Von Uwe Tellkamp
17. Oktober 2008 Schriftpatrizier. Herr Korra sog an der Zigarre und tippte kategorisch auf einen der Thomas-Mann-Bände des Aufbau Verlags, die nie lange vorrätig blieben. Dann aber beschloss er, ein mir bis heute kaum begreifliches Risiko einzugehen. Der Antiquar kletterte, die Zigarre in den Mundwinkel rollend, eine Leiter hinauf, kramte ein Kästchen hinter der Marx-Engels-Gesamtausgabe hervor und entnahm zwei Blatt Papier. Aus einem Buch getrennt, waren auf dem ersten Fotos zu sehen: eine nächtliche Versammlung Tausender Menschen vor einem Scheinwerfer-Lichtdom; ein mürrischer Hitler, offenbar Abrechnungen prüfend, die ihm seine furchtsam wirkende Halbschwester reicht (sie führte den Haushalt des Berghofs, wie die Bildunterschrift auswies); darunter, dieses Foto betrachtete ich am längsten, saß Hitler, leicht vorgebeugt, lächelnd, in einem Korbstuhl und kraulte einen Hund, vermutlich die Schäferhündin Blondi.
Zwischen Armlehne und Sitz war, ebenfalls aus Korb, das Hakenkreuz geflochten, und es war diese Einwucherung der Swastika in den Gebrauchsalltag, die mich beschäftigte. Wahrscheinlich hatte sich der Hersteller des Stuhls, wie es sich für deutsches Handwerk ziemt, ausgiebig-liebevolle konstruktive Gedanken über den Stuhl gemacht und die Rune über den ornamentalen Zweck hinaus in die Statik des Berghof-Möbels einbezogen. Eine Sitzgelegenheit von Teufeln, so empfand ich.
Schizophrenie des Alltags
Das zweite Blatt war eng bedruckt, dort las ich über Hitlers Zeit im Männerheim in der Wiener Meldemannstraße, als er Postkarten malte, für ein Schweißpuder namens Teddy warb - ein hasserfüllter Taugenichts in seinen trüben Anfängen, geschildert in einer gutbetuchten, nüchtern präzisen, zurückhaltend eleganten Sprache. Der Thomas Mann der Geschichtsschreibung, dieser Joachim Fest, bestimmte der Antiquar. Die beiden Blätter stammen aus einer Biographie. Natürlich nicht zu bekommen. Oberste Giftklasse. - Junger Mann, Herr Korra entwand mir die Papiere und verstaute sie wieder im Kästchen, Sie haben reineweg nischt gesehen oder gelesen. Sollten Sie was gesehen oder gelesen zu haben glauben - dann nicht bei mir. Und sog an der Zigarre, der Aschkegel füllte sich mit Glut.
Ende der achtziger Jahre war Dresden eine Winterstadt, durchquert von der kranken Elbe, die zu kreisen und immer neue Lagen Totenwachs an die verwitterten Zimmer zu lagern schien. Man spürte, dass etwas grundsätzlich nicht mehr stimmte. Empfundene und veröffentlichte Wirklichkeit klafften weit auseinander; Schizophrenie des Alltags. Wer sich mit Phrasen nicht zufriedengab, musste anderswo suchen. Joachim Fest war bekannt, man sprach respektvoll von ihm. Man kannte ihn, weil man Friedrich Karl Fromme kannte, einen der leitenden Redakteure der damaligen F.A.Z. und Sohn Albert Frommes, des hochgeachteten Chirurgen und ersten Rektors der Medizinischen Akademie. Über einzelne Artikel Fests und Frommes wurde gesprochen - erstaunlich, im Nachhinein, wie viel man im Tal der Ahnungslosen dennoch mitbekam von drüben, via Deutschlandfunk vor allem und vom Westbesuch, der nicht nur betörende Düfte mitbrachte. Schattenhaft zwar, als Echos von Echos, sickerten die Informationen ein, die aber Dresden, dieses große Gehör, feinseismisch aufnahm, verstärkte; die Bedeutungsleser machten sich ans Entziffern.
Andere bestimmten, was ich wissen durfte. Andere bestimmten, wie dieses Wissen zu interpretieren war. Das war demütigend - und freilich typisch für ein Land, das seine Bewohner als Staatseigentum betrachtete. Ich wollte in der Lage sein, mir meine eigene Meinung zu bilden. Auch über die Zeit, deren offizielle Sprache - Klemperer bezeichnete sie als LTI, der gleichnamige Reclam-Band war ein DDR-Bestseller - so erschreckend der offiziellen hiesigen glich. Was konnte ich wissen? In den Schulen hörte man: Die Wehrmacht, das waren die Anderen (auf dem Boden der DDR schien es niemals etwas anderes als hehre Klassenkämpfer gegeben zu haben), in den KZs saßen, nackt unter Wölfen, nur heroische Kommunisten, die auf nichts anderes als Widerstand sannen und weder Todesangst noch Vorteilsdenken kannten; die Rote Armee bestand aus nichts anderem als edlen Wohltätern; das Politbüro war vom unumstößlichen Gesetz der Geschichte installiert, und die Partei hatte immer recht.
