Von Ingeborg Harms
Wer Mode in einem Atemzug mit der Frankfurter Buchmesse oder gar mit deutschen Autoren anspricht, erntete jüngst noch sorgenvolle Blicke, wehmütiges Kopfschütteln und mit unterdrückter Stimme formulierte Superlative, die in die falsche Richtung gingen: Die Messemode, so der Konsens, sei ein Trauerspiel, die Literatur und ihre Jünger ziehen sich schlecht an. Ein Tag im Frankfurter Messegetümmel indes ergibt, dass die Mode der lesenden und schreibenden Minderheit weit besser ist als ihr Ruf.
Ihren Nullpunkt allerdings markieren die Veranstaltungen im Hauptbahnhof. Während Micha Brumlik mit einem kleinkarierten Wolljackett in Jägerfarben noch die Fahne hochhielt, votierte das vom Thema Jugendgewalt mobilisierte Publikum für Anoraks und Wollpullover, naturbelassenes Grauhaar, Bart und pflegeleichte Nackenzöpfe. Als Nullpunkt der Mode ließe sich auch die Versammlung asiatischer Herren in grauen und schwarzen Anzügen werten, die in Halle 6.0 zur Signierzeremonie der Serie Lächelnde Katze der berühmten chinesischen Autorin Yang Hongying“ zusammenkam. Ein paar Buden weiter wurde aus dem neuen Parabelband der koreanischen Zen-Meisterin Daehaeng gelesen. Ihre ein deutsches Zen-Kloster leitende Schülerin Harejin Sunim lud zur Teezeremonie, bei der das Ausspülen der Tassen das Wichtigste war. Wie sie erklärte, werde so die Schale belebt, die den Tee aufnehmen soll. Man darf diese Zen-Einsicht zur Modemaxime erweitern: Gut gekleidet ist der, dessen Wesen die Hülle durchdringt. Harejin Sunim trug zum kahlrasierten Kopf Bluse, Weste und Hose aus hellgrauem Leinen ohne Knöpfe oder Reißverschlüsse, eine Nonnenkluft, die mit ihrem lächelnden Gesicht harmonierte.
Ein bisschen extrem, etwas vergammelt, aber nicht zu sehr
Dass der Suhrkamp-Autor Dietmar Dath jüngst als Outfit-Leninist“ bezeichnet wurde, sollte allerdings nicht zu dem Fehlschluss verleiten, er kleide sich im Stil von Gang E in Halle 6.0. Nicht auf den Mao-Anzug wird angespielt, sondern auf Lenins Diktum vom Marsch durch die Institutionen. Dath gehört zu einer neuen Generation von Männern, die mit den Codes der Musik- und Alternativenszenen souverän jonglieren. Mit achtzehn protegierte er den Heavy-Metall-Look, trug das Haar bis zum Beinansatz, dazu Leder und Ringe. Eine Titanic“-Party besuchte er im weißen Bowie-Anzug und ließ sich jüngst mit wehendem Mantel, floralem Hemd und cooler Hose im Rockschlagersänger-Stil fotografieren. Zum Kritikerempfang seines Verlags kam er mit Ohrring und schmaler Brille, ansonsten nach eigenem Bekunden im leicht abgetragenen Stil der Bluegrass-Fans von Rounder Records: Ausgefranster Rand der Country Music.“ Dath fügte hinzu, dass er das trage, was Frauen, die er kannte, jeweils für richtig hielten.
Suhrkamp-Chefin Ulla Berkéwicz war damit einverstanden, ihren knielangen Mantel als Malersaal-Referenz zu lesen: Ich habe immer Dinge aus dem Theaterfundus getragen. Wagenradhüte und schwarze Röcke mit großen Rüschen. Zigeunerröcke? Hexenröcke! Heute bevorzugt sie Velourslederhosen und trägt darüber immer noch gern Saudi-Männerhemden mit Stehkragen, die bis zum Knöchel gehen. Labels sind ihr nicht wichtig, ihre Kleidung muss ein bisschen extrem, etwas vergammelt sein, aber nicht zu sehr. Ich möchte eigentlich gar nichts mehr im Schrank haben, auch keine Sachen in der Wohnung, nichts außer Bücher.
