Von Julia Schaaf
02. Oktober 2007 Er sollte blaue Augen haben und nicht größer sein als 1,90 Meter. Musikalisch, kulturell interessiert, ein Familienmensch. Eben ein bisschen so wie sie. Wir haben versucht, uns beide zusammenzufügen, sagt Laura*. Sie waren aus Köln nach Holland gefahren, zu einer Villa mit üppigem Blumengarten. Auf dem Dach thronte ein künstlicher Storch. Laura hatte die Adresse organisiert. Du wirst schwanger, hatte sie zu ihrer Frau gesagt, dann kümmere ich mich um den Rest. Ich bin der Mann und besorge das Sperma.
Sie machten Fotos, um ihrem Kind eines Tages zeigen zu können, wo seine Geschichte ihren Anfang nahm. Und kreuzten an, wie sie sich ihren Wunschspender vorstellten. Wieder zuhause begann die Rechnerei. Haltbarkeitsfristen, Versandzeiten, Fruchtbarkeitschancen. Schließlich brachte der Spediteur die erste Kühlkiste von der Samenbank. Wir haben versucht, es schön zu machen. Aber es war überhaupt nicht romantisch, erzählt Laura. Drei Monate und gut 4000 Euro später war das Paar schwanger.
Wir sind mit dem Vater zu dritt
Laura, 31: Es sollte völlig klar sein, wer die Eltern sind und wo die Verantwortung liegt. Dass nicht noch jemand in unserer Familie herumfuhrwerkt und an dem Kind zerrt.
Miriam, 35: Wir sind mit dem Vater zu dritt und versuchen, möglichst vieles zu dritteln. Wir finden, ein Kind braucht eine männliche Bezugsperson, einen Vater im sozialen Sinn.
Heide, 48: Mit einem wildfremden Menschen eine Familie zu gründen ist schwierig. Franziska, 39: Wichtig ist, dass ein Kind eine innere Vorstellung von seinem Vater hat.
Moni, 37: Ein Kind braucht feste Bezugspersonen, fertig.
Katrin, 33: Ich seh' doch jeden Tag im Kindergarten, dass es eine Menge Konstellationen gibt, in denen Kinder aufwachsen und glücklich werden können.
Vor zwei Jahrzehnten undenkbar
Mutter - Mutter - Kind: Was noch vor zwei Jahrzehnten undenkbar schien und später nur die Ausnahme, entwickelt sich zum Trend. Lesben um die Dreißig treffen heute ähnlich wie heterosexuelle Paare in ihrem Freundeskreis fast selbstverständlich auf die Frage: Und wann ist es bei euch so weit? Die einen haben schon immer Kinder gewollt. Bei anderen reift der Wunsch durch die Begegnung mit der richtigen Partnerin. Die Zeiten, in denen ein Leben als Lesbe zwangsläufig die Abkehr von konventionellen Rollenmustern verlangte, sind vorbei. Für meine Generation war es schwer, sich zum Kind zu bekennen, erzählt Heide, damals hieß es, Kinder unterdrücken eine Frau in ihrer Selbstverwirklichung.
Heute empfinden jüngere Frauen ihre sexuelle Orientierung kaum mehr als Lebensthema. Sie können Hausfrau oder Karrieristin sein, spießig oder alternativ, politisch oder auch nicht - und nebenbei auch noch lesbisch. Da wird Muttersein Option. Die zunehmende rechtliche Absicherung homosexueller Lebensformen hat den Trend beflügelt: zunächst die sogenannte Homoehe aus dem Jahr 2001, vor allem aber das Gesetz zur Stiefkindadoption von 2005. Es ist der bisher einzige Weg, durch den Co-Mütter das Baby ihrer Partnerin auch formal zum eigenen Kind machen können - gemeinsames Sorgerecht inklusive.
Bechermethode!
