Von Julia Encke

Geht das auch beim E-Book? Kulturstaatsminister Bernd Neumann lässt sich den "Turm" von Uwe Tellkamp signieren
19. Oktober 2008 Es gab auf der Buchmesse ein Wort, das nicht nur Verlagsmanagern, sondern neuerdings auch Lektoren, Agenten und Presseverantwortlichen mühelos über die Lippen ging. Es war, anstelle des Buchs“ oder des Textes“, das Wort content“. Wenn allein Michael Busch von der Geschäftsführung der Thalia-Holding es emphatisch verwendet hätte oder Dieter Bohlen bei seiner Pressekonferenz fragte, wie man den content von som’ Buch denn vermarkten“ könne, hätte es einen nicht weiter gewundert.
Doch hörte man das Wort auch aus den Mündern der Mitarbeiter ehrwürdiger Autorenverlage, die es mit der größten Selbstverständlichkeit zum Besten gaben, was man als bloßen Jargon verbuchen könnte, als bizarre Buchbrachensprache, die in den Messehallen ohnehin üblich ist: Da ist ein Roman a good read“ oder juicy“ geschrieben, da ist ein Ratgeber besonders frauenaffin“, oder man nennt die gewohnheitsmäßigen Nicht-Leser, die jetzt das Buch des Rappers Bushido kaufen, das Non-Reader-Segment“.
Das E-Book - eine schizophrene Angelegenheit
Doch geht es um ein bisschen mehr als den bloßen Jargon. Die diesjährige Buchmesse war die erste, auf der das E-Book in allen Köpfen präsent war, und die Konjunktur des contents“ hängt mit dem digitalen Lesegerät unmittelbar zusammen. Wenn man durch die Hallen ging, war mit E-Book niemand zu sehen. Man musste schon die Präsentationen des Kindle oder des Sony Readers aufsuchen, um es überhaupt zu Gesicht zu bekommen. Aber alle sprachen darüber: Eine begeisterte Lektorin von Kiepenheuer und Witsch war mit ihrem Kindle aus Amerika schon im Urlaub gewesen und gestand, längst süchtig zu sein nach dem neuen Arbeitsgerät. Ein älterer Verleger sah darin den Untergang des Abendlandes. Andere gaben sich abwartend, weil längst nicht feststehe, ob das elektronische Lesegerät nun eine Revolution sei oder am Ende doch nur ein Flop. Und Harry Rowohlt wollte das Ding überhaupt erst ernst nehmen, wenn es wasserfest sei. Er lese in der Badewanne. Bücher könne man wenigstens hinterher auf die Heizung legen.
Nun ist das E-Book eine etwas schizophrene Angelegenheit: Auf der einen Seite suggeriert es uns, ganz wie das alte Buch zu sein. Man kann es aufklappen, soll mit Sonderfunktionen Eselsohren machen und Dinge anstreichen können. Sicher gibt es, wie beim Autoblinker oder bei der Digitalkamera, die die alten Blink- und Auslöser-Geräusche akustisch einspielen, bald auch E-Books mit Seitenraschel-Umblätter-Sound. Zugleich sprengt es die Einheit des Buchs völlig auf, so dass vom Buch tatsächlich nur noch bedingt die Rede sein kann. Denn was die Marketingsprache als content“ des E-Books bezeichnet, den man sich in Zukunft bei Grossisten wie Libri.de herunterladen kann, ist nicht nur der Text des Buchs. Es ist auch das ganze Drumherum: Interviews mit dem Autor, Kommentare, Pressestimmen oder gelesene Hörbeispiele. Man wird sich, etwa aus einem Sachbuch, auch einzelne Kapitel besorgen können, die einen besonders interessieren. Und wenn das alles gut gemacht ist, mag es sicher von Nutzen sein. Auf DVDs ist das Bonusmaterial oft ganz hervorragend.
