Im Gespräch: Ioannis Amanatidis

„Auf dem Platz bin ich ein anderer“

14. Mai 2008 Der Profifußball ist ein anspruchsvolles Geschäft. Hier sollen, neben jedem einzelnen Spieler, ganze Mannschaften Charakter zeigen. Und das in einem Umfeld, in dem es um immer mehr geht, vor allem um viel Geld. Es geht, behauptet Ioannis Amanatidis, auch wenn es manchmal gar nicht so einfach ist. Der 26 Jahre alte griechische Angreifer ist seit dieser Saison Kapitän von Eintracht Frankfurt. Er kennt sich aus in der Bundesliga, war er doch auch schon für den VfB Stuttgart und den 1. FC Kaiserslautern am Ball. Im Sommer wird er für Griechenland bei der Europameisterschaft spielen. Im Gespräch redet Ioannis Amanatidis im vierzehnten Teil der FAZ.NET-Serie „SOLO - Ein Thema, ein Interview“ über - Charakter.

Immer wieder heißt es im Fußball, Mannschaften - meist erfolgreiche - hätten Charakter. Gibt es das, den Charakter einer Mannschaft?

Ein Spiel drehen, einen Rückstand aufholen, was hat das mit Charakter zu tun?

Die Charakterfrage hat im Fußball also nichts verloren?

Sicher geht es im Sport auch um Charakter. Zum Beispiel beim Thema Fair Play. Oder in gewissen Situationen auf dem Platz, die für den Schiedsrichter schwer zu entscheiden sind. Wenn da jemand dazwischenhaut und aus sich herausgeht, um richtungweisende Entscheidungen möglicherweise zu kippen, und den Schiedsrichter darauf hinweist: Es war nicht so, Sie haben es falsch gesehen - das hat mit Charakter zu tun, mit der Stärke eines Spielers, mit Ehrlichkeit.

Und was, wenn Sie damit Ihrer Mannschaft schaden?

Wenn ich einen Schiedsrichter korrigiere, ist es völlig egal, ob es für mich persönlich oder die Mannschaft positiv oder negativ ist. Das ist Fair Play, das hat Charakter, es zeigt Stärke. Heutzutage wird im Fußball mit allen Tricks und Varianten versucht, Vorteile herauszuziehen und den Schiedsrichter hereinzulegen. Das ist für mich der Punkt, an dem der Fußball verlorengeht. Wenn der eine oder andere Spieler ein bisschen ehrlicher wäre und Charakter und Stärke zeigen würde, um Spiele fair zu gewinnen, dann würden es Schiedsrichter einfacher haben.

Können Sie sich vorstellen, in der neunzigsten Minute zum Schiedsrichter zu gehen und eine Entscheidung gegen Eintracht Frankfurt herbeizuführen? Oder wäre das Dummheit?

Ich finde nicht, dass das dumm ist. Es geht darum, ehrlich zu sein. Ich glaube, neunundneunzig Prozent der Spieler würden das nicht machen. Sicherlich, es ist viel Geld im Spiel. Aber Fußball ist doch immer noch Fußball. Alles sollte im Rahmen bleiben. Es ist Sport.

Hat eine Mannschaft, die in der neunzigsten Minute das Siegtor erzielt, nicht auch Charakter gezeigt?

Das hat nichts mit Charakter zu tun. Jeder von uns weiß doch, dass das Spiel neunzig Minuten dauert.

Und was ist mit den Bayern, die so oft Spiele erst kurz vor Schluss gewinnen?

Das ist kein Charakter. Es hat etwas mit der eigenen Stärke zu tun. Bayern München versucht immer, ein Spiel zu dominieren, in der ersten und in der neunzigsten Minute. Ihre Erfolge haben nichts mit Glück oder Pech zu tun - und auch nicht mit Charakter. Sie haben eben eine gewisse Qualität.

Welchen Charakter hat die Mannschaft von Eintracht Frankfurt?

Wir sind im dritten Jahr in der ersten Liga, wir haben uns Jahr für Jahr verbessert. In den letzten Wochen haben wir allerdings ein paar Flecken hinterlassen, weil die Ergebnisse nicht gestimmt haben. Aber unser Charakter? Wir haben eine gewisse Qualität, dafür müssen wir aber immer 120 Prozent geben. Von der Qualität der einzelnen Spieler sind wir nicht mit den Spitzenmannschaften der Bundesliga zu vergleichen. Da stehen andere Teams mit anderen Ambitionen, die viel weiter als wir sind. Bei denen wird schon lange kontinuierlich gearbeitet. Wir mit unseren Qualitäten müssen läuferisch gegenhalten. Mit ganz simplen und einfachen Dingen muss man die anderen bekämpfen, um irgendwie auf einen gleichen Level zu kommen.

Passen die Spieler der Eintracht charakterlich zusammen?

Seit ich hier bin, war die Mannschaft noch nie so gut zusammengestellt. Wir haben keinen Ausreißer, niemanden, der seinen eigenen Weg geht. Dass manche links oder rechts ausscheren, das gibt es bei uns nicht. Es gibt keine Problemfälle, keine Stänkerer. Sicher, wenn einer auf der Bank sitzt, ruft er nicht: Hurra, ich darf nicht spielen! Aber da kommt es auf den Charakter und die Vernunft des Einzelnen an, das zu lösen.

