Von Franz-Josef Görtz
18. Oktober 2008 Während der Buchmesse sind die Pressesprecherinnen der Buchverlage auch in Krankenschwestern-Tracht denkbar. Oder in Chauffeurs-Uniform, falls es sich ausnahmsweise einmal um einen Herren handelt. Ihre Chefs, die Verleger, haben ein feines Gespür für Zumutungen. Autoren von Rang und Namen lassen sie grundsätzlich vom Pressechef abholen.
Das haben die Verleger den Bundeskanzlern abgeschaut, die immer ihren Protokollchef losschicken, wenn sie selbst nicht können oder wollen, also unpässlich oder unabkömmlich sind.
Sie weiß alles - und das auswendig
Natürlich hat der in Empfang zu nehmende Schriftsteller lange vor der Abreise nach Frankfurt einen vom Sekretariat des Verlegers sowie der Presseabteilung präparierten Stundenplan bekommen, wo alle Orte, Namen, Adressen und Nummern verzeichnet sind. Bei Bedarf sagt die Pressedame das alles aber auch gern noch einmal auf wie ein Gedicht: nennt also zum Beispiel den wichtigen Kritiker, mit dem der Autor in Begleitung des Verlegers, seines Lektors und der wichtigsten Dame aus der Vertriebsabteilung gleich nach der Ankunft zu Tisch gehen soll.
Die Sitzordnung weiß die Pressedame auswendig. Und begleicht auch, während am Tisch noch der Kaffee genommen wird, unauffällig die Rechnung. Danach nimmt sie nur kurz noch Platz, um die Kollegen an die Agenda zu erinnern: Wer bringt den Autor vom Hotel aufs Messegelände, wer geleitet ihn vom Messestand zur Talkrunde auf dem blauen, gelben oder roten Sofa? Und wer ist spätabends beim Abhängen in der Bar vom Frankfurter Hof“ noch greifbar, falls Not am Mann sein sollte?
Verständig, freundlich, fürsorglich
Weibliches Personal erweist sich nicht nur in den organisatorischen, sondern auch in allen, das persönliche Wohlbefinden betreffenden Angelegenheiten immer wieder als verständiger, freundlicher und fürsorglicher. Das bestätigen nicht nur weibliche Messe-Gäste, sondern vor allem die männlichen. Ohne ununterbrochene Zuwendung, umfassende Betreuung und Bemutterung wären sie in Frankfurt nach eigenem Bekenntnis vollkommen aufgeschmissen.
Die Pressechefin empfängt ihre Gäste mit dem branchenüblichen Kuss auf beide Wangen schon am Gate oder am Gleis. Bei ihren Lieblingen darf sie sich unterhaken. Oder umgekehrt. Dann bringt sie ihre Gäste von Flughafen oder Bahnhof ins Hotel, gönnt den Autorinnen eine gewisse Auszeit für einen Garderobenwechsel, hat frische Blumen aufs Zimmer stellen lassen und dazu etwas Konfekt gegen den kleinen Hunger.
Die Blumen, so sagt Ruth Geiger, beim Zürcher Diogenes Verlag Pressechefin und Mitglied der Geschäftsführung, besorgt sie jeden Morgen selbst auf der Bockenheimer Landstraße. Die Sprüngli-Schokolade hat sie im Handgepäck nach Frankfurt eingeführt, als ihr ganz persönliches Verwöhnpaket“. Klar, dass sie Rat bei Kopfweh, Kater und jähem Zahnschmerz weiß und geduldig zuhört, wenn am dritten Messe-Tag die unvermeidliche, schon durch Blick-Kontakt ansteckend wirkende Messe-Depression Schatten auf die Schreiberseelen wirft.
Darf's vornehm sein, oder messenah?
Zum umfassenden Verwöhnservice allerdings gehört Ruth Geiger zufolge bei den Pressedamen der Verlags-Bundesliga auch die Auswahl des Hotels. Wer seinen kreativen Geistern Gutes tun will, bringt sie distinguiert in der Villa Kennedy“ unter oder messenah im Maritim“ und im Hessischen Hof“, wenn nicht neuerdings im Mövenpick“ unweit von Halle 3. Oder eben, einen Hauch vornehmer und mit dem von der Zunft weit über die Frankfurter City hinaus gerühmten und ganzjährig respektvoll als Autoren-Bar“ apostrophierten Abhänge-Ort, im Frankfurter Hof“.
Nicht weniger berühmt als die Bar dort ist Herr Carl, der unaufdringlich gedächtnisstarke Concierge. Imre Kertész, der Literaturnobelpreisträger des Jahres 2002, hat ihn den Magier des Hotels“ genannt. Eva von Freeden, die frühere Pressesprecherin des Münchner Verlags C.H. Beck und unumstritten, wenn auch jetzt mehr aus der Ferne wirkend, immer noch die Grande Dame des Metiers, weiß warum: Herr Carl beschafft auch noch Oper- und Theaterkarten, wenn die Vorstellungen längst ausverkauft sind.“
Ein einziger Ausnahmezustand
Ohne solche kleinen und verschwiegenen Helfer wäre effiziente Presse-Arbeit eine Sisyphos-Strapaze, fünf Tage und oft genug auch noch alle Nächte lang. Das sagen alle Pressedamen. Denn die Frankfurter Buchmesse, so Gaby Callenberg vom Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch, ist ein einziger Ausnahmezustand“. Mit einer Fülle von Zumutungen, Herausforderungen, kleinen und mittleren Katastrophen.
Einen Termin beim Zahnarzt, eine Druckerei für Spontan-Bedarf nach Messeschluss, weil neueste Meldungen schon am nächsten Morgen unters Volk gebracht werden müssen? Herr Carl – auch wenn er in anderen Hotels ganz anders heißen mag – kümmert sich, und er springt auch ein, wenn ein Schriftsteller einmal eine Stunde oder mehr ohne seine ständige Betreuung, seinen Coach, seinen Psychotrainer auskommen muss. In den Presseabteilungen der großen Verlage werden solche Kontakte flüsternd weitergereicht, als seien es die Geheimnisse der Verlagsvorschau oder die Auflagenzahlen der Spitzentitel.
Sie kennen die besten Geschichten
Undenkbar, dass ein Verlagshaus wie Suhrkamp, Hanser, S. Fischer oder Diogenes seine Pressechefin beiläufig mit einem Zeitungsinserat sucht. Als Christoph Groffy, promovierter Anglist und nicht bloß als Siegfried Unselds Sprecher, sondern auch als Übersetzer, Autor und Herausgeber dem Suhrkamp Verlag verbunden, seinen Job aufgab, hat Unseld lange telefoniert, bevor er den promovierten Germanisten Lutz Hagestedt fand – der den Posten verließ, um Literatur-Ordinarius an der Universität Rostock zu werden. Literaturredakteure gibt es, von denen man sich erzählt, dass sie nicht Schriftsteller zum Frühstück am letzten Messe-Tag treffen wollten, sondern deren Vertrauensleute aus den Presseabteilungen der Verlage. Von dieser Branche nämlich verstehen sie allesamt mehr, kennen die größeren Zusammenhänge und erzählen auch die besseren Geschichten.
Noch mehr Geschichten und alle größeren Zusammenhänge kannte nur Burgel Zeeh, ihres Zeichens keine Pressedame, sondern über unglaublich viele Jahre hinweg die Sekretärin von Siegfried Unseld. Eine Geheimnisträgerin, die nichts weitergegeben hat – nicht mal an die Presse.
Text: F.A.Z.