Pamuk hätte deutlicher nicht sein können
Das Merkwürdige auf der Messe war eben nur, dass Verlagsmenschen plötzlich auch von ihren ganz normalen Büchern als content“ sprachen, ganz so, als müssten sie betonen, wie sehr sie bereits in der Zukunft angekommen seien. Man konnte in solchen sprachlichen Übersprungshandlungen die untergründige Angst erkennen, die in Gesprächen sonst so gerne überspielt wurde. Denn die Zukunft des Buchmarkts ist, nicht nur aufgrund des E-Books, sondern auch vor dem Hintergrund der Finanzkrise, ungewiss. Da freut man sich, wenigstens rhetorisch schon mal einen Schritt voraus und vorsorglich auf der sicheren Seite zu sein.
Der Höhepunkt der Messe, gleich zu Beginn, hatte mit dem E-Book nichts zu tun: Es war die Eröffnungsrede des türkischen Nobelpreisträgers Orhan Pamuk, der in Anwesenheit des deutschen Außenministers Frank-Walter Steinmeier und des türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül eine autobiografische Erzählung seiner ersten Frankfurter Messebesuche als unbekannter junger Autor in ein politisches Manifest münden ließ. Die Anklage hätte deutlicher nicht ausfallen können: Der Hang des türkischen Staates, Bücher zu verbieten und Schriftsteller zu bestrafen, hält leider immer noch an. Aufgrund des Paragrafen 301 des türkischen Strafrechts, mit dem man Schriftsteller wie mich einzuschüchtern versucht, werden Hunderte von Schriftstellern und Journalisten gerichtlich belangt und verurteilt“, sagt Pamuk. Und man hätte sich gewünscht, dass Abdullah Gül, der mit Ehefrau angereist war und nach ihm sprach, spontan auf diese Anklage Bezug genommen, sie als Herausforderung begriffen hätte. Gül verbeugte sich zwar vor Pamuk und dankte ihm. Er hielt sich aber an seinen vorgesehenen Text.
Botschaften verpuffen in der stickigen Messehallenluft
Pamuk sprach vor riesigem Publikum im Congress-Center, was wirkungsvoll war und auch ein Glücksfall. Man kann nämlich auf der Messe ein noch so großer Autor, sogar ein Nobelpreisträger sein und auf dem Blauen Sofa“ oder in einer Diskussion am Stand trotzdem furchtbar untergehen. Das ist der etwas zwiespältige Buchmessen-Effekt: Einerseits hat man als Besucher die Gelegenheit, die großartigsten Autoren der Welt zu hören. Andererseits fehlt es in den Gesprächen am Stand oft an Konzentration, zerfasern die Moderationen, was zu erheblichem Auraverlust führt: Da ist dann der, den man neulich noch bewundert hat, schnell einer, der in Halle 3.1 vor drei Stunden schon einmal dieselbe Anekdote erzählt hat.
Der Schweizer Islamwissenschaftler Tariq Ramadan etwa, umstrittener Vertreter des Euro-Islam“, der normalerweise ganze Hallen füllen kann, sprach am Mittwoch um zehn Uhr morgens bei einer Veranstaltung des Instituto Cervantes. Ramadan ist bekannt für sein Charisma, seine bestechenden Auftritte. Es waren aber nur zwanzig unausgeschlafene Besucher da und die Fragen des Fernsehmoderators Moderators Kamran Safiarian so banal, dass Ramadan völlig verblasste und seine Ausführungen, inwiefern der Islam keine Bedrohung für Europa darstelle, sondern in den Westen integrierbar sei, in der stickigen Messehallenluft verpufften.