Haben Sie als Kapitän dadurch weniger Arbeit?

Ich hätte die Verantwortung, das gemeinschaftliche Gefühl wiederherzustellen, wenn es bei uns schwierige Charaktere gäbe. Aber die gibt es nicht, und deshalb verläuft alles sehr ruhig. Gut, man sagt, dass man in Krisen wie jetzt den wahren Charakter eines Menschen erkennt. Aber niemand von uns hat über die Stränge geschlagen. Und wenn, dann hätten wir ihn wieder zurück ins Boot geholt.

Wie läuft so etwas ab, jemanden wieder auf Kurs und zurück ins Boot holen?

Ich kann Menschen grundsätzlich nicht ändern. Ich kann nicht sagen: Du musst jetzt so funktionieren. Das geht nicht. Der Charakter ist vorgegeben, durch Eltern, Freunde und Bekannte, durch die Erziehung, den kann man nicht ändern. Wir sind schließlich nicht in einer Sekte, sondern in einer Sportgemeinschaft. Bei der Zusammenstellung des Kaders ist der Verein gefragt, und der hat es in den vergangenen Jahren gut gemacht.

Haben Sie das auf Ihren Stationen schon anders erlebt?

Ja, da wurden zum Teil verschiedene Charaktere bunt zusammengewürfelt. Da haben sich Grüppchen gebildet, und es war schwierig, warm und kalt zusammenzuführen.

Werden Sie als Kapitän in Personalentscheidungen eingebunden und um Rat gefragt?

Das hat es schon gegeben, dass ich gefragt wurde: Was hältst du von diesem oder jenem Spieler? Aber mit weiterführenden Gesprächen habe ich nichts zu tun.

Ist Fußball als Mannschaftssport gut für die charakterliche Entwicklung?

Ja, sicher. In einer Mannschaft trifft man auf knapp dreißig Leute, die alle verschieden sind. Um seinen Charakter zu stärken und in einer solchen Gruppe zu wachsen, ist Fußball eine sehr gute Sache. Im Tennis zum Beispiel ist man beim Verlieren auf sich allein gestellt, im Fußball kann man sich gegenseitig helfen - vor allem Jüngeren, die noch nicht so stark sind.

Hat der Fußball Ihren Charakter beeinflusst?

Fußball macht ein bisschen frühreif, weil man schon in jungen Jahren mit sehr vielen Menschen zu tun hat. Ich glaube, dass dadurch der Charakter stabiler wird. Aber Fußball ist nur eine Facette. Ich habe mir aus vielen Feldern des Lebens etwas herausgepickt. Ich habe zum Beispiel beim VfB Stuttgart schon mit sechzehn Jahren Kontakte zum Sohn unseres Präsidenten Gerhard Mayer-Vorfelder gehabt. Das ist ja schließlich nicht irgendeiner. Von solchen Leuten lernt man, alleine schon vom Zuhören.

Wären Sie als Tennisspieler, Karatekämpfer oder Schwimmer ein anderer geworden?

Ich glaube, dass ich als Mensch relativ stabil bin, dass ich meine Meinung habe und die auch lautstark vertrete. Ich denke, dass ich als Individualsportler nicht großartig anders wäre.

Wie würden Sie Ihren Charakter beschreiben?

Als Mensch bin ich ruhig und angenehm. Ich trete auch keinem zu nah. Wenn man mit mir ins Gespräch kommt, bin ich kommunikativ. Aber grundsätzlich bin ich zurückhaltend. Ich will nicht lautstark auftreten und mich präsentieren. Ich will mich zurückziehen mit meinen Leuten und meine Ruhe genießen. So ist mein Charakter, so bin ich.

Müssen Sie sich als Fußballprofi charakterlich ändern? Auf dem Platz sind Sie sehr extrovertiert.

Ja, auf dem Platz bin ich ein anderer, da bin ich wilder. Da will ich einfach alles daransetzen, aus meinen Möglichkeiten das Beste für den Verein herauszuholen. Es ist ein Kreislauf: Wenn der Verein erfolgreich ist, dann gewinnt man auch als Spieler an Wertschätzung und steigert seinen Marktwert. Ich werde fuchsteufelswild, wenn jemand sagt: Ist doch alles egal, dann verlieren wir eben. Das hat mit Charakter zu tun, immer wieder an seine Grenzen zu gehen und das zu machen, wofür ich bezahlt werde. Das Ganze ist ein Kreislauf, das muss man kapieren.

Wann haben Sie es kapiert?

Damit habe ich schon relativ früh angefangen. Mein Weg hat immer schon danach ausgesehen, dass ich Fußballprofi werde. In Stuttgart bin ich schon mit 14 Jahren in die B 1 gekommen und habe dort mit Fünfzehn- und Sechzehnjährigen gespielt. Das war gut so, denn sonst wäre ich unterfordert gewesen. Und dann kam der Sprung in die U 18 - ich war immer noch vierzehn. Ich habe immer schon dafür gelebt und gearbeitet, das Maximale aus mir herauszuholen.

