Von Oliver Maria Schmitt
18. Oktober 2008 Ich bin zu beneiden. Ich habe alles, was ein erfolgreicher Autor braucht: einen sehr guten Namen, ein Wahnsinnsmanuskript, einen mitreißenden Titel und schon sehr bald einen Verlag, der hinter mir steht wie eine Eins mit sieben Nullen und mir beim Geldverdienen hilft. Jetzt müssen Manuskript und Verlag nur noch zueinanderfinden.
Doch das ist kein Problem, denn ich habe das absolute Knüllerangebot. Eine Fusion der beiden größten Bucherfolge der letzten Jahre: Ich bin dann mal weg“, das Jakobsweg-Wanderbuch von Hape Kerkeling, und Feuchtgebiete“, das mit einem Hämorrhoidenpflaster versehene Körpersäftebuch von Charlotte Roche. Und nun gibt es beide Erfolge in nur einem Buch! Von mir! Um auch noch von der grassierenden Ethnowelle zu profitieren (Antonio im Wunderland“ etc.), kommt dieser künftige Bestseller nicht von einem Deutschen, sondern – viel besser – von einem Türken. So werde ich die traditionell freundlichen Gefühle, die man gegenüber der Türkei hegt, synergetisch für mich nutzen. Und auf der Frankfurter Buchmesse (Gastland: Türkei!) ein Manuskript anbieten, das nicht ich geschrieben habe, sondern der junge, vielversprechende, aber leider noch unbekannte türkische Autor Ertugrul Osmanoglu.
Wanderung von Istanbul nach Berlin
Gerade hat mein osmanisches Alter Ego die Arbeit an dem Zweihundert-Seiten-Werk beendet, ihm den Titel Ich bin dann mal in der Nasszelle“ gegeben und ist insgesamt hochzufrieden. Dieses Manuskript, das spüre ich, wird sich auf der Messe verkaufen wie von selbst. Die spektakuläre Rahmenhandlung: Ein junger Türke wandert aus lauter Liebe, nur mit einem Rollkoffer bewaffnet, von Istanbul nach Berlin, trotz einer äußerst schmerzhaften Analfissur, die ihm das Gehen erschwert. Sein Ziel ist die urologische Abteilung der Charité. Dort arbeitet die deutsche Krankenschwester Ingeborg. H. Ertugrul ist unsterblich in sie verliebt und will ihr einen Heiratsantrag machen.
Auf der langen Wanderung denkt er pausenlos über die Liebe nach und muss wegen seiner nässenden Wunde immer wieder neue Sanitärräume aufsuchen. Vor dem Hintergrund einer romantischen Liebesgeschichte wird so der lange, beschwerliche Weg der Türkei nach Europa nachempfunden, außerdem werden neue, attraktive Wanderwege für Jung und Alt vorgestellt, und mit den Armeniern wird obendrein auch noch abgerechnet. Ein schonungsloses, ein offenes, ein leidenschaftliches Buch. Ein Welterfolg.
Erbleichende Gesichter
Bevor ich das Manuskript am Mittwoch auf der Messe an den Mann bringe, bevor alles losgeht, will ich mir einen ersten Überblick verschaffen. Die Stimmung auf dem Buchmarkt checken. Und zwar beim dienstagabendlichen Empfang des Berlin Verlages. Er gilt als die inoffizielle Eröffnung der Messe. In den Katakomben des Frankfurter Hofs“ ist die Stimmung merkwürdig ausgelassen, ja, aufgepeitscht. Am Eingang zum Saal steht eine alte Frau. Es ist Ingo Schulze. Er lacht. Kein Wunder, der hat sein Buch ja auch schon verkauft. Auf hundert aufgestellten Plasmabildschirmen laufen Interviews mit Autoren, die allesamt aussehen wie Businesstypen. Geld liegt in der Luft. Ideales Klima für Vorverhandlungen. Ich hole meinen dicken Manuskriptpacken aus der Umhängetasche und plaziere ihn demonstrativ auf einem freien Stehtisch. Erbleichende Gesichter der Umstehenden. Sofort bildet sich ein etwa fünfzig Meter breiter Graben um meinen Tisch. Frechheit. Und das nur, weil ich einen türkischen Autor vertrete!
