Viele Aufgaben vor sich

Michael Skibbe stößt an seine Grenzen

Von Marc Heinrich und Josef Schmitt, Frankfurt

Hat schon viel hinter sich, aber noch mehr bei der Eintracht Frankfurt vor sich: der neue Trainer Michael Skibbe.

Hat schon viel hinter sich, aber noch mehr bei der Eintracht Frankfurt vor sich: der neue Trainer Michael Skibbe.

24. Juni 2009 Michael Skibbe ist in diesen Tagen in zweierlei Hinsicht ein suchender Mensch: zum einen sichtet er nach wie vor den Fußballmarkt nach Kandidaten, die er für ein Engagement bei der Eintracht gewinnen könnte. Außerdem hält er die Augen offen nach einer Wohnung, am liebsten citynah und in Main-Nähe, die ihm mindestens in den kommenden beiden Jahren als Bleibe in Frankfurt dienen soll. Wobei die Fahndung nach frischen Kräften für den einzigen hessischen Bundesligaklub „eindeutig Priorität genießt“, wie Skibbe sagt. Vorläufig und bis auf weiteres logiert der 43 Jahre alte Trainer in einem Hotel. Erst nach der Rückkehr aus den beiden anstehenden Trainingslagern, dem Abschluss der knapp fünfwöchigen Vorbereitung und dem Start in die neue Saison sei ein Umzug geplant.

Für sein Ansinnen, die Mannschaft künftig offensiver und attraktiver spielen zu lassen, sind ihm auf seiner Südamerika-Reise zwei „sehr interessante“ potentielle Verstärkungen ins Auge gefallen, sagte er im Gespräch mit dieser Zeitung. Doch weder über Namen, Nationalität oder mögliche Positionen wollte er im Detail sprechen. „Denn das könnte unsere Bemühungen erschweren.“ Momentan sei die Eintracht bestrebt, mit den beiden Profis in Kontakt zu treten, um zu klären, ob für sie ein Wechsel nach Frankfurt vorstellbar wäre. Generell, so Skibbe, sei es in diesem Sommer ungleich schwerer als in der Vergangenheit zu Geschäftsabschlüssen zu kommen. „Niemand ist von den Einflüssen der allgemeinen wirtschaftliche Situation verschont geblieben.“

Finanzielle Bescheidenheit

Außer Real Madrid vielleicht. Doch der letztjährige Eintracht-Testgegner spielte auch ohne die Unterstützung des umtriebigen Präsidenten Florentino Pérez seit jeher in einer anderen Liga. Für Frankfurter Verhältnisse, sagte Skibbe, seien auch Transfers mit Ablösesummen in einer Größenordnung von ein, zwei oder drei Millionen Euro aktuell nicht mehr ohne weiteres über die Bühne zu bringen. Doch er habe mit der finanziellen Bescheidenheit und der gleichzeitig von ihm erwarteten Neuausrichtung des Teams „keine Probleme. Ich wusste, als ich hier unterschrieben habe, was mich erwartet“.

So stehen Michael Fink (Besiktas Istanbul), Junichi Inamoto (Stade Rennes), Leonard Kweuke (Energie Cottbus) und Kreso Ljubicic (Hajduk Split) bislang als Abgänge bei der Eintracht fest. Hinzu kommen neben Akteuren aus der eigenen Jugend bisher nur Torwart Ralf Fährmann vom FC Schalke 04 und Abwehrspieler Maik Franz vom Karlsruher SC. Skibbe hatte bei seiner Präsentation Anfang Juni deutlich gemacht, dass er es für unbedingt nötig erachte, Fink und Inamoto durch adäquate Profis zu ersetzen – und dass auch ein weiterer Angreifer zum Aufgebot hinzustoßen solle. Der Wunsch nach einem weiteren Angreifer wurde ihm bereits abgeschlagen. „Ich kann im Moment nicht handeln“, gibt der Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen, in Personalunion auch Sportlicher Leiter, zu.

Weniger verkaufte Logenplätze

Die monetären Möglichkeiten des Klubs sind offenbar stark eingeschränkt. Er müsse „Einnahmen und Ausgaben im Auge behalten“, beschreibt er die Lage, was heißen soll, dass er zunächst Spieler, die noch über gültige Verträge verfügen, von der Gehaltsliste streichen muss, bevor er andere Auserwählte unter Vertrag nehmen kann. Mehreren Kickern und deren Beratern habe er schon in persönlichen Gesprächen mitgeteilt, dass ihre Einsatzchancen in der künftigen Runde „eher gering“ seien. Es war ein Wink mit dem Zaunpfahl, diese Spieler sollten sich nach neuen Arbeitsplätzen umschauen. Bis heute sei aber nichts geschehen – es seien halt „schwierige Zeiten“, meint Bruchhagen.

Der Verhandlungsspielraum des Eintracht-Chefs ist aus vielen Gründen eingeschränkt. So musste die Eintracht beim Verkauf von Logen deutliche Einbußen hinnehmen, während die über 3000 Business-Seats ebenso komplett verkauft werden konnten wie 26 000 Dauerkarten. Zudem wurde bekannt, dass Skibbe-Vorgänger Friedhelm Funkel weiter sein Gehalt bezieht, im Jahr geschätzt knapp eine Million Euro, und mitnichten aus eigenem Antrieb den Verein verließ, wie von der Eintracht kommuniziert.

„Linie der Vernunft“

Die Liquidität bei der Spielersuche leidet darüber hinaus unter einer Ausschüttung von einer Million Euro an die Aktionäre der „Fußball AG“, die der Aufsichtsrat unter Vorsitz von Herbert Becker unlängst beschloss. 72 Prozent der Aktien gehören dem Verein Eintracht Frankfurt, der 720 000 Euro erhielt.

Nach Angaben des Fachmagazins „Kicker“ soll diese Summe dazu dienen, Mehrkosten abzudecken, die nach dem Aufstieg der U23 von der Oberliga in die Regionalliga im Jahr 2008 entstanden sind. Bruchhagen wollte sich zu dem Thema öffentlich nicht äußern. Der Vorstandsvorsitzenden legte vielmehr Wert auf die Feststellung, dass ihm gerade in dieser angespannten Situation viel daran liege, „die Linie der Vernunft“ nicht zu verlassen. „Herr Pröckl und ich sind sehr etattreu.“ Gemeinsam mit dem Finanzvorstand werde er sich an das vom Aufsichtsrat der AG vorgegebene Budget halten. „Ich werde ganz sicher keine Prinzipien über den Haufen werfen“, sagt er, „wir werden weiter behutsam und vorsichtig agieren“. Vieles sei „im Fluss“, sagte Bruchhagen, und schließlich sei „die Transferliste ja noch bis Ende August offen“. Hört sich so an, als ob für Skibbe und die Fans der Eintracht vorerst Geduld nicht die schlechteste Tugend ist.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: DPA

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