Anselm Kiefer erinnerte an seine Kindheit im “leeren Raum“

Friedenspreis für Anselm Kiefer

Nacht über Mordor

Die Geschichte der Deutschen kehrt in den düsteren Bildern von Anselm Kiefer als variantenreiche Topographie des Bösen wieder. Als erster bildender Künstler wurde Kiefer mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete. Von Julia Voss

Lesermeinungen zum Beitrag

27. Oktober 2008 06:35

Kiefer friedensethisch unbrauchbar - Beuys mit klaren Friedensbotschaften

Günther Diehl (kunst5a)

Julia Voss charakterisiert zutreffend einige Defizite in Kiefers Geschichtsbild. Ergänzend: Kiefers ausschließlich holocaustgrundiertes Deutschland ist friedensethisch unbrauchbar, ebenso seine Kunstbotschaft vom Verfall allen Daseins. Da gibt es keine Friedensperspektive. Demgegenüber haben Fiedenspreisträger wie Marion Gräfin Dönhoff und Saul Friedländer ethisch klare und differenzierende Werke vorzuweisen. Ebenso Beuys, den man anstatt Kiefer posthum hätte ehren sollen. Erinnert sei an Beuys' Aktion mit einem Kojoten in New York 1974, womit er seine Empathie für ein US-beschimpftes Tier und das vernichtete Indianer-Schamanentum zeigte. (Von Finanzkatastrophen unbeeindruckt hat der kleine Präriewolf auf Wall-Street-Journale uriniert.) Erinnert sei auch an Beuys' Stiftungsprojekt "7000 Eichen" in Kassel 1982-87, als urbane Versöhnung von Mensch und Baum ein unmissverständlich friedenskonkreter Beitrag. Außerdem: Seit seinem Stuka-Absturz 1944 traumatisiert und mit Splittern im Körper lebend, war Beuys das wandelnde Davongekommensein. Die vom Stiftungsrat des Börsenvereins diesjährige Fixierung auf einen Bildenden Künstler war zwar berechtigt, aber sekundär gegenüber der Elementar-Kategorie Friedenspreiswürde.

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22. Oktober 2008 04:10

Ungereimtheiten in der Paulskirche: Spies und Kiefer, Beuys, Richter

Werner Hahn (wernerhahn)

Herr Spies meinte zur Revolte von Kiefer & Co.: „Den Aufruhr, den diese Werke damals hervorbrachten, war unerhört. Sie beleidigten Geschmack und Anstand. In gewissem Sinne setzten Beuys, Kiefer, Baselitz, Immendorff, Richter oder Lüpertz bei dieser unterbrochenen Tradition kritischer und schmerzender Bilder ein." Merkwürdig ist, dass einerseits mit diesem Laudatio-Statement dem schamanisch-depressiven Mythensucher Beuys die Friedenspreis-Rede (posthum) ebenso galt. Das Gesellschaftsbild á la Beuys („erweiterter Kunstbegriff“) ist überholt: Nicht-jeder-Mensch-ist-ein-Künstler. Andererseits erwähnt Spies den KMarkt-Star G. Richter, der früher auch ein unkritisches Hitler-Bild gemalt, analog Kiefers „Besetzungen“. Fakt ist, dass GR gerne und oft ungegenständich-unfigürlich malt; siehe GR in „Abstrakte Bilder" im Museum Ludwig Köln. GR repäsentiert eine Postmoderne-Abstraktion - abstrakte „Kunst nur für die Kunst“. Spies’ „Hinrichtung“ der ungegenständlichen Kunst in der Laudatio hat GR-Kunst heruntergestuft, verteufelt. War sich der Kunsthistoriker (Freund der „Ideologie des Surrealismus“; so Spies) eigentlich dessen bewusst? Lob für GoJus Meme zu JV’ Mut, zur Beliebigkeit & Bedeutungslosigkeit („Leere“) zeitgenössischer K-M-Kunst!

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21. Oktober 2008 11:32

Friedenspreis: „Kunst für Mythos & Mystik“

Werner Hahn (wernerhahn)

Gegen das „L’art pour l’art“ – einer „Kunst um der Kunst willen“ (lat. Ars gratia artis) – kann man viel einwenden: besonders wenn man damit abwertend eine „Kunst für die Kunst“ meint, wobei allein die Priorität der künstlerischen Form und der ästhetischen Gestaltung im Vordergrund stehen; ohne Hintergedanken an Semantik (Nutzen, Sinn etc.). Eine extreme Gegenposition zu der durch Spies laut SZ „hingerichteten“ klassischen abstrakten Moderne (damit auch der Postmoderne-Abstraktion) ist die in der Paulskirche propagierte Kunstauffassung mit zweckbestimmter, politisch-agitatorischer Zielrichtung (Beuys & Co). Der Mythomane und Beuys-Schüler Kiefer belegte auch mit seiner Rede in der Paulskirche wiederum, dass er DER Mann der zeitgenössischen „L’art pour le mythe & la mystique“ ist. Vertreter einer ideologiebeladenen „Kunst für Mythos & Mystik“. Dem überholten Dogma von der Selbstzweckhaftigkeit der Kunst (L'Art-pour-l'art- Standpunkt) und der Mythos & Mystik-Kunst stelle ich das ästhetische Postulat einer L'Art-pour-la-science („Erkenntnis-Kunst“) entgegen. Zu Zweifeln des Feuilletons („Hat Kiefer den Friedenspreis überhaupt verdient?“) mehr im www: „FRIEDENs-Preis an Kiefer: Tag der Wahrheit und/oder Tag des UN-FRIEDENs?“

