Hörbuchverlage

Audio ist meine Lektüre

Von Wolfgang Schneider

Hörbücher sind Kino für die Ohren: Szene aus dem Film “Berlin Calling“

Hörbücher sind Kino für die Ohren: Szene aus dem Film "Berlin Calling"

Seit 2007 hat sich die Zahl der Hörbuchkäufer verdoppelt, der Markt wächst rasant. Vom Branchenprimus bis zum edlen Kleinverlag - alles, was Sie über die neun wichtigsten deutschen Hörbuchverlage wissen müssen.

Der Hörverlag

Gegründet 1995, ist der Hörverlag heute der Branchenprimus. 120 Novitäten erscheinen jedes Jahr. Der Verlag betreibt erfolgreiche Mischkalkulation; die nötige Bestsellerquote von zwanzig Prozent wird erreicht. Der Anspruch, Stoffen durch das Hören neue Dimensionen zu verleihen, wird überzeugend eingelöst, etwa im fulminant geglückten Mammut-Hörspiel von Thomas Manns „Doktor Faustus“. Solche Produktionen wie auch Peter Matics Proust-Komplettlesung oder die Inszenierung „Otherland“ mit 220 Hörspielern sind nur in Zusammenarbeit mit Radiosendern möglich. Doch das Verhältnis ist getrübt, seit die Sender ihre Inhalte selbst kostenlos als Download anbieten.

Deutsche Grammophon Literatur

Begonnen hat alles vor 54 Jahren, mit der Sprechplatte von Gründgens' Düsseldorfer „Faust“-Inszenierung. Heute produziert die Deutsche Grammophon dreißig bis vierzig Hörbücher pro Jahr. Qualität geht vor Quantität, auch in Zeiten des ausdifferenzierten Hörbuchmarkts, da fast alles, was gedruckt wird, auch als Lausch-Ware zu haben ist. „Zu viele qualitativ schlechte Veröffentlichungen verstopfen den Markt“, heißt es im Verlag. Darauf kontert man, etwa mit dem besten Hörbuch zum Kafka-Jubiläum: Ulrich Matthes Lesung vom „Schloss“. Neben herausragender Gegenwartsliteratur (Georg Kleins Roman „Libidissi“) trumpft der Verlag mit klassischen Kostbarkeiten aus den Archiven – „Moby Dick“ zum Beispiel, gelesen von Rolf Boysen.

Zweitausendeins

Zweitausendeins hat eine kleine, aber feine Hörbuchproduktion. Schon seit den Siebzigern bietet man literarische Hör-Erlebnisse, was damit zu tun haben mag, dass der Verlag seit je ein Faible für Prosa mit hohem Vorlesereiz hat. Ganz vorn war er in den letzten Jahren mit der Publikation von Mp3-Hörbüchern. Die Preisphilosophie ist ramschfremd, aber kundenfreundlich: „Hörbücher dürfen so teuer sein wie ein gutes Buch.“ Der Hörer freut sich über kongeniale Komplettlesungen von Weltliteratur (Christian Brückner in seiner Lebensrolle als Ahab, Wolfram Bergers 62-Stunden-Musil) und Originalton-Werkausgaben, so die preisgekrönte Edition von Benns Hörwerken.

Random House Audio

Mit hundert Hörbüchern jährlich gehört Random House Audio, gegründet 1999, zu den Marktführern. Hinzu kommen erfolgreiche Kooperationen wie „Starke Stimmen“ mit der Zeitschrift „Brigitte“ oder Popliteratur mit dem „Rolling Stone“. Die zugkräftigen Formate Comedy, Kabarett und Krimi haben breiten Platz im Programm. Andererseits stemmt man eine Box mit sämtlichen deutschen Hörspielfassungen von Shakespeares Dramen. Oder verfolgt eigenwillige Projekte wie den „Spoken Song“, mit Jörg Fausers Gedichten oder Udo Lindenbergs lyrischen Höhenflügen aus drei Jahrzehnten. Unter dem Dach des Verlags hat auch parlando, die „Edition Christian Brückner“, eine Heimat gefunden. Sie garantiert hochklassige Lesungen, gerade erschien Melvilles Erzählung „Ich und mein Kamm“.