Pepitapullunder und Perlenkette, zauberhaft trendfrei kombiniert
Auch Sibylle Lewitscharoff, die bei Suhrkamp dunkel gekleidet aus ihrem neuen Buch las, bevorzugt einen maskulinen Stil, schon weil Röcke auf Podien problematisch sind: Ich war immer eine verhalten-misstrauische Eros-Spielerin. Als Spross einer Lutheranerfamilie liebt sie Schwarz, die Farbe des Geistes: Meine Großeltern waren stets hoch geknöpft, die Frauen mit weißem Spitzenkragen, überhaupt das Schönste im Alter. Den weißen Kragen ersetzte Lewitscharoff durch eine Perlenkette, wie sie überhaupt häufig zu sehen war.
Ein schwer einholbarer Vorsprung gehört denen, die in Italien einkaufen. Die Städtebuchautorin Birgit Hanstedt beeindruckte durch ein Paisleykleid mit schön gefiedertem Dekolleté, die Frankfurter Literaturhauschefin Maria Gazzetti mit einem in Rom erstandenen schwarzen Wollkleid und flachen Prada-Schnallenschuhen zum Flapper-Bubikopf. Wirkliche Profis wie sie ziehen sich anlassbezogen an, zum Rowohlt-Empfang wollte Maria Gazzetti noch schnell in ein Marni-Kleid wechseln. Ina Hartwig nahm Vivienne Westwoods Diagnose zur Wirtschaftslage beim Wort: Sie sagte, dass man in der Krise selber nähen oder alte Lieblingssachen aktivieren solle. Entsprechend trug die FR-Kritikerin eine zauberhaft trendfreie Kombination aus dunkelblauer Schulmädchenbluse, Pepitapullunder, Faltenrock und Perlenkette.
Seit einem halben Jahrhundert dieselben Sachen
Rowohlt-Tradition demonstrierte die Pressedame Elisabeth Raether mit einer makellos erhaltenen Satteltasche ihrer Großmutter ohne Label, für die Miuccia Prada als Inspirationsvorlage ihre Skiausrüstung hingegeben hätte. Das raffiniert dekolletierte Kleid dazu war vom Berliner Insiderlabel Herz + Stöhr - wer mutig fragte, konnte an diesem Abend viele Marken entdecken. Darunter unverhoffte Klassiker wie Aquascutum, die Londoner Luxusmarke. In einem Oversize-Jackett der Firma schaute Christian Kracht bei Rowohlt vorbei, seine Frau trug die Aquascutum-Jacke kurz und tailliert.
Nicht nur sie schwärmten vom Auftritt des neuen Klett-Cotta-Chefs Tom Kraushaar, dessen quietschgelber Pullunder die Gemüter erregte. Modeklatsch stand im Zentrum der Konversation. Man sprach vom Buchpreis-Autor Uwe Tellkamp, der seinen Dresden-Roman mit den Stadtfarben unterstrichen hatte, zu Schwarz gelbe Socken, Krawatte und eine Dresdner Winzermütze ausführte. Stefan Aust, der seit einem halben Jahrhundert dieselben Sachen trägt, ließ unter dem offenen Hemd ein weißes T-Shirt sehen, was die Rede auf einen seiner Baader-Meinhof-Filme brachte.
Knöpfe wie vom Kostüm der Oma
Natürlich weiß man, dass die Frankfurter Buchmesse auch eine Modemesse ist, erklärte der Schriftsteller und Titanic-Autor Oliver Maria Schmitt. Sein zinnoberroter Anzug war nach persönlichen Maßangaben eigens bei einem Londoner Mods-Versand geordert worden: mit Rückenklappe, schmalem Revers, breitem Talking-Heads-Brustraum, bundfaltenfreier Flat-top-Hose und stoffbezogenen Knöpfen: Die kannte ich nur vom Kostüm meiner Oma. Als Fazit ist festzuhalten, dass vor allem die männliche Messewelt in der Mode heftig aufholt und mit der Berliner Szene im Rücken geradezu stilprägend wird. Dass die Hülle das eigene Leben nicht ersticken darf, hat auch die weibliche Seite begriffen.
Vom grellen Markentheater mancher Trendhauptstädte ist wenig zu bemerken, und auch die Nullpunktmode früherer Messen geht bei den Autorinnen zurück. Außerdem blitzt hier und da ein geradezu dandyhafter Witz auf, zum Beispiel beim Kritiker Hubert Winkels, der, wie man munkelte, eine gefaltete Manuskriptseite als Krawatte trug.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Claus Setzer, Franz Bischof, Helmut Fricke, Marcus Kaufhold, SWR