist. Nur aus einem Grund: Damit er, wenn er erwachsen ist, immer das garantiert hat, was die jetzigen Erwachsenen überhaupt nicht zu haben scheinen: Zeit.

Karin Kirsch ist seit fast dreißig Jahren Lehrerin, sie liebt Kinder und ihren Beruf. Und diese Geschichte von Helga Höfele. An diesem Morgen liest Frau Kirsch sie Zweitklässlern vor. Deutschunterricht in einer Grundschule in Frankfurt. Gut zwanzig „Minis“, alle sieben und acht Jahre jung, sitzen auf ihren Ministühlen im Kreis und sagen keinen Ton. Hören ihrer Lehrerin zu, hören, wie Peter von nun an alle Stunden und Minuten ausschneidet, von denen er in der Zeitung liest.

Zeit in einer Schachtel

Wenn der Zug drei Stunden Verspätung hat oder der Präsident zwei Minuten im Fernsehen spricht. Hören, wie er seine Zeit manchmal zusammenzählt, auf achtzig Stunden und drei Minuten kommt, und wie er einer eiligen Mutter Zeit anbietet, die ihre zwei Kinder gerade von einem Spielzeugschaufenster wegzerrt und nur sagt: „Quatsch, Zeit in einer Schachtel, du glaubst wohl noch an Märchen.“ Oder einem Liebespaar, einem Automechaniker - und seinem Vater, der noch im Büro sitzt. Da hat Peter in seinem Schuhkarton 240 Stunden und acht Minuten zusammen. Dieser Vater versteht, nimmt zwei wertvolle Stunden aus der Schachtel, steckt sie in seine Brieftasche - und geht mit seinem Sohn angeln.

Frau Kirsch kennt die Wirkung dieser Geschichte, sie geht ans Gemüt. Wie es sich im Deutschunterricht gehört, macht sie erst einmal Textanalyse. „Warum hat der Vater so lange in die Schachtel geschaut?“, fragt sie beispielsweise. Irgendwann fragt sie aber auch: „Wie ist das bei euch, haben eure Eltern Zeit für euch?“ Wenig später werden sie wie aus einem Mund „Jaaaa“ rufen auf die Frage, ob sie denn schon etwas für ihre Mutter zum Muttertag haben. Weil sie alle bereits aus dem Lehrbuch die Zeilen abgeschrieben und sie mit Zeichnungen umrankt haben: „Mama, du bist warm und in deinem Arm ist es ja so weich wie im Himmelreich.“ Aber nicht verraten, bitten sie.

Fünf Geschenke für die Mutter

Nein, nein, das Geheimnis wird ja erst heute am Muttertag gelüftet, nun muss es keines mehr sein. Und ein Schüler wird stolz sagen, fünf Geschenke habe er für seine Mutter, einen geschnitzten Stern und „solche Sachen“. Später werden sie auch wieder zeichnen, dieses Mal aber ihre Eltern. Für die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung. „Mein Vater hat nie Zeit, weil er bis um neun arbeitet, meine Mutter schon.“ Die Väter kommen nicht gerade gut weg. Obwohl heute „Christi Himmelfahrt“ ist, der Feiertag, der in Deutschland traditionell auch als Vatertag daherkommt und der seine Wurzeln in Amerika hat - wie der Muttertag.

Aber die Kinder sagen alle mehr oder minder das gleiche: Papa muss so viel arbeiten, Mama arbeitet zwar oft auch, hat jedoch mehr Zeit. Er würde sich wünschen, sagt ein Junge, dass sein Vater mal um vier Uhr nachmittags nach Hause kommt und mit ihm auf dem Balkon die Häuser für die Eisenbahnanlage zusammenbaut. Ein anderer würde gern mit seinem Vater mehr Schach spielen, wieder ein anderer Lego und der nächste unter der Woche mit dem Papa Fahrrad fahren.

In die Berge fahren

Und dann der Urlaub, der ist für viele das Tollste. Immer wieder sprechen sie davon: „Ich wünsche mir, dass wir in den Ferien wieder in die Berge auf die Hütte fahren, auf den Gipfel gehen, einen halben Tag rauf und einen halben Tag runter.“ Wer ist zufrieden mit der Zeit, die die Eltern haben? Auch diese Frage stellt die Lehrerin. Vierzehn Arme gehen in die Höhe. Das ist die Mehrheit. Zufrieden sind die Söhne und Töchter auch in anderer Hinsicht mit ihren Eltern. Am liebsten an Mama habe er das Kuscheln, sagt einer. „Mein Vater erfüllt manchmal meine Wünsche, meine Mutter macht, was ich will - manchmal“, bringt es ein anderer auf den Punkt.

Welche Erwachsene haben die meiste Zeit für euch, will die Lehrerin ebenfalls wissen. „Oma und Opa“, sagt ein Mädchen. Sie bekommt dafür den Zwischenruf: „Ach, du meine Güte“, lässt sich aber nicht beirren. „Gelten auch große Brüder?“ Ja, die gelten, und die Tante gilt auch, von der ein Junge erzählt. Sie wohnt im Stock über ihm. „Da kann ich oft hingehen.“ Sogar die Hort-Erzieherin gilt, die jemand als Antwort nennt.

Nach dem Unterricht in den Hort

Arbeitende Mütter und Väter: Die Schule hat sich darauf eingestellt, bietet morgens vor dem Unterricht eine Frühbetreuung an. Nach dem Unterricht - für die Zweitklässler von Frau Kirsch endet er an diesem Tag um 12.30 Uhr - gehen viele in den Hort. Wie der Achtjährige, der auf dem Schulhof in der Pause von seinem Hort und vom guten Essen dort schwärmt. Da gebe es einen französischen Koch, erzählt er. Stimmt. Es gibt sogar noch einen Koch dort.

Die Kindertagesstätte ist nicht weit weg von der Schule, 104 Kinder besuchen sie gerade, 84 im Alter von drei bis sechs, 20 im Alter von sechs bis zehn. Die Leiterin, Ruth Woody, würde gern auch die ganz Kleinen aufnehmen, dann wäre es richtig rund, könnten die Kinder durchgehend „bei uns bleiben“, sagt sie.

Ein toller Bauch

Wir sitzen im Mitarbeiterzimmer, für die drei Mädchen ist das natürlich etwas Besonderes. Fünfeinhalb und sechs sind sie und dicke Freundinnen. Was mögt ihr an eurer Mutter am liebsten? Die weichen Haare, dass sie keine Brille hat, dass sie einen beschützt, sagen sie. Und am Papa? Die Antwort kommt prompt: „Dass er so einen tollen Bauch hat.“ Schön kuschelig eben.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: privat

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