17. Oktober 2008 Robert Frost war der Meinung, das erste Opfer von Übersetzungen sei die Dichtung selbst. In ihrer Wiesbadener Wohnung arbeiten Christian Lux und Annette Kühn daran, den amerikanischen Dichter zu widerlegen. In diesem Frühjahr haben sie begonnen, in ihrem Verlag Luxbooks Lyrik aus den Vereinigten Staaten auf Deutsch herauszubringen. Ihre Bücher haben sie so selbstsicher lanciert, dass der kaum bekannte Verlag sich schon vor der Veröffentlichung seines zweiten Programms einen Namen gemacht hat.
Was sie tun, haben Lux und Kühn lange geplant. Angemeldet wurde der Verlag schon im Jahr 2001, als Lux gerade mit der Schule fertig war. Kennengelernt haben er und Kühn sich im Studium der Buchwissenschaft und Literaturwissenschaft in Mainz. Seit drei Jahren leben sie in einer Altbauwohnung über dem Wiesbadener Bismarckring, dort, wo die stark befahrene Gründerzeitstraße viel von ihrem Pomp verloren hat und gleich neben dem Laden für Babyausstattungen ein Sex-Shop lockt. Es ist eine Zusammenstellung, die gut ins Werk des einen oder anderen von Luxbooks verlegten Dichters passen würde. Lux liegt die amerikanische Lyrik des zwanzigsten Jahrhunderts: Bei aller Avantgarde fließt häufig viel mehr ganz gewöhnliche Lebenswelt mit hinein. Wenn man nach spannender Literatur sucht, die in Deutschland bislang unverlegt geblieben ist, bietet die amerikanische Nachkriegsdichtung Stoff für viele Jahre und Verlagsprogramme. Bis auf die Beat Poetry ist sie in Mitteleuropa nie wirklich angekommen. Bei Luxbooks soll das in den nächsten Jahren Stück für Stück anders werden, von den Klassikern der Moderne bis zur unüberschaubaren Szene von heute. Wir wollen die Vielfalt verschiedener Stimmen, sagt Lux.
Arbeit, Kind, Verlag
Im Frühjahr hat er Auswahlbände der Klassiker Hart Crane und Amy Lowell herausgebracht, dazu Zeitgenossen wie Del Ray Cross, Timothy Donnelly, Jennifer L. Knox und Jeni Olin. Wir haben frech begonnen, die interessanten jungen Autoren anzuschreiben. Alle Bände erscheinen zweisprachig im Paperback und in fast quadratischem Format. Die breiten Seiten bieten Platz für die gelungene graphische Gestaltung jedes Bandes. Wir sind interessiert am Zusammenspiel von visueller und Wortkunst. Hier übernimmt Kühn die Führung. Über den Lowell-Band hat sie digital verfremdete Ausschnitte schwarzweißer Blumenfotos verstreut. Nun begleiten Davidslilie und Trompetenwein Lowells Verse vom Kamelienbaum von Matsue und sagen mit reduzierter Üppigkeit einiges über die Kürze und Fülle von deren Lyrik aus.
Gestaltet wird in der Freizeit. Lux und Kühn haben nicht nur den Verlag, sondern auch ein Kind und Arbeit. Kühn tritt im November eine Stelle bei einem Wiesbadener Verlag an, Lux ist seit 2005 Mitherausgeber des Insel-Almanachs. Zu Hause haben sie daher in den vergangenen zwei Jahren zwischen Esstisch und Schreibtisch Schritt für Schritt entschieden, was sie als Nächstes tun. Weil sie ihren Verlagsplan im Haus am Bismarckring verwirklichen konnten, haben sie den gehörnten Satyr, der neben dem Balkon ihrer Wohnung aus der Hauswand wächst, zum Signet des Verlags gemacht.
Schon fragen die Dichter
Vom Satyrhaus aus bleiben Lux und Kühn in Verbindung mit Autoren, Übersetzern und Illustratoren. Alles geht per E-Mail, telefoniert wird kaum. Gesetzt wird am Computer, danach geht das Buch zur Korrektur an alle Beteiligten. Gedruckt wird außer Haus, bei einer schwäbischen Druckerei, die preiswert, zuverlässig und schnell ist. Um den Vertrieb kümmern sich Lux und Kühn von Wiesbaden aus. Sie haben für die Gründung des Verlags jahrelang gespart, müssen im Augenblick aber viel Geld für Werbung ausgeben. Es lohnt sich: Die Reaktionen und Verkaufszahlen haben sie überrascht. Wir haben gedacht, wir würden ins Leere publizieren.