Ich entdecke den mächtigen Literaturkritiker Denis Scheck. Wenn dieser Mann einem Buch den Segen erteilt, kann es in Deutschland zum Welterfolg werden. Ich schildere ihm mein Projekt; ruhig und konzentriert folgt er meinen Ausführungen. Das könne ein sehr erfolgreiches Buch werden, meint er, nur sehe er da zwei entscheidende Schwachpunkte: Erstens sei der Titel zu lang, zu sperrig“. Ich kontere mit dem neuen Kracht-Titel. Er gibt sich geschlagen. Zweitens, das mit der Wanderung. Das sei unglaubwürdig“ und dauere außerdem viel zu lang. Der Erzähler solle einfach nach Berlin fliegen, dann sei er schneller bei seiner Krankenschwester. Meinen Einwand, dass das Buch dann aber viel dünner werde, höchstens zwanzig Seiten lang, lässt er nicht gelten. Umso besser“, sagt Scheck und übergibt mich an einen mir unbekannten Herrn.
Ferienlektüre zum Wegwerfen
Der heißt Lutz Wolff und ist Cheflektor bei dtv. Er hat bereits von meinem Projekt gehört, nämlich gerade eben. Sagenhaft, diese Buchmesse, denke ich, eine echte Kontaktbörse. Wolff ist auf meinen Wanderroman extrem heiß. Vor vielen Jahren sind ihm mal die Lizenzrechte für The Beach“ durch die Lappen gegangen, eine solche Schlappe will er nicht noch einmal erleben. Er erklärt mir, dass mein Buch ein Me too“-Titel sei, ein Nachahmerprodukt“, ein Trittbretttitel“. Sobald ich mit meinem Me too“ bei einem anderen Verlag erfolgreich gewesen sei – sein eigener sei ihm dafür zu schade –, erkläre er sich bereit, einen Auszug davon (vielleicht so zehn, fünfzehn Seiten“) in eines seiner jährlich erscheinenden Strandbücher“ zu packen: Klassische Ferienlektüre zum hinterher Wegwerfen.“ Empört verlasse ich den Frankfurter Hof“.
Mittwochmittag. Heute erobert Ertugrul Osmanoglu die Buchmesse. Mein Landsmann Abdullah Gül ist auch schon da. Der türkische Staatspräsident informiert sich über neue Bücher, die er demnächst in seiner Heimat zensieren lassen will. Ich gehe direkt nach Halle 6.2, ins Agentenzentrum“. Dort werden die wahren Geschäfte gemacht. Ich darf an einem freien Verhandlungstisch Platz nehmen, gemeinsam mit dem absoluten Top-Agenten Joachim Jessen. Der ist absolut topschockiert, als er erfährt, dass ich das Agentenzentrum mit einem Manuskript betreten habe. Offenbar habe die Taschenkontrolle am Eingang versagt. Irre mit Manuskripten“ flögen hier sofort raus. Er sucht auf seinem Terminkalender nach einer freien Minute für unsere Verhandlung – findet aber keine. Seit Sonntag sei er schon im Einsatz. Bevor die Buchmesse öffne, würden die Geschäfte im Frankfurter“ und im Hessischen Hof“ gemacht. Rechte und Lizenzen im Minutentakt. Gelesen werde da gar nichts mehr, das habe man längst vorher erledigt.
Dort ist der Ausgang
Um etwas Schärfe und Feuer in die stockende Verhandlung zu bringen, greife ich zu einem genialen Bluff. Ich sage, dass er sich schnell entscheiden müsse, denn es seien schon etliche große Publikumsverlage hinter meinem Buch her. Aber das sei ja hervorragend, ruft Jessen begeistert und springt auf. Dann solle ich doch mit denen reden und ihm nicht weiter wertvolle Sekunden stehlen. Und dort, wo er gerade hinzeige, sei übrigens der Ausgang.
Verdammt. Um ein Haar gescheitert. Also suche ich tatsächlich einen großen Publikumsverlag auf. Der Buchpreisinhaber Uwe Tellkamp sitzt am Stand einer großen Tageszeitung und erklärt, dass viele Autoren das ja nicht zugeben würden, aber er kontrolliere jeden Tag seinen Chartplatz bei Amazon.
Beim Rowohlt-Verlag kann ich Marcus Gärtner, den Programmchef der Taschenbuch-Belletristik, in eine ausweglose Sitzecke pressen. Ruhig und konzentriert hört er sich meinen Plan an. Er ist begeistert, ja, er sei generell für Erfolgskombinationen“. Na also! Erst neulich habe sein Verlag erfolgreich die Genres Krimi und Jakobswegliteratur kombiniert und nach tagelangem Gehirnzermürben den genialen Titel Tod auf dem Jakobsweg“ gefunden. Mein Wanderbuch sei wahrscheinlich klassischer Erfolgsstoff“, nur der Titel sei zu sperrig. Hat er hinter meinem Rücken mit Scheck gesprochen? Ich bin dann mal feucht“, fände er besser. Ich aber nicht. Die Verhandlung ist beendet.
