09. November 2009
Herr Skibbe, reden Sie mit der Fundamentalkritik von Leverkusen Ihre ohnehin schon angeschlagene Mannschaft nicht noch schwächer?
Nach Niederlagen wie im Pokal gegen die Bayern oder jetzt gegen Leverkusen kann man wohl kaum von Schwachreden sprechen. Zweimal 0:4, eine größere Frustration kann man sich als Trainer nicht vorstellen. Da kann man nichts schwachreden, genau so wie man nichts starkreden kann.
Unabhängig vom Inhalt – sollten solche Dinge nicht besser intern geklärt werden?
Heribert Bruchhagen, Bernd Hölzenbein und ich haben in der vergangenen Woche noch zusammengesessen und uns gut ausgetauscht. Wir sind doch alle der Meinung, dass sich etwas bewegen muss, dass wir mit der Eintracht vorwärts kommen wollen.
Aber keiner geht mit seiner Kritik so weit wie Sie. Und keiner geht so weit in die Öffentlichkeit.
Ich bin der Trainer, ich bin geholt worden, um Dinge offen anzusprechen, intern oder öffentlich.
Was genau wollen Sie?
Es geht um ein Umdenken, um Veränderungen im Verein – nach den letzten beiden 0:4-Niederlagen, aber auch nach den Erfahrungen der vergangenen Jahre. Es reicht nicht, immer nur zu sagen, dass die anderen besser spielen oder bessere Möglichkeiten haben. Man muss auch etwas dagegen tun. Außerdem müssen wir aufpassen, dass in nächster Zeit nicht noch andere Mannschaften so an uns vorbeischießen, wie das Hoffenheim oder Wolfsburg getan haben. Das könnten zum Beispiel Borussia Mönchengladbach oder der 1. FC Köln sein, die beide ein Riesenpotential haben. Es ist besser, wir führen diese Diskussion jetzt, wo wir relativ sicher im Mittelfeld zu Hause sind, als wenn wir auf Platz siebzehn mit dem Rücken zur Wand stehen.
Haben Sie nicht gewusst, was auf Sie zukommt, als Sie sich für die Eintracht entschieden haben?
Doch, das wusste ich. Ich kenne die Historie des Vereins, und ich weiß, dass er sich in der Bundesliga etabliert hat – auf einem bescheidenen Niveau. Ich bin gekommen, um einen Umschwung einzuleiten. Es reicht nämlich nicht, offensiveren Fußball oder mehr Punkte als in der vergangenen Saison zu versprechen. Da gehört schon ein bisschen mehr dazu.
Was denn zum Beispiel?
Wir brauchen Veränderungen, und wir müssen diesen Prozess schnell in Gang bringen. Wir müssen uns zum Beispiel perspektivisch Gedanken um unseren Kader machen. 31 Mann sind zu viel, mir wären 22 oder 23 auf einem höheren Niveau lieber, die man dann um junge Spieler ergänzen könnte.
Reicht Ihnen das aktuelle Niveau nicht aus?
Wir haben ein ordentliches Niveau, aber wenn wichtige Spieler wie Amanatidis, Chris oder auch Nikolov fehlen, dann brechen drei von nur fünf oder sechs Stützen weg, die wir nicht ersetzen können. Und die Stützen, die wir haben, werden auch nicht jünger. Amanatidis ist ein Spitzenstürmer, aber er hatte eben auch schon einige Verletzungen, und man weiß nicht, was noch kommt. Chris und Spycher können noch ein, zwei Jahre auf einem hohen Niveau spielen, aber auch hier müssen wir uns Gedanken machen, was danach kommt. Ich bin da einfach geprägt von Vereinen, die dauerhaft auf einem höheren Niveau gespielt haben.
Was würden Sie tun?
Wir brauchen so oder so Veränderungen, und die müssen gut und rechtzeitig vorbereitet werden. Nehmen wir nur die beiden Leverkusener Stürmer Stefan Kießling und Eren Derdiyok. Das waren auch solche Veränderungen im Kader bei Bayer, und die wurden über ein, zwei Jahre vorbereitet. Unter anderem durch mich. So etwas braucht Vorlauf, da sollte man nicht warten, bis man sagen muss: So, morgen brauchen wir einen neuen Spieler.
Ein höheres Niveau bedeutet immer auch ein höheres finanzielles Volumen. Ist das realistisch, wenn man die Politik von Bruchhagen in dieser Frage kennt?
Wir hatten zuletzt im Pokal gegen Aachen und gegen die Bayern zweimal sehr gute Einnahmen. Außerdem hat der Verein Geld gespart, weil Friedhelm Funkel jetzt bei Hertha BSC unter Vertrag steht und nicht mehr weiterbezahlt werden muss. Ich kenne die finanziellen Dimensionen nicht, aber ich gehe mal davon aus, dass es sich zusammengenommen um einen Millionenbetrag handelt. Spielraum sollte also da sein.
Sie würden also investieren?
Wenn es um Summen von, sagen wir, sieben Millionen gehen würde, dann bräuchten wir uns damit nicht zu beschäftigen. Aber bei 700 000 sieht das schon wieder anders aus.
Verlangen Sie mehr Kompetenz bei Spielertransfers?
Was finanziell machbar ist, müssen andere entscheiden. Aber natürlich möchte ich da ein wichtiges Wort mitreden. Ich bin ja erst sehr spät nach Frankfurt gekommen, konnte da also noch nicht so viel Einfluss nehmen. Unsere Transfers sind jedenfalls sehr bescheiden ausgefallen. Wenn andere fünfzehn bis zwanzig Millionen ausgeben, dann war es bei uns noch nicht mal eine.
Kann es sein, dass Sie mit Ihrem Vorstoß auch einen weiteren Versuch vorbereiten wollten, den Brasilianer Lincoln doch noch zu Eintracht zu holen?
Nein, das hat damit nichts zu tun. Es geht mir nicht um einen einzelnen Spieler, sondern um den Weg ganz allgemein.
Einerseits beklagen Sie die Qualität Ihres Kaders, andererseits leisten Sie es sich, einen Spieler wie Caio in Leverkusen von Anfang an spielen zu lassen und ihn nach zwanzig Minuten wieder auszuwechseln, weil er wieder einmal zu große Schwächen hatte. Passt das zusammen?
Ich hätte auch jeden anderen rausnehmen können, er hatte einfach Pech, dass es ihn erwischt hat. Nein, es war kein Fehler, Caio von Anfang an zu bringen. Hätten wir zum Beispiel mit Korkmaz oder Köhler oder auch mit Sebastian Jung angefangen, hätte das nichts daran geändert, dass wir nach zehn Minuten 0:3 hinten liegen.
Lässt sich die ganze Diskussion über Spieler, Geld und Konzepte so zusammenfassen, dass Sie keine Lust haben, dauerhaft um Platz zehn herum mitzuspielen?
Nicht mir, der Eintracht müsste das zu wenig sein. Ich bin jedenfalls hierher gekommen, um etwas zu entwickeln und nicht, um etwas zu verwalten.
Stimmt es, dass Ihr zweites Vertragsjahr in Frankfurt an bestimmte Vorgaben, zum Beispiel an den Tabellenplatz oder an erreichte Punkte, gekoppelt ist?
Zu Vertragsinhalten mache ich keine Angaben.
Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie den Verein vorzeitig verlassen, weil sie kein Vorankommen sehen?
Das kann ich mir zum jetzigen Zeitpunkt nicht vorstellen.
Das Gespräch führte Uwe Marx.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: DPA