Von Matthias Wolf, Berlin
08. Dezember 2006 Dieser Tage hatte Falko Götz einen ungewöhnlichen Termin. Der Trainer von Hertha BSC überreichte in einer Berliner Klinik einem Neugeborenen einen Strampelanzug mit Vereinslogo. Das paßt prima ins Bild: Bei Hertha kümmern sie sich eben früh um die Talente.
Zehn Spieler seines Kaders hat der Bundesligaverein selbst ausgebildet; aus Berlin kommen aktuell 29 Junioren-Nationalspieler. Im Jugendbereich", sagt Götz, sei man Bayern Münchens stärkster Konkurrent. Wenn wir nicht schon vorbeigezogen sind."
Bilanzkosmetik hinterläßt Beigeschmack
Auch Manager Dieter Hoeneß verwies bei der Mitgliederversammlung auf die vielleicht beste Nachwuchsarbeit Deutschlands". Allerdings kam just bei dieser Veranstaltung auch der Verdacht auf, daß Hertha nicht ganz freiwillig diesen bemerkenswerten Weg beschritten hat. Um die Rekordschulden von 55,4 Millionen Euro nach einer Saison mit Rekordverlust (16,8 Millionen) gab es einigen Wirbel, weil Geschäftsführer Ingo Schiller die Zahlen zum Stichtag 30. Juni 2006 nicht verkündet hatte, sondern ein wenig Bilanzkosmetik betrieb. Er nannte 48,8 Millionen Euro Verbindlichkeiten zum 18. Juli und 45,2 Millionen zum 31. Oktober. Ein fader Beigeschmack blieb.
Auch eineinhalb Wochen später mag die Klubführung nicht erklären, wie sie binnen weniger Wochen fast sieben Millionen Euro aufgetrieben hat. Das Geld kommt von einem Lieferanten, der von uns aber nicht genannt wird", sagt Werner Gegenbauer. Der Aufsichtsratsvorsitzende hatte Schiller für sein Vorgehen öffentlich gemaßregelt, wegen Blödheit in der Darstellung". Mittlerweile spricht er von Kuddelmuddel in der Kommunikation".
Wirtschaftet Hertha wie einst der BVB?
Künftig will Hertha die Zahlen bereits am Morgen des Versammlungstages vorlegen. Kritiker behaupten dennoch, beim Hauptstadtverein fehle es weiter an der Transparenz. Einen schweren Schaden hatte in dieser Hinsicht Gegenbauers Vorgänger Rupert Scholz dem Verein zugefügt, als er im Herbst 2005 die Schulden mit zehn bis zwanzig Millionen" bezifferte - wider besseres Wissen. Tatsache ist, daß sich viele Fans sorgen, wie ernst es wirklich um den Verein steht. Und vielleicht stehen sie deshalb auch der Erfolgsstory von den jungen Wilden nicht uneingeschränkt positiv gegenüber. Hat Hertha, ähnlich wie einst der VfB Stuttgart, gar keine andere Wahl mehr, als auf billigere Jungstars zu setzen? Wurde jahrelang über die Verhältnisse gelebt, und nun steht Hertha BSC mit dem Rücken zur Wand, wirtschaftete ähnlich waghalsig wie früher Borussia Dortmund?
Wir liegen sogar über Plan, haben alles im Griff, der Haushalt ist bis 2010 durchfinanziert, die Liquidität gesichert", hält Gegenbauer entgegen. Das klingt auch deshalb glaubwürdig, weil ein Konsortium aus drei Banken über die Finanzen des Vereins wacht, der teilweise für Kredite auch Rechte an Spielern abgetreten hat. Es gibt einen klaren Fünfjahresplan. Alles wird mit den Instituten abgestimmt", betont Gegenbauer. Hertha wird also auf die Finger geschaut, was auch bedeutet: Einfach mal so einen großen Transfer tätigen, das geht nicht mehr so einfach. Es sei denn, der Klub findet irgendwann einen strategischen Partner, der für mehr Eigenkapital sorgt. Die Suche läuft.
Geplant: Mit den Jungstars in die Champions League
Glaubt man Gegenbauer, käme Hoeneß aber auch nicht auf diese Idee, noch einmal groß einzukaufen: Es macht keinen Sinn, einen Star zu holen. Das Gefüge in der Mannschaft muß stimmen, auch was die Gehälter angeht." Gegenbauer hält den Personaletat mit rund 28 Millionen Euro für ausreichend, um gut Fußball spielen zu können". Neueinkäufe werde es auch in diesem Winter nur geben, wenn andere Spieler von der Gehaltsliste gestrichen werden könnten. Diese Politik sei nicht nur aus der Finanznot geboren.
Denn auch er habe nie daran gedacht, den üppigen Etat für die Nachwuchsarbeit (4,5 Millionen) und damit das ausgeklügelte System aus Scouting und Ausbildung zu beschneiden. Zudem seien keine Transfererlöse eingeplant. Denn man wisse genau, daß die jungen Spieler erst reifen müssen, um dem Verein Spitzenplätze zu bescheren. Derzeit verweisen Götz und Hoeneß oft auf die Unerfahrenheit als größte Fehlerquelle. Gegenbauer jedoch hält es nicht für ausgeschlossen", daß Hertha die Champions League erreichen kann: Mittelfristig haben wir das Ziel."
Stolz, wieder eine echte Berliner Truppe zu haben
Der Berliner Unternehmer erfreut sich aber heute schon daran, daß Hertha wieder ein Hort für Fußball-Romantiker wie ihn geworden ist, die Eigengewächse statt Legionäre wollen. Fußball ist nicht nur ein Thema der Finanzen, sondern auch der Emotionen", sagt er: Ich bin stolz, daß wir wieder eine echte Berliner Truppe haben." Auch weil bei keinem Verein in Deutschland die Durchgänge vom Amateur- zum Profilager so groß und durchlässig sind wie in Berlin.
In den letzten sechs Jahren hat Hertha vierzehn Spieler aus dem eigenen Jugendhaus zu Erstliga-Einsätzen gebracht, darunter Profis wie Kevin Prince Boateng oder Sofian Chahed, denen eine internationale Karriere prognostiziert wird von Nachwuchstrainern wie Bernd Stöber. Er ist beim Deutschen Fußball-Bund für die Jahrgänge U 15 bis U 17 zuständig und sagt: Bei Hertha wachsen gleich mehrere hochtalentierte Jahrgänge heran", der Verein arbeite vorbildlich, weil er sie nicht nur ausbildet, sondern auch auf höchstem Niveau einsetzt." Wenn das noch irgendwann nicht nur Lob, sondern auch die heißersehnten Titel bringt, wird keiner mehr fragen, ob Hertha zu ihrem Glück gezwungen wurde.
Text: F.A.Z., 08.12.2006, Nr. 286 / Seite 35
Bildmaterial: AP, dpa