Bitte nur mit Soundtrack
Ich bewege mich auf den schicken Stand des Branchenneulings Edition Edel zu. Gegenüber sitzt schon wieder Uwe Tellkamp und erklärt einem anderen Mikrofon, dass er täglich stundenlang das eigene Amazon-Ranking kontrolliere. Bei Edel will man das Geld, das mit Platten nicht mehr zu verdienen ist, jetzt mit Büchern machen, mit schönen, aufwendig gemachten Büchern. Genau das Richtige für mich. Verlagschef Michael Haentjes hört sich mein Angebot ruhig und konzentriert an. Die Sache klinge gut, sagt er. Sein Gesicht hellt sich auf, meines auch, ich reiche ihm die Hand, um den Deal perfekt zu machen, da meint er: Ja, klingt gut – muss aber auch gut klingen.“ Ich verstehe nicht. Na ja, er setze ja derzeit voll auf sein Erfolgsprodukt Ear-Books“, opulente Bücher mit beigelegtem Soundtrack. Nun müsse ich meine Wanderung eben noch mal machen und alles mitschneiden: die Laufgeräusche und das Quietschen meines Rollkoffers. Von Istanbul bis nach Berlin. Gut abgemischt auf vier CDs – das müsse dann dem Buch beiliegen. Ich bin ratlos, bin überfordert, bitte mir Bedenkzeit aus und verschwinde.
In Halle 4.0 steht eine alte Frau. Es ist nicht Ingo Schulze. Sie weist mir den Weg zum Stand des hochangesehenen Verlags von Antje Kunstmann. Unterwegs treffe ich den traditionell gutaussehenden Literaturkritiker Uwe Wittstock. Er ist von meinem Projekt sofort begeistert. Die Analfissur, umgangssprachlich auch Afterriss“ genannt, sei ja im Prinzip immer ein Thema“, so was lese man gern, meint er, vor allem, wenn’s jemand anderes hat“. Wenn das Buch kunstvoll geschrieben sei und mindestens so gut wie das seiner Meinung nach beste aller Wanderbücher, nämlich Vom Gehen im Eis“ von Werner Herzog, dann könne er mir schon jetzt eine hymnische Besprechung garantieren. Allerdings schlage er einen griffigeren Titel vor, vielleicht Der sich den Wolf läuft“.
Um Sekunden verfehlt
Mit dieser phantastischen Rezension in der Tasche spreche ich bei Antje Kunstmann vor. Sie hört sich mein Angebot ruhig und konzentriert an und winkt sofort ruhig und konzentriert ab. Ich komme zu spät, sagt sie. Gerade habe sie ein Manuskript mit dem Titel Nasszelle“ auf dem Tisch, das Thema sei also schon abgefrühstückt“. Mist. Das Ziel um Sekunden verfehlt.
Kraftlos wanke ich durch Halle 4.1. Am Stand von DuMont wird Gratiswein verklappt. Ich entdecke den legendären Kleinverleger Klaus Bittermann. Meine letzte Rettung. Er hat vier Weißweingläser in und acht Ringe an der Hand. Die Geschäfte gehen gut. Dass er einer der berüchtigten dreiundzwanzig Verleger ist, die seinerzeit das Bestsellermanuskript Schlafes Bruder“ von Robert Schneider abgelehnt haben, kratzt aber noch am Gemüt. Eine solche Schlappe will er nicht noch einmal erleben. Interessiert hört er sich mein Angebot an, trinkt seine vier Gläser leer – und lehnt ab: Aus drei Gründen“, sagt er und setzt sein kältestes Verlegergesicht auf. Erstens interessieren mich keine Wanderbücher, zweitens interessieren mich keine Bücher über Körperflüssigkeiten – wenn ich als Kleinverleger das CharlotteRoche-Buch gemacht hätte, wären davon keine fünftausend weggegangen –, und drittens interessiert die Türkei keine Sau.“ Ob das sein Ernst sei, frage ich entsetzt. Ja, sagt er, daran könne nicht mal dieser Orhan Pumuckel“ etwas ändern.
Verstört wende ich mich ab. Ungeheuerlich, wie hier mit einem unbescholtenen türkischen Autor umgesprungen wird. Das hat Ertugrul Osmanoglu nicht verdient. Ich verlasse das Messegelände und gehe los. Mein Schritt ist fest. Ich gehe weiter, immer weiter. Dorthin, wo man mein Buch zu schätzen weiß. Istanbul, ich komme.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa, Helmut Fricke, Julia Zimmermann, Marcus Kaufhold, Michael Hauri, WDR/Kurt Bauer