Außerdem muss niemand mehr nach Amsterdam, um schwanger zu werden. Einschlägige Beratungsstellen empfehlen Ärzte, die - entgegen den Richtlinien der Bundesärztekammer - mit Samenbanken zusammenarbeiten und lesbische Frauen mit Kinderwunsch unterstützen. Es gibt Internetplattformen, wo potentielle Spender und Mütterpaare einander finden können. Eine typische Annonce in einer Szenezeitschrift, Rubrik Familie, im September 2007 liest sich so: Lesb. Pärchen 30/38 suchen zur Erfüllung unseres Kinderwunsches netten Mann/Paar. Bechermethode!
Vor der Wohnungstür eine Tüte Windelmüll, im Badezimmer Schwangerschafts-Körperöl und ein Standardwerk zur Säuglingsentwicklung: Bela ist fünf Wochen alt und schläft bei Cordula auf dem Bauch. Miriam serviert große Gläser mit Apfelsaftschorle, zwischendrin unterbricht sie das Gespräch und schaut auf Bela: Guckt mal, ist der nicht süß? Cordula stillt, Miriam wickelt den Jungen und schiebt ihn spazieren, sobald sie von der Arbeit kommt, vormittags schaut der Papa für ein paar Stunden vorbei, um eine Beziehung zu seinem Sohn aufzubauen. Die Frauenärztin musste einen dritten Stuhl heranrücken, wenn die werdenden Eltern zur Schwangerschaftsvorsorge erschienen, alle waren im Kreißsaal, alle drei haben Geburtsanzeigen verschickt. Die katholische Großmutter kommentierte glücklicherweise nur: Das kenn' ich aus ,Verbotene Liebe'.
Marmeladenglas mit Sperma
Bevor der Schwule das erste Marmeladenglas mit Sperma vorbeibrachte, haben sie monatelang über Wünsche und Vorstellungen diskutiert. Geburtstage und Weihnachten zum Beispiel wollen sie von jetzt an zusammen feiern, der Traum wäre ein Haus, in dem sowohl die Mütter als auch der Vater eine Wohnung hätten. Es wird Konflikte geben, sagt Miriam, aber wenn wir es schaffen, ist es genial. Cordula grinst: Babysitter umsonst, sagt sie. Sie glaubt nicht, dass ihnen belastende Übergaben bevorstehen, wie man sie von Scheidungskindern kennt: Der soll ruhig mal zum Abendessen hier sitzen. Wir haben ja nichts Zerstörendes. Wir haben was geschaffen.
Rechtlich ist die Elternschaft zu dritt eine fragile Konstruktion. Miriams Beziehung zu Bela ist gar nicht abgesichert, der Papa hat seine Vaterschaft anerkannt, aber die elterliche Sorge liegt bei Cordula, allein. Der Vater verzichtet aufs Sorgerecht und die Co-Mutter aufs Adoptieren, lautet der Deal. So ist im Ungefähren wenigstens eine Art Balance gewahrt. Wo nichts selbstverständlich ist, wo sich ein Paar sogar einigen muss, wer von beiden schwanger wird, und einfach so, gar als Unfall überhaupt nichts passiert, wird zwangsläufig viel nachgedacht.
Hauptsache selbstbewusst
Es ist zu früh für repräsentative Studien oder belastbare Zahlen, aber Erfahrungen zeigen: Die meisten lesbischen Mütter wählen sehr bewusst den Kindergarten für ihren Nachwuchs aus, um Diskriminierung zu entgehen. Fast alle suchen Kontakte zu anderen gleichgeschlechtlichen Eltern, damit ihr Kind die eigene Lebensform als durchaus normal erlebt. Und unabhängig von der Frage der biologischen Vaterschaft wird typischerweise Wert auf männliche Bezugspersonen und Vorbilder gelegt: Onkel, Erzieher, Sportlehrer, und sei es nur der nette Blumenverkäufer im Haus. Dabei ist den meisten egal, ob ihr Kind später Männer liebt oder Frauen, ob es mehr Macho wird oder Püppchen - Hauptsache selbstbewusst. Er soll einfach er selbst werden, sagt Pauls Mama. Um glücklich zu sein, muss man seine Persönlichkeit entwickeln, und da gehören männliche und weibliche Anteile dazu.