Hat Ihnen das jemand vorgelebt?

Nein, nein, das bin ich. Ich habe mich auch ganz allein beim Fußball angemeldet, beim SC Stuttgart. Da war ich zehn und habe meinen Eltern gesagt: Ich bin jetzt Fußballspieler, ich brauche Schuhe. Ich wollte was mit Fußball machen, und zwar mehr denn je, als wir von der Schule ein Berufspraktikum machen mussten. Da habe ich gesehen, was normale Arbeiter machen müssen. Ich war Zerspanungsmechaniker bei Mercedes-Benz. In der Schreinerei war ich auch, aber dann habe ich mir gesagt: Das kann es doch nicht sein. Schon mit 13, 14 habe ich kapiert, dass alles andere nichts bringt. Ich wollte in den Fußball.

Waren Sie bei aller Zielstrebigkeit nie jugendlich-unvernünftig?

Ich habe nie geschwänzt in der Schule, ich habe nicht geraucht und nicht getrunken. In der Disko war ich das erste Mal, als ich siebzehn war. Ich kann mich an Mitschüler erinnern, die geschwänzt haben. Und was haben sie gemacht? Die haben nur vor der Schule gewartet. Ich habe gesagt: Was machst du hier, du hängst hier rum, geh weg, mach was Vernünftiges, wenn du schon schwänzt. Die haben nicht verstanden, dass das nichts bringt - außer Ärger. Ich war wohl sehr früh schon ziemlich vernünftig.

Was ist typisch griechisch an Ihnen?

Das bin ich nur im Urlaub. Ich lasse mich grundsätzlich schwer aus der Reserve locken. Ich lebe ruhig vor mich hin. Nicht verschlafen, sondern ruhig und sachlich. Solange mir keiner etwas tut, tue ich ihm auch nichts. Ich bin sehr entspannt. Das ist griechische Lebensweise, das Ruhige, nicht zu Hektische. Im Berufsleben kann ich natürlich nicht wie ein typischer Grieche sein, mit diesem „Kommst du heute nicht, kommst du morgen“. Ich könnte momentan auch nicht in Griechenland leben. Ich sitze ein bisschen zwischen den Stühlen.

Sie sind Botschafter des Hessischen Präventionsrates. Warum?

Ich war als Kind in einer ähnlichen Situation. Ich bin mit neun nach Deutschland gekommen, und ich konnte kein Wort Deutsch. Ich wusste überhaupt nicht, was mich erwartet. Ich erinnere mich an einen Streit, bei dem mich zwei Jungs angemacht haben. Ich habe zurückgeschubst - und war die nächsten drei Monate nicht mehr in der Schule. Das ist dann dieses Gefühl: Du kommst aus dem Ausland, keiner spricht mit dir, und dann gehen die auf dich los. Später, nach einem halben Jahr, kam langsam die Kommunikation. Und da hat mir auch der Fußball geholfen. Im Verein habe ich das Ganze dann in die richtigen Bahnen gelenkt.

Mitunter heißt es, Profifußball sei keine gute Charakterschule, junge Spieler verdienten zu schnell zu viel Geld, sie protzten mit großen Autos und hätten zu viele Schulterklopfer um sich herum. Stimmt das?

Natürlich kann diese Situation schlecht sein. Aber es kann auch schlecht sein, wenn du 2000 Euro im Monat verdienst, und nach drei Tagen ist alles weg, weil du rauchst, trinkst oder süchtig bist nach Automatenspielen. Wenn du ein schlechtes Umfeld hast, machst du so etwas. Wenn ein Fußballer ein schlechtes Umfeld hat, rennt er auch ins Kasino - nur nicht mit 2000, sondern mit 20.000 Euro. Es ist so oder so eine Charakterfrage, was man daraus macht. Ich könnte auch jeden Tag in der Stadt sein und mich in Cafés setzen, damit mich jeder sieht. Aber das ist nicht mein Charakter. Wichtig ist doch: Wie stabil ist ein Mensch? Welchen Einfluss haben andere auf dich? Das Umfeld ist mitentscheidend.

Hatte Ihr Umfeld viel Arbeit mit Ihnen?

Egal, was ich gemacht habe: Ob ich mir ein Haus oder ein Auto gekauft oder etwas für die Altersvorsorge getan habe - das habe ich grundsätzlich alles selber gemacht. Ich vertraue natürlich auch Leuten, die schon lange an meiner Seite sind. Zum Beispiel meinem Spielerberater, der sich um mich kümmert, seit ich sechzehn bin. Ich habe auch immer noch die gleichen Freunde wie früher. Da hat sich nichts geändert, nur weil ich Profifußballspieler geworden bin. Jeder muss selber wissen, was für ihn gut oder schlecht ist. Da sind der Charakter und die Stabilität eines Menschen entscheidend. Aber wenn ich so zurückblicke, war das nicht verkehrt, was ich gemacht habe.

Das Gespräch führten Uwe Marx und Ralf Weitbrecht.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z. - Roger Hagmann

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