Nach Bremens Sieg gegen den HSV

Kung-Fu-Wiese und die grimmig Entschlossenen

Von Frank Heike, Hamburg

08. Mai 2008 Eine zurückhaltende Antwort, ein sanftes Schuldeingeständnis vielleicht, das hätte Tim Wiese viele Pluspunkte eingebracht nach einem packenden Nordderby, das er durch große Paraden mitentscheiden durfte, obwohl er in der 43. Minute die Rote Karte hätte sehen müssen. Wiese aber sagte: „Olic ist in mich reingelaufen, ich habe den Fuß zu hoch. Man sieht es nicht, aber ich berühre zuerst den Ball. Die Gelbe Karte ist okay.“

Das war schon eine tollkühne Auslegung der Szene, in der ein überhartes Spiel kulminierte: Ein hoher Ball fliegt in Richtung Bremer Strafraum, Werders Naldo greift den Hamburger Stürmer Olic nicht an, und Wiese rennt aus seinem Tor bis zum Rand der Sechzehnmeterzone, um den Ball vor Olic zu erreichen - schafft das aber nur mit Hilfe eines Kung-Fu-Tritts auf Schulterhöhe. Olic sinkt zu Boden. Verletzt hat er sich zum Glück nicht. Alles wartet nun auf den Platzverweis gegen Wiese, doch Schiedsrichter Wagner ist sich unsicher, sucht den Augenkontakt zum Assistenten. Der ist auch ratlos, und es bleibt bei einer Verwarnung. Glück für Werder. Auch der Bremer Sportdirektor Klaus Allofs schätzt die Szene später parteiisch ein: „Tim will an den Ball, kommt etwas zu spät und trifft Olic unglücklich. Da war keine Absicht dabei.“ Das mag sein, doch ob Vorsatz oder nicht: Wer so zutritt wie der Bremer Torwart, muss vom Platz gestellt werden.

Schaaf ließ seine Mannschaft in italienischer Manier spielen

Es war für die Hamburger eine bittere Note, dass Wiese bleiben durfte, danach famos hielt und Werder ein 1:0 in diesem knallharten und elektrisierenden Nordderby sicherte, das ausgiebig bejubelt wurde. Auch von Trainer Thomas Schaaf. Als alle Bremer in der Kabine waren, ging er in aller Ruhe zu den 5000 Werder-Fans und feierte den Sieg als Solo-Nummer. „Ich mache so etwas nicht jede Woche“, sagte Schaaf, „es gibt ja auch nicht jede Woche Grund dazu. Es war mal wieder an der Zeit, den Fans für ihre Unterstützung zu danken.“

Mit etwas Abstand von diesem Kampf der norddeutschen Rivalen mit sieben Gelben, einer Gelb-Roten (57.) gegen Baumann und einer Roten Karte (90.) gegen Vranjes wird man vor allem Schaaf als Gewinner sehen: Vor Wochen noch wurde er angeklagt, er lasse seine Mannschaft ohne Absicherung sorglos nach vorn spielen. Nun haben das mit Geduld herbeigeführte 2:0 gegen Cottbus und vor allem dieses in italienischer Manier erzwungene 1:0 von Hamburg die Trendwende zum Guten gebracht. Schaafs Mannschaft hat gezeigt, dass sie auch anders kann als schön, nämlich grimmig entschlossen. Für Werder Bremen ist die fünfte Teilnahme an der Champions League zum Greifen nah.

HSV gegen Werder: Ein Spezialfall der Liga

Weniger emotional als die anderen bewertete Schaaf die ungewohnte Aggressivität seiner Mannschaft: Werder, härter als normal? „Ich habe das nicht so gesehen“, antwortete er, „es war ein Kampfspiel mit vielen Emotionen. Der HSV hat enorm viel Druck gemacht. Es war schwer, dagegenzuhalten.“ Auch der HSV hatte ja zugelangt. Ohne Sanktionen blieben etwa die ausgefahrenen Ellbogen von Guerrero und Kompany gegen Wiese und Diego.

Die überhitzte Atmosphäre trug sicher zur Härte bei. Die Eskalation der Auseinandersetzung war aber auch Schiedsrichter Wagner anzulasten. Er ließ zunächst alles laufen, ehe er Karte auf Karte verteilte. Da war ihm das Spiel schon aus den Händen geglitten. HSV gegen Werder, das ist seit einigen Jahren ein Spezialfall der Liga: nichts für schwache Nerven. Werder spielte anders als sonst, und der HSV auch: mit einer Raute im Mittelfeld. Es sah gut aus, was das Team von Huub Stevens zeigte. Nur das Tor wollte nicht fallen. Auch hier trumpfte Werder wie eine erfahrene Mannschaft aus dem internationalen Wettbewerb auf: Als Hugo Almeida frei zum Schuss kam, bedeutete das den Sieg (50. Minute). „Wir müssen auch mal aus wenig viel machen“, sagte Torwart Frank Rost nachher, „so wie Werder heute.“

Die Kür ist verpatzt, der Uefa-Cup für den HSV Pflicht

Dem HSV das näherzubringen wird mit großer Wahrscheinlichkeit die Aufgabe von Martin Jol sein. Schon in der nächsten Woche soll der 52 Jahre alte Holländer als neuer Trainer des HSV vorgestellt werden. Die Aufsichtsräte sind informiert, und es gilt als sicher, dass sie dem Kandidaten der vier Vorstände zustimmen. Aus Holland und von ehemaligen Bundesliga-Profis wie Paul Stalteri gibt es viele lobende Worte für Jol, der zuletzt die Tottenham Hotspurs trainiert und zweimal in den Uefa-Pokal geführt hat.

Der HSV-Vorstandsvorsitzende Bernd Hoffmann wollte zu Jol noch nichts sagen, wohl aber ein vorläufiges Saisonfazit wagen. „Am 16. März waren wir auf Platz zwei. Wenn man die Champions League sechs Wochen später ad acta legen muss, dann ist die Enttäuschung groß.“ Wieder Uefa-Pokal, das wäre die Pflicht für ein Bundesliga-Schwergewicht. Die Kür hat der HSV gegen Duisburg und Bielefeld verpatzt, zwei mögliche Absteiger.



Text: FAZ.NET mit Material von sid
Bildmaterial: AP, ddp, dpa, REUTERS

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