Paul ist vier Jahre alt, wächst mit zwei Müttern und einer jüngeren Schwester auf und hat schon immer am liebsten mit Autos gespielt. Er pinkelt im Stehen, Barbies verachtet er, und mit den Mädchen im Kindergarten tobt er derzeit nur noch, wenn Prinzessinnen-Jagen angesagt ist. Einmal wollte Emma ihn zu Mama - Papa - Kind überreden. Da war er lieber der Hund, der bellt und beißt. Als er neulich partout nicht ins Bett gehen mochte und es Ärger gab, drohte er: Dann ziehe ich aus. Dann habt ihr keinen tollen Jungen mehr, sondern nur noch ein blödes Mädchen! Seine Mami hat ihm bloß entgegnet: Du darfst nicht ausziehen. Auf keinen Fall.
Ist mein Vater eigentlich tot?
Paul weiß, dass er bei seiner Mama im Bauch war, aber die Mami ist und bleibt seine Lieblingsmami. Vor einem knappen Jahr hat er zum ersten Mal nach seinem Vater gefragt. Ist der eigentlich tot? Da haben seine Mütter zurückgefragt, ob er ihn kennenlernen wolle, und ein Treffen organisiert: Pauls Vater ist ein heterosexueller Freund seiner Mama, der den lesbischen Frauen Hilfe angeboten hatte und mit eigener Familie in einer anderen Stadt lebt. Paul pflückt dem Mann jetzt manchmal Blumen und vergisst ihn nie, wenn er aufzählt, wer alles zur Familie gehört. Aber als im Kindergarten mal jemand nach seinem Papa fragte, antwortete Paul: Ich habe keinen Papa. Ich habe einen Vater.
Ich glaube, dass das Thema Vater irgendwann immer ein Thema ist, sagt Stephanie Gerlach, die für ein Buchprojekt Kinder in homosexuellen Familien befragt hat. Es muss aber nicht Auslöser für eine große Krise sein. Ein wichtiger Punkt ist, dass die Kinder nicht belogen werden, glaubt Constanze Körner, Projektleiterin Regenbogenfamilien beim Lesben- und Schwulenverband Berlin-Brandenburg. Der große Vorteil, so Ute Hiller von der Lesbenberatung Berlin: Die können wirklich sicher sein, dass sie Wunschkinder sind.
Lesbische Familien sind finanziell benachteiligt
Das heißt noch lange nicht, dass alles einfach wäre. Lesbische Familien sind finanziell benachteiligt, weil ihnen ohne Ehegattensplitting je nach Einkommen bis zu 500 Euro im Monat verlorengehen, wie die Rechtsanwältin Alexandra Gosemärker vorrechnet. Co-Mütter kennen den Schmerz, wenn Arzt oder Kindergärtnerin nach der richtigen Mutter fragen und sie anschließend ignorieren. Und natürlich, immer noch, haben es homosexuelle Familien in Berlin leichter als in der Provinz.
Aber was passiert, wenn alles in die Brüche geht? Eine Persönlichkeitskrise der einen, ein Flirt der anderen, Vorwürfe, Verletzungen, Hickhack im Alltag: Simone ist schließlich ausgezogen. Der Kontakt läuft über Anwälte, die Scheidung steht unmittelbar bevor. Als Co-Mutter sieht sie ihren Dreijährigen einen Nachmittag in der Woche und alle 14 Tage am Wochenende. Mehr steht ihr laut Umgangsrecht nicht zu. Elternzeit, Nachtschichten am Kinderbett, alles egal. Sie hält es in der neuen Wohnung kaum aus. Ihr fehlen der Geruch seiner Haare und die Krümel im Auto, grausam, keine Kinderhosen mehr zu waschen. Warum hat sie ihn nur nicht adoptiert? Simone ist verzweifelt. Es ist genau wie bei Mann und Frau, sagt sie. Die leiblichen Mütter können machen, was sie wollen.
* Alle Namen von der Redaktion geändert.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 30.09.2007, Nr. 39 / Seite 57
Bildmaterial: AFP, AP, ddp