Von Frank Heike, Bremen
03. Dezember 2006 Es gibt mindestens zwei Miroslav Kloses. Der eine verzaubert die Bundesliga mit magischen Momenten wie zuletzt gegen Dortmund, Bielefeld und am Samstag gegen Berlin - Tore aus einer anderen Galaxie. Der andere schrumpft unter der Schere einer coolen Friseurin zum Bubi mit Piepsstimme - der konturlose Klose in Wortmanns "Sommermärchen", für viele die lustigste Szene des Films. Der eine narrt die Abwehr von Chelsea und köpft das Tor bei der WM gegen Argentinien. Der andere verrät dem Fußballmagazin "Rund", daß er zwar gern schnell fährt, privat aber eine Familienkutsche mit genügend Stauraum bevorzugt, damit der Doppel-Kinderwagen für die Zwillinge hineinpaßt.
Miroslav Klose, der beste deutsche Stürmer und derzeit einzige deutsche Spieler von Weltruf, ist die beste Mischung aus schüchtern und draufgängerisch. Und man kann ziemlich genau sagen, daß die eine Charaktereigenschaft ihn außerhalb des Feldes treffend beschreibt, die andere auf dem Rasen. Ist das nicht die perfekte Zusammensetzung für einen Profi?
Ein torgefährlicher Normalo
Auch, weil Klose pflegeleicht ist, weil es keine einzige dokumentierte Eskapade von ihm gibt, weil er gern angelt, und natürlich, weil er, egal wie müde, immer alles gibt für den Verein, wird der Stürmer von Werder Bremen anderthalb Jahre vor Ablauf seines Vertrages von allen großen europäischen Klubs gejagt: Klose ist ein mannschaftsdienlicher Anti-Star, ein torgefährlicher Normalo mit Fähigkeiten und Fertigkeiten, die ihn so sehr über die meisten anderen Bundesligaprofis erheben, daß er oft genug auch in der 93. Minute noch wirkt, als könne er Medizinbälle ins Publikum schießen.
Nach zwei Jahren der Komplettierung in Bremen und im Alter von 28 Jahren wäre es eigentlich normal, würde sein Berater Alexander Schütt ihm nun gut zureden, den Schritt auf die europäische Bühne zu wagen - und dort den letzten Makel auszuradieren: daß er immer dann Schwierigkeiten bekommt, wenn es gegen die Großen geht. Wie im WM-Halbfinale gegen den Italiener Cannavaro. An der Kritik ist natürlich etwas dran. Aber ist das mehr als ein aufgewärmtes Klischee? Der Kopfballtreffer gegen den Argentinier Ayala im Viertelfinale von Berlin spricht in jedem Falle für Klose.
Mailand, Chelsea, Manchester und Turin
Wie auch immer: Die Jagd ist eröffnet. Und die Wahrscheinlichkeit ist eher gering, daß der Angreifer auch in der Serie 2007/2008 noch für Werder aufläuft. Der AC Mailand soll der Hauptinteressent sein, aber auch der FC Chelsea, Manchester United und Juventus Turin sind im Rennen. Anders als bei Michael Ballack gibt es eine Bieterschlacht. Und es fällt auf, daß Berater Schütt schon jetzt Aussagen lanciert, Prognosen abgibt und sich in seiner Rolle als Entscheider sehr gut gefällt: Demnächst wird er mit Klose viel Geld verdienen.
In den vergangenen Monaten hat Schütt schon hier und da versucht, das öffentliche Bild Kloses etwas konturierter aussehen zu lassen: mehr Selbstbewußtsein, mehr Tatkraft. Als zurückhaltender Schweiger läßt sich der Nationalspieler auf Dauer eben doch schwer vermarkten. Schütt kommt übrigens aus dem Stall des Ballack-Beraters Becker; Persönlichkeitsbildung, Laufbahnplanung sind hier keine Fremdwörter. Es sei wahrscheinlicher, daß Klose im Ausland spielen werde als in Deutschland, soll Schütt zuletzt gesagt haben.
Werder bleibt mein erster Ansprechpartner
Für Werder wäre das natürlich auch die letzte Chance, eine satte Ablösesumme zu bekommen. Doch das ist erst der zweite Wunsch von Sportdirektor Klaus Allofs. Werder will bis an die Grenzen des Machbaren gehen, um den Angreifer zu halten - wie damals 2004, als Allofs den Aufsichtsrat überzeugen mußte, um Klose vom 1. FC Kaiserslautern loszueisen. Nicht jeder in Bremen war damals von den Fähigkeiten des stillen Stars überzeugt. Die Linie der Bremer verdeutlicht Trainer Thomas Schaaf: "Einen Spieler wie Klose können wir nicht ersetzen. Das Wertvolle an ihm sind nicht nur seine Tore, sondern seine Eigenschaft, auch Tore für Mitspieler vorzubereiten. Das macht ihn für jede Mannschaft wertvoll."
Nach dem Endspiel um den Einzug ins Achtelfinale der Champions League beim FC Barcelona an diesem Dienstag sollen die Gespräche beginnen. Klose sagt: "Werder bleibt mein erster Ansprechpartner. Wir werden sehen, ob wir Lichtjahre voneinander entfernt sind oder ob wir weitersprechen."
15 bis 20 Millionen könnte Bremen verdienen
Es bleibt Spekulation, aber Werder soll bereit sein, dem Stürmer 3,6 Millionen Euro im Jahr zu zahlen. Klose mag keinen allgemeinen Trend ausgeben: "Mich reizt zwar das Ausland. Aber ich habe mich noch nicht festgelegt, wann ich wechseln werde." In Bremen geht man das alles sehr gelassen an. Natürlich will man den Star halten. Doch Werder hätte Pizarro, Ailton, Ismael, Micoud und wie sie alle hießen, auch gern behalten. Kein anderer deutscher Verein hat den ständigen Aderlaß besser verkraftet.
Allofs hat frühzeitig den Aachener Jan Schlaudraff kontaktiert. Dem 23 Jahre alten Nationalspieler ist ein großer Sprung zuzutrauen, käme er nach Bremen doch zu einem Trainer, der noch fast jeden Spieler vorangebracht hat. Schlaudraffs Ablöse ist festgeschrieben: 1,2 Millionen Euro. Wieviel Werder im Sommer 2007 für Klose bekäme, ist auch Spekulation. 15 bis 20 Millionen Euro dürften es wohl sein.
Besonders gut würde Kloses Spielweise auf der britischen Insel zur Geltung kommen. Setzte er sich hingegen in Italien durch, gäbe es auch keine Restzweifel mehr an seiner Weltklasse. Aber vielleicht möchte er ja auch den Vertrag erfüllen und seine Tore zumindest ein Jahr lang weiter für Werder schießen. Hier wüßte der bodenständige Pfälzer, was er hat. Und er müßte keine neue Sprache lernen.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 03.12.2006, Nr. 48 / Seite 20
Bildmaterial: AFP, AP, ddp, dpa, obs, REUTERS