Zwei frische, wohlschmeckende Scheine
Ich wurde zur Nationalen Volksarmee einberufen, lernte kennen, was es bedeutet, einer Staatsmacht hilflos ausgesetzt zu sein. Ich hörte von Afghanistan; es war der Krieg meiner Generation, die verdammt war, in der Sowjetunion zu leben; dort geboren, wäre ich wahrscheinlich einer der Zinkjungen gewesen, die zwei bis drei Wochen nach der Einberufung im Zinksarg nach Hause zurückkehrten. Ich lebte im Sozialismus, und Sozialismus bedeutete, wie sein Wirklichkeits-Anschauungsunterricht mich lehrte, für die Macht und ihre angeblich so menschenfreundlichen Zwecke verfügbar zu sein. Es begann mich zu interessieren, wie Macht zustande kam, wie sie sich hielt auch dann, wenn Verbrechen in ihrem Namen kein Geheimnis mehr waren. Wie hatte es dazu kommen können, dass Hitler, dass Stalin ihre Mordregime errichten und entfalten konnten?
Die Revolution fegte durch das Land. Ich erfuhr die Agonie des Staats, der sich für immerwährend gehalten hatte. Plötzlich war die Mauer, die scheinbar undurchdringliche Grenze, offen. Auch für Armeeangehörige gab es Urlaub, unsere Offiziere verboten, ihn für einen Besuch im Westen zu nutzen. In einem brachial überfüllten Zug, der von Soldatengesängen widerhallte, fuhr ich, am 17. November '89, nach Berlin. Irgendwo driftete ich in den Westen, landete in einer verschlafenen, unglamourösen Neuköllner Straße, tappte in eine Bank, vor deren Schaltern niemand wartete. Die 100 DM Begrüßungsgeld in Form von zwei frischen, wohlschmeckenden Scheinen hatte ich bis zu meinem Ziel in Angst- und Freuden-Räuschen, die Fäuste ebenso tief wie ungläubig in die Taschen meines Parka gerammt, in farbige Altpapierkugeln zerknüllt.
Das Geld, das ich geschenkt bekommen hatte, bot eine gar nicht kleine Chance. Ich wusste, wie ich es anlegen wollte: in die schlimmstmögliche Konterbande, die für diesen Betrag zu haben war; in Bücher, für die sich das Risiko der Fahrt und einer Kontrolle bei Rückkunft durch den Grenzübergang lohnen sollte. Der Buchhändler, den ich, benommen von den bunten Reklamen, dem Verkehr, den überwältigenden Signalen des Westens, in der Nähe des Ku'damms fand, wies auf mein Nachfragen auf zwei Koffer. Im roten der Sozialismus, im schwarzen das Dritte Reich, sagte er. Das erste Buch, das ich wählte, war der Archipel GULag von Alexander Solschenizyn in der dreibändigen Ausgabe des Scherz Verlags; das zweite war schwarz, Hitler, stand in weißer Schrift darauf, Joachim Fests Biographie, in der Bibliothek der Zeitgeschichte bei Ullstein erschienen. Die Tasche, in der ich meine Beute über die Grenze zurück in das Land transportierte, das DDR noch immer hieß und in dem ich noch immer Unteroffizier auf Zeit war, schien zentnerschwer zu sein und immer schwerer und verräterischer zu werden, je näher ich der Grenzkontrolle kam.
Ich wartete ab, bis ein Pulk jovialer Ku' damm-Bummler hereinschwappte, mit dem ich mich durch das Kontroll-Öhr drückte. Für meine Tasche interessierte sich niemand. Ich fuhr nach Dresden zurück im Glücksgefühl, dem Staat ein Schnippchen geschlagen zu haben; es war mir gelungen, für 100 DM zwei der am strengsten verbotenen Schriften einzuschmuggeln. Hitler und Stalin, deren Protagonisten, erschienen mir wie furchtbare siamesische Zwillinge, die von ihnen geprägte Epoche schwelte unter jener, die nun in einen Strudel geraten war und ihrem Ende entgegentaumelte.
Uwe Tellkamp hat für seinen Roman Der Turm (Suhrkamp) in dieser Woche den Deutschen Buchpreis des Jahres 2008 erhalten. Der gebürtige Dresdener, Jahrgang 1968, lebt in Freiburg.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Barbara Klemm