08. März 2005 In Deutschland ist das "VoIP"-Fieber ausgebrochen. VoIP steht für "Voice over Internet Protocol" oder einfach für Internet-Telefonie. Die Idee dahinter ist einfach: Telefonate über das Internet sind faktisch kostenlos. Rund 1,75 Millionen Deutsche haben sich schon die Software des Internet-Telefoniesystems Skype auf ihren Rechner geladen.
Die deutschen DSL-Zugangsdienste wollen da nicht zurückstehen: "Freenet hat zur Zeit mehrere hunderttausend Internet-Telefonie-Kunden", sagte der Freenet-Vorstandsvorsitzende Eckhard Spoerr dieser Zeitung, der als erster Anbieter das Internet nun mit dem Mobilfunk verknüpft: Das Freenet-Handy IP1 ist unterwegs ein normales Mobiltelefon, bucht sich aber zu Hause über den Kurzstreckenfunk Bluetooth in das Internet ein. Der Clou: "Alle Telefonate ins deutsche Festnetz sind kostenlos.", sagte Spoerr.
Freenet vorn
Freenet übernimmt damit als erster Anbieter auch die Entgelte, die von der Deutschen Telekom erhoben werden, wenn ein Gespräch aus dem Internet in das Festnetz überführt wird. Bisher sind Internet-Telefonate nur dann kostenlos, wenn das Gespräch das Datennetz nicht verläßt. Gespräche in Mobilfunknetze werden gleich über die Handy-Netze geleitet.
"Das Handy haben wir gemeinsam mit Alcatel entwickelt. Zuvor haben wir mit einigen Geräteherstellern gesprochen, uns dann aber für Alcatel entschieden", sagte Spoerr. Abhängig von der Nachfrage sollen später auch Geräte anderer Hersteller angeboten werden. Noch offen ist der Mobilfunk-Partner. "Wir stecken in den Endverhandlungen mit den Mobilfunk-Netzbetreibern und Service-Providern. Natürlich werden wir das Handy bevorzugt mit einem Mobilcom-Vertrag anbieten, wenn wir die richtigen Konditionen hinbekommen", sagte Spoerr.
Der Handy-Tarif soll möglichst einfach sein. "29 Cent oder 30 Cent je Minute rund um die Uhr wären ein guter Tarif", verrät Spoerr, der sich auch eine Tätigkeit als sogenannter virtueller Netzbetreiber (MVNO) vorstellen kann. "Diese strategische Weiterentwicklung halten wir uns offen, da es attraktiver ist als der Wiederverkauf der Telefonminuten. Aber wir führen keine konkreten Verhandlungen über MVNO", sagte Spoerr. Der Einstieg in den Mobilfunk wird auch vom Verlauf der möglichen Verschmelzung mit der Mehrheitseignerin Mobilcom abhängen, deren Ergebnis Spoerr als "völlig offen" bezeichnete.
Ob Internet-Telefonie ein Geschäft ist?
Zur Computermesse Cebit steigt sogar die Telekom-Tochtergesellschaft T-Online in das Geschäft mit der Internet-Telefonie ein. "T-Online-Kunden können künftig am Computer miteinander umsonst telefonieren", sagte der T-Online-Vorstandsvorsitzende Rainer Beaujean während der wohl letzten Vorstellung der T-Online-Jahresbilanz in der vergangenen Woche. Erst in einem zweiten Schritt sollen die Kunden auch ihre gewohnten Telefongeräte für Gespräche über das Internet nutzen können. Ob die Internet-Telefonie ein Geschäft ist, bezweifelt Beaujean aber noch. "Die Internet-Telefonie wird kein großes Umsatzwachstum hervorrufen, ist aber notwendig, um die Kunden zu binden", sagte Beaujean. Auch der Online-Dienst AOL, mit 750.000 DSL-Kunden der zweitgrößte T-Online-Konkurrent, plant den Einstieg in die Internet-Telefonie. Allerdings soll vom Start an ein Produkt für den Massenmarkt angeboten werden, das Gespräche unabhängig vom Computer ermöglichen soll.
Je mehr Online-Dienste, desto mehr Gesprächspartner
Je mehr Online-Dienste ihre Netze zusammenschalten, desto mehr Gesprächspartner können kostenlos über das Internet erreicht werden. Bisher haben Freenet, Web.de und Sipgate eine entsprechende Vereinbarung geschlossen. United Internet macht noch nicht mit, dürfte sich der Allianz aber wohl bald anschließen. Von T-Online wird ein solcher Schritt aber nicht so bald erwartet.
Internet-Telefonie ist aber mehr als einfach nur billig, denn das technische Potential ist noch nicht einmal ansatzweise ausgeschöpft. Zum Beispiel lassen sich über die DSL-Datenleitung mehrere Gespräche gleichzeitig führen. Ein digitaler Anrufbeantworter und Videotelefonie gehören ebenso zu den technischen Vorteilen der Internet-Telefonie, die in wenigen Jahren die mehr als 100 Jahre alte Festnetztelefonie technisch klar überflügelt hat.
Herausforderung für die Ingenieure
Seit etwa zwei Jahren entwickeln die Mobiltelefonhersteller auch W-Lan-Handys, die sich wahlweise in ein lokales Funknetz (W-Lan) oder ein traditionelles Mobilfunknetz einbuchen. Die Kombination der beiden Techniken stellt die Ingenieure aber vor einige Herausforderungen: "Ein W-Lan belastet den Akku des Handys noch zu stark. Dagegen ist Bluetooth in vielen Handys bereits integriert", sagte Spoerr. Der amerikanische Hersteller Motorola hat auf der Mobilfunkmesse in Cannes eine Kooperation mit Skype angekündigt. Noch im ersten Halbjahr 2005 sollen die Handys mit vorinstallierter Skype-Software auf den Markt kommen.
Siemens scheint die Akkuprobleme schon im Griff zu haben und zeigt auf der Cebit das Gigaset S35. Das Schnurlostelefon kann sich in lokale Funknetze einbuchen, die nach dem SIP-Standard funktionieren. SIP steht für Session Initiation Protocol und ist ein weit verbreiteter offener Standard für Internet-Telefonie, der von der Internet Engineering Task Force entwickelt wurde. SIP ist auch der Standard, den die deutschen Internet-Zugangsdienste nutzen. Siemens bietet auch einen Adapter an, der Skype-Telefonate mit einem normalen Gigaset-Telefon des Münchner Unternehmens ermöglicht. Skype hat einen eigenen Standard entwickelt, der allerdings mit dem SIP-Standard nicht vereinbar ist.
Deutschland noch am Anfang
Im internationalen Vergleich steht die Internet-Telefonie in Deutschland aber noch am Anfang. In Asien, zum Beispiel in Japan, Hongkong und Taiwan, aber auch in Italien, Großbritannien, Österreich und den Niederlanden haben die Gespräche über das Netz schon einen weit höheren Stellenwert erreicht als in Deutschland, hat Arthur D. Little herausgefunden. Bis zum Jahr 2010 werden dann drei Viertel aller Breitband-Haushalte Gespräche über das Internet führen, erwartet Arno Wilfert, Internet-Experte von Arthur D. Little. Auch Skype wächst sehr schnell: Schon 28 Millionen Internetnutzer in aller Welt hätten sich die Software aus dem Netz geladen, sagte Skype-Sprecherin Kat James.
Text: ht., F.A.Z., 07.03.2005, Nr. 55 / Seite 21
Bildmaterial: dpa