Auf ein kleines Probeheft hin, das Ende 2006 als Jahresgabe versandt wurde, meldete sich Ron Winkler und fragte, ob sie alles allein stemmen wollten oder noch Hilfe brauchten. Seitdem ist der Dichter, der 2007 selbst eine Anthologie junger amerikanischer Lyrik herausgegeben hat, für sie als Übersetzer tätig. Von Montag an werden mit dem Winterprogramm die von ihm übertragenen Gedichte Arielle Greenbergs ausgeliefert. Die Idee, Dichtung von Dichtern übertragen zu lassen, wird sich im nächsten Jahr noch stärker bemerkbar machen. Im Frühjahr gibt es Lyrik von Stephen Dunn, Ben Lerner, Sarah Manguso und Mary Jo Bang, im nächsten Herbst folgen Rae Armantrout, Peter Gizzi und Matthew Zapruder. Wieder zählen Winkler und sein Kollege Jan Volker Röhnert zu den Übersetzern, hinzu kommen Jan Wagner, Steffen Popp und Matthias Göritz. Aber nicht nur deutsche Dichter lieben Luxbooks. Amerikanische Autoren haben schon angefragt, ob man sie nicht übersetzen könnte. Die merken, jetzt gibt es da was, wo man sehr viel macht.
Kaninchen im Weltraum
Sogar der stationäre Buchhandel hat den Kleinverlag mit dem Außenseiterprogramm zur Kenntnis genommen. Die Sortimenter haben uns gelistet. Wie das? Das fragen wir uns auch. Vielleicht, weil sie ihren Auftritt sorgfältig durchdacht haben. Sie bieten zu jedem Titel Plakate an, die bei Bedarf gedruckt werden können. Sie sollen im Laden wie im Buchhandel überhaupt zeigen, dass es sich bei Luxbooks nicht um einen Hobbyverlag handelt. Die Motive der Plakate beruhen auf den Dichterporträts, die der Maler Bruno Zaid für jeden Gedichtband zeichnet.
Während Zaid nur zwei Straßen weiter wohnt, hat Annette Kühn andere Illustratoren im Internet entdeckt. Was ihr besonders gefällt, landet in einem der Grafiktitel, die bei Luxbooks herauskommen. Im Frühjahr ist Jessica McLeods Space Rabbit erschienen, das vier zuerst im Internet veröffentlichte Abenteuer eines englischen Kaninchens zusammenfasst, das ins Weltall fliegt. Die Bilder der Berliner Grafikdesignerin Martina Hoffmann entdeckte Kühn auf Youtube. Jetzt erscheint Lotta und der Zauber in der Nacht als Grafikbuch für Kinder. Angekündigt sind auch illustrierte Ausgaben von Jane Austens subversivem Jugendwerk Eine kleine Geschichte Englands und Edgar Allan Poes satirischer Ballon-Luftnummer.
Im Gespräch mit Andrew Wylie
Für 2010 ist der Start der ersten deutschsprachigen Werkausgabe Emile Zolas seit mehr als fünfzig Jahren vorgesehen, im Hardcover und mit Illustrationen. Das Ziel, das Lux und Kühn vor Augen steht, ist ehrgeizig. Mit der Lyrik eine schwarze Null. Davon kann im Augenblick noch nicht die Rede sein. Aber Lux und Kühn sind gute Rechner. Die Auflage ihrer Titel beträgt nie mehr als dreihundert Exemplare, meist liegt sie unter hundert. So ist kein Kapital in einer Auflage gebunden, die sich nicht verkauft. Lux bezeichnet es als Mischung aus traditionellem Verlegerdasein und On-Demand-Publishing. Für die Mischung gibt es gute Gründe. On-Demand wird von den Buchhändlern nicht akzeptiert. Sie denken, der Verleger hat kein Vertrauen in sein Produkt.
Dabei mangelt es ihnen gerade daran nun wirklich nicht. Um an die Rechte für John Updikes Reisegedichtzyklus Americana zu kommen, mussten sie es mit dem Branchenriesen Random House aufnehmen. Die Verhandlungen liefen problemlos, ebenso wie die Gespräche mit der Agentur von Andrew Wylie, mit der sie über drei Romane und zwei satirisch angehauchte Ratgeber verhandelt haben, die bei McSweeney's erschienen sind, dem Verlag des Schriftstellers Dave Eggers. Wir wollen den Verlag langfristig betreiben, das geht halt nicht mit Lyrik. Einstweilen aber geht es recht gut.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Wonge Bergmann