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21. Oktober 2008 11:15

Julia Voss: Nacht über Mordor

Gottfried Junker (GoJu)

Es ist ein Hoffnungsschimmer, dass eine junge Journalistin -Julia Voss- den Mut hat, den Dissens über Anliegen und Beliebigkeit, Sinn und Bedeutungslosigkeit zeitgenössischer Kunst zu hinterfragen und dazu noch den Mut hat, persönlich kritisch Stellung zu nehmen. Julia Voss ist nicht nur hellwach, sie spürt auch, dass da etwas nicht stimmt. Da wird in einer sehr unfriedlichen, ja bedrohlichen Zeit im `Club der goldenen Nasen`ein `Friedenspreis`inszeniert, der allen dient, die dem Club angehören, nur nicht dem flüchtigen Frieden. Und es wird ein Preisträger gekrönt -Anselm Kiefer- dessen Werk sich durch Mystifizierung, Hybris und Hypokrisie auszeichnet. Unter den `weltweit anerkannten`, aber irrwitzig überschätzten Künstlern dieses ratlosen Augenblicks der Kunstgeschichte ist Anselm Kiefer der Verbissenste und Humorloseste im Bestreben, die eigene künstlerische Leere mit Bedeutung aufzuladen. Indem er Stichworte vergangener Kultur und Geschichte nach allen Richtungen hin plündert und vereinnahmt, schliesst er tatkräftig den `magischen`Kreis zu den Gauklern unserer Finanzmärkte.

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20. Oktober 2008 17:08

@peter wais

Gertrud Antonie Pawlik (g.a.pawlik)

Stimme Ihrer Interpretation des Beitrags dieser Jungjournaistin zu - deren oberflächliche und von schierer Lebens- und Geschichtsunerfahrenheit geradezu niederschmetternd ist....und soetwas wird in der FAZ auch noch abgedruckt! Kaum zu fassen.

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20. Oktober 2008 14:09

An der Sache vorbei

Patrick Wais (pwais)

Nicht er, sie selbst Frau Voss rücken die Passage über die Kindheit in den Mittelpunkt, sie selbst zeigen sich davon überrascht und sie müssen, nicht wir, diese Passage um ihrer These Willen sehr ernst nehmen. Ihre These, dass Kiefers Rede und Werk sowie die Äußerungen seiner Kommentatoren geprägt sind von einer infantilen Sicht der Dinge, die das Böse nur zu fassen vermag in klischeehafter Illustration, mythologischem Begriff und in einem sorglos vorgetragenen Vokabular des Abgründigen. Offenkundig können Sie sich die Dimension, die über das Faktische und Politische hinausreicht, nicht vorstellen, ohne dabei an das digitale Pathos des Fantasyfilms zu denken, an Narnia und Geisterbahnen; ein merkwürdiger Kurzschluß. So wendet sich das Experiment, mit dem Sie das Werk Kiefers der Beliebigkeit bezichtigen, schließlich gegen Sie und entlarvt Ihre unsinnige Absicht: Gerade so, als ob die Typographie auf Kiefers Gemälden nicht ebenso unverrückbar dazugehörte wie jeder andere Pinselstrich, tauschen Sie das „Etikett Meistersinger“ gegen das „Etikett Mordor“ und machen aus besagtem Werk ein völlig anderes, ein fiktives Werk von anderem Gehalt und anderer Hand. Nichts jedenfalls, worüber wir reden müssten, wenn wir über Kiefer reden.

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19. Oktober 2008 20:31

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Rainer Treitz (Tigram)

Eine der wichtigsten deutschen Ehrungen - der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels - und in diesem Jahr sogar eine Besonderheit, denn der Preis wurde erstmals an einen bildenden Künstler vergeben - war es der ARD nicht wert, die Übertragung bis zum Ende der Rede von Anselm Kiefer zu verlängern. Die Rede des Geehrten einfach abzuschalten, zeugt von mangelndem Fingerspitzengefühl der Verantwortlichen. Besser hätte man die kritischen Worte zur Qualität des deutschen Fernsehens von MRR nicht bestätigen können. Rainer & Margit Treitz

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19. Oktober 2008 15:08

Preisverleihung ARD Übertragung

Ernst M. W. Koch (EMWKoch)

Der Friedenspreis gilt als eine der höchsten Auszeichnungen in der Bundesrepublik. Um so unverständlicher ist es, dass die ARD die Übertragung der Festrede mitten im Satz abbrechen ließ. Bei einer Fußballspiel-Verlängerung oder einer Unterhaltungsshow werden regelmäßig vorgegebene Sendezeiten überzogen. MRR hatte wohl nur zu Recht, dass er dem deutschen Fernsehen ein sehr niedriges Niveau bescheinigte. emw koch

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