Doch sind die Hallenauftritte immer nur die eine Seite der Messe. Die andere, wichtige und nicht für alle zugängliche findet im Agentenzentrum statt und seit Jahren in den Hotellobbys des Frankfurter“ und des Hessischen Hofs“. Hier machen Agenten und Verleger traditionell ihre Geschäfte, was man sich wie ein Speed-Dating“ im Dreißig-Minuten-Takt vorstellen muss. Alle kennen sich, sind auf der Suche nach dem entscheidenden Messe-Manuskript und zittern vor mächtigen Agenten wie dem als Schakal“ bekannten Andrew Wylie, der für seine Autoren Millionenvorschüsse herausschlägt und Verleger so subtil quält, dass sie nachts von ihm träumen. Einer der Coups – es gab nicht viele – war in diesem Jahr ein Buch des irischen Schriftstellers Eoin Colfer, der den sechsten Band von Per Anhalter durch die Galaxis“ geschrieben hat, der legendären Serie des 2001 verstorbenen Douglas Adams. Dessen Witwe habe das Buch autorisiert und der Heyne Verlag für eine halbe Million Euro den Zuschlag bekommen, hieß es. Für viertausend Euro hätte es der sehr viel kleinere Verlag Rogner und Bernhard, der die Douglas-Adams-Bücher in Deutschland herausgibt, auch gerne genommen. Aber so ist das Buchgeschäft. Man muss in solchen Fällen schon ein dickes Portemonnaie haben.
Stirbt die Messe aus?
An den Abenden schwirrten, wie jedes Jahr, alle zu den Empfängen und Partys aus: Beim Kritiker-Treffen des Suhrkamp-Verlags feierte man den diesjährigen Buchpreisgewinner Uwe Tellkamp und den für den Preis nominierten Dietmar Dath, der die Gelegenheit nutzte, ein für alle Mal richtig zu stellen, dass er nicht ein Buch und noch ein Buch und noch ein Buch schreibe, sondern in Wahrheit alle gleichzeitig. Der DuMont-Verlag konnte sich, nach dem gigantischen Erfolg von Charlotte Roches Feuchtgebieten“, dieses Jahr auch eine Dachgarten-Feier leisten, bei der die Star-Autorin die Gäste mit neuer Julia-Timoschenko-Zopffrisur empfing. Beim Berlin Verlag-Empfang im Frankfurter Hof“ hatte die große italienische Verlegerin Inge Feltrinelli einen flamboyanten Auftritt. Und in der Villa von Joachim Unseld von der Frankfurter Verlagsanstalt holte spätnachts der Verleger selbst seine Franz-Kafka-Faksimile aus dem Bücherschrank und schwärmte, wie wunderbar lesbar Kafkas Handschrift im Brief an den Vater“ sei. Allein Fremde“ und Freunde“ könne man partout nicht auseinanderhalten.
Stirbt die Messe aus? Ist, angesichts von Finanzkrise und E-Book, das Buch dem Untergang geweiht? Man hatte in Frankfurt nicht diesen Eindruck. Man müsse in einzelnen Bereichen sicher mit Umsatzrückgang rechnen, meinte der Verleger Michael Klett, werde aber auf jeden Fall an der Front bleiben: Dies ist meine sechsundfünfzigste Messe, deshalb glaube ich ehrlich gesagt nicht an dramatische Veränderungen – dafür hat unsere Branche viel zu viel Substanz“. Michael Krüger vom Hanser Verlag wollte am Buchglauben auch deshalb festhalten, weil ein Buch schließlich immer noch billiger sei als zwei Maß Bier auf dem Oktoberfest und ein Essen im Frankfurter Hof“. Und auch Rüdiger Salat von Holtzbrinck winkte ab: Eine Verstaatlichung der Verlage sei nicht zu befürchten. Es gebe keine Buch-Blasen, die platzen können. Eine Garantie für den Schutz des geistigen Eigentums solle Bundeskanzlerin Merkel aber endlich übernehmen.
So war diese Messe auf merkwürdige Weise entspannt. Allein in der manischen Rede vom content“ gab sich die untergründige Nervosität zu erkennen. Nächstes Jahr ist das E-Book da. Dann wissen wir, ob dies nur die Ruhe war vor dem Sturm.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Frank Röth