Hörbuch Hamburg

Mit 180 Hörbüchern jährlich ist der 1999 gegründete Verlag ein „Big Player“. Auch bei Hörbuch Hamburg betreibt man Mischkalkulation mit Krimi und Fantasy. Vor allem steht der Verlag für literarische Qualitätslesungen, etwa Wolfram Bergers Interpretation von Bohumil Hrabals „Ich habe den englischen König bedient“. Der Verlag vergibt einen internen Sprecher-Preis, den dieses Jahr Dietmar Mues erhalten hat – aktuell ist er mit Tanpinars „Uhrenstellinsitut“ im Programm. Auf die Frage, was ein gutes Audiobuch ausmache, gibt man hörenswerte Antwort: „Inhaltliche Qualität und Hörbuch-Eignung der literarischen Vorlage, Auswahl der Sprecherstimme passend zum Inhalt, gute Regiearbeit, die Akzente, Pausen und Tempo beachtet, eventuelle Kürzungen sorgfältig ausgeführt, eine das Auge ansprechende Verpackung, gute Klangqualität.“

Onomato

Schon in der Aufmachung unterscheiden sich Onomato-Hörbücher von der Konkurrenz – wie edle Hör-Oblaten sind die CDs eingelegt in die Boxen aus rauem Karton mit Verschlussfädchen. Verleger Axel Grube will mit dem Hörbuch anknüpfen ans Älteste, die „mündliche Überlieferung“. Er weiß: die großen Stilisten waren selbst „Laut-Leser“. Im Gegensatz zum üblichen Vertrauen auf zugkräftige Schauspielernamen definiert er, was eine Qualitätslesung ausmacht: Die Sprecher müssen lange mit den Texten umgehen und die Gehalte oder Motive selbst „durchleben“, damit sie auch die Schwingungen des Ungesagten mitklingen lassen können. Dem Anspruch wird vor allem Axel Grube gerecht, mit Lesungen von Nietzsche und Heine. Da ist ein Freund der Texte am Mikrofon. Grube setzt auf den „Graswurzel-Charakter“ der Produktion; auf eigenes Studio und eigene Musik. Sein Credo: Nur wem es mehr um die Sache geht als um die Produktion von Handelsware, wird wirtschaftliche Relevanz haben.

Patmos

Seit 1987 gibt es bei Patmos Hörspielproduktionen für Kinder. 1998 kam das Hörbuchprogramm für Erwachsene hinzu. Mit fünfzig Titeln pro Jahr liegt Patmos im Mittelfeld. Auch dieser Verlag setzt auf Mischkalkulation: Tommy Jauds „Vollidiot“ spült Geld in die Kassen, mit dem sich dann ambitionierte Projekte wie der Hör-Conrady verwirklichen lassen: 1100 deutsche Gedichte aus 900 Jahren, gelesen von vierzehn Top-Stimmen. Eines der schönsten Hörbücher dieses Jahres kommt von Patmos: Monica Bleibtreus Lesung von Richard Yates Roman „Easter Parade“. Die Preis-Philosophie grenzt sich ab von der Tendenz zum Billig-Hörbuch.

Der Audio-Verlag

Auch der Audio Verlag entstand 1999. Er ist verbunden mit Aufbau, bietet aber nicht nur Zweitverwertungen. Vielmehr ist das Programm geprägt von Rundfunk-Kooperationen, wobei man weniger die Lesungen großer Romane als diverse Formen des Hörspiels im Blick hat, auch Hörspiel-Kurzfassungen wichtiger Romane. Solche Umsetzungen sind riskant; der Audio-Verlag hat eine Reihe routiniert-geglückter Arbeiten im Programm. Auch bemerkenswerte Features und O-Ton-Dokumentationen haben ihren festen Platz, zuletzt die wiederentdeckten Tonbandprotokolle des Baader-Meinhof-Prozesses, ein Zeitzeugnis ersten Ranges. Ein Hör-Erlebnis ist „Von Bismarck zu Hitler“, vom alten Sebastian Haffner mit brüchiger Stimme vorgetragen. Herausragend auch Jörg Gudzuhns Lesung von Werner Bräunigs „Rummelplatz“. Zu den wenigen aufwendigen Projekten gehören ungekürzte Hörbuch-Fassungen der Werke von Gabriel Garcia Marquez.

tacheles!

Bei tacheles! gibt es das etwas andere Audiobuch, charaktervolles Hörgut wie Sven Regeners Lehmann-Lesungen oder Ulrich Tukurs grandiose Interpretation von Horvaths „36 Stunden“. Oder Katharina Thalbachs Solo-Performance von Shakespeare-Stücken in den Übersetzungen von Thomas Brasch. Oder „Brehms Tierleben“, rasant augenzwinkernd gelesen von Roger Willemsen, mit gelungenen musikalisch-animalischen Einlagen. Kabarett der besseren Art findet Unterschlupf in dem 1996 gegründeten Wort-Label. Ein Überraschungserfolg war „Fleisch ist mein Gemüse“, Heinz Strunks peinlich-komische Passionsgeschichte eines Tanzmusikers aus Hamburg-Harburg. Es ist ein Buch, das man auf keinen Fall lesen sollte, denn nur gehört als Autorenlesung entfaltet es seine Wirkung.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Movienet